Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Mittwoch, 23.05.2012
Schweinegrippe: Ehrlichkeit ist Trumpf
Forscher fordert intensive Vorbereitung auf Pandemien
Die „Neue Grippe“ oder „Schweinegrippe“ ist derzeit in aller Munde: Impfen oder nicht und mit welchem Wirkstoff ist die Frage - dabei werden viele der wichtigen Fragen gar nicht gestellt. Wie geht das Leben weiter, falls die Grippe kommt, oder auch irgendeine andere ansteckende Krankheit? Kann man sich für den Ernstfall wappnen? Ja, man kann und sollte sich vorbereiten, lautet das Fazit eines Bochumer Wissenschaftlers.

Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
© CDC Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
Er plädiert für eine ehrliche Informationspolitik, Vertrauen in die Bürger und frühzeitige Übung des Krisenfalls für Helfer und Einsatzkräfte.

Aufklärung und Information der Bevölkerung
„Wir leben in Mitteleuropa in einer klimatisch und sozial sehr sicheren und risikoarmen Gegend und stehen in der Gefahr, unser Risikobewusstsein für alle möglichen Arten von Risiken und Unsicherheiten schwach werden zu lassen“, so die Analyse von Professor Hans-Martin Sass vom Zentrum für Medizinische Ethik der Ruhr-Universität Bochum.

Der Forscher hält es für sinnvoll, sich schon heute Gedanken zu machen, wie im Falle einer Pandemie - sei sie natürlich entstanden oder durch Bioterror mutwillig hervorgerufen - agiert werden soll. Als unentbehrlich sieht er die ehrliche Aufklärung und Information der Bevölkerung, auch über Unsicherheiten.

Geheimniskrämerei ist schädlich
Die „Geheimniskrämerei“ der Regierungen gefährde nicht zuletzt auch ihre Vertrauenswürdigkeit, auf die es im Krisenfall ankommt. Gut informierte Bürger könnten zudem selbst eine ganze Menge tun, um im Ernstfall besser geschützt zu sein.

Zu den einfach zu treffenden Vorkehrungen zählt Sass zum Beispiel die Bevorratung mit Lebensmitteln, die es erlaubt, potentiell ansteckende Kontakte möglichst einzuschränken und die das Überleben auch in Zeiten ermöglicht, in denen das öffentliche Leben womöglich aufgrund massenhafter Erkrankungen zusammenbricht. Als ebenso wichtig erachtet der Medizinethiker das frühzeitige Training von Ordnungskräften und medizinischem Personal.

Ethik im Notfall ist anders
Sass reflektiert außerdem ethische Gesichtspunkte unter den Voraussetzungen verschiedener Szenarien, angefangen bei einer einfachen Pandemie mit bis zu 50 Prozent Infizierten und bis zu 20 Prozent Toten bis hin zum Worst Case Szenario mit über 50 Prozent Toten. Sein Schluss: „Die Ethik im Notstand unterscheidet sich in ihren Maßnahmen und Regeln, nicht aber in ihren Werten, von der Ethik im Normalfall.“

Konkret heißt das, dass Mittel wie Ausgangssperren und Impfzwang im Notfall durchaus angebracht sein können, jedoch nur, wenn es kein anderes Mittel mehr gibt und sie wirklich Erfolg versprechen. Im Notfall tritt nach Angaben des Forschers das Überleben der Allgemeinheit an die Stelle des Wohls des Einzelnen - ein Gegensatz zwischen Hippokratischem Grundsatz der Medizin und „Public Health“.

Eigenes Gewissen als letzte Instanz
„Die letzte Instanz wird immer das eigene Gewissen des Handelnden sein“, so Sass. Umso wichtiger, dass sich jeder mit den Gegebenheiten und Handlungsoptionen in einer Krise vertraut macht, bevor sie eintritt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schweinegrippe, Infektion, Erreger, Virus, Viren, Krankheit, Medizin, Pandemie, Politik
Weitere News zum Thema
Genvariante macht Grippe lebensbedrohlich (27.03.2012)
Mutation erklärt die unterschiedliche Anfälligkeit für Virusinfektionen
La Nina förderte Influenza-Pandemien (17.01.2012)
Vier größte Grippewellen entstanden nach besonders starken Wetteranomalien
Grippe: Forscher hemmen tödlichen Zytokinsturm (16.09.2011)
Forscher hemmen erstmals überschießende Immunreaktion nach Infektion
Grippe kann Schlafkrankheit "Narkolepsie" auslösen (23.08.2011)
Saisonale Grippeimpfung scheint Erkrankungsrisiko nicht zu erhöhen
Nanosensor erschnuppert Krankheitserreger (29.03.2011)
Mit Nanoröhrchen auf einem Chip DNA-Spuren schnell und zuverlässig nachweisen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Influenza
Viren
Dossiers zum Thema
Influenza
Alter Feind in neuem Gewand
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
Biowaffen
Wie groß ist die Gefahr?
AIDS
Auf der Suche nach der Wunderwaffe
Vogelgrippe
Vom Tiervirus zur tödlichen Gefahr für den Menschen
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
News des Tages
"Intelligentes" Skalpell erkennt Krebs
Gorillas im Kochtopf
Schweinegrippe: Ehrlichkeit ist Trumpf
Nie wieder Gammelfleisch?
Nordseeküste wird "durchleuchtet“
Forscher fordern mehr Laborexperimente
Bücher zum Thema
Wächst die Seuchengefahr?
von Stefan H. E. Kaufmann und Susan Schädlich
Der Kampf zwischen Mensch und Mikrobe
2 CDs (Audio CD) von Stefan H. E. Kaufmann (Erzähler), Klaus Sander (Produzent)
Menschen, Seuchen und Mikroben
Infektionen und ihre Erreger von Jörg Hacker
Viren
Grundlagen, Krankheiten, Therapien von Susanne Modrow
Viren. Die heimlichen Herrscher
Wie Grippe, Aids und Hepatitis unsere Welt bedrohen von Ernst-Ludwig Winnacker
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Der kleine Medicus
von Dietrich H. W. Grönemeyer
Top-Clicks der Woche
1. Schon mäßiger Dauerlärm schädigt das Gehirn
2. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Stress macht Männer sozialer
5. Schwarze Löcher heizen dem Universum ein