Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Schwangerschaft: Wie Stresshormone auf den Nachwuchs wirken
Natürliche Hormonproduktion des Kindes wird verändert
Wenn eine Frühgeburt droht, erhalten Schwangere oft synthetische Stresshormone, um die Lungenreifung des Ungeborenen zu beschleunigen. Schweizer Wissenschaftler sind nun zum Ergebnis gekommen, dass diese Glukokortikoide auch die Hormonproduktion des Kindes verändern. Sie berichten über ihre Ergebnisse online in der Fachzeitschrift „Endocrine Reviews“.

Schwangerschaft
Schwangerschaft
© SXC Schwangerschaft
Wenn Komplikationen in der Schwangerschaft auf eine Frühgeburt hinweisen, setzen Ärzte seit den 1970er-Jahren Glukokortikoide ein. Diese synthetischen Stresshormone helfen unter anderem, die Lungenreifung des Ungeborenen zu beschleunigen, damit es bei einer vorzeitigen Geburt auch außerhalb des Mutterleibs überleben kann.

Die Glukokortikoide können aber die Entwicklung des Fötus nachhaltig beeinflussen. Vor allem das körpereigene Stresssystem, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse (HHNA), reagiert besonders empfindlich auf vorgeburtliche Einflüsse durch synthetische Glukokortikoide.

49 Studien ausgewertet
Ein Team um Gunther Meinlschmidt an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel untersucht seit längerem wie der Nachwuchs auf Belastungen in der Schwangerschaft reagiert. Aus dieser Arbeitsgruppe hat nun die Wissenschaftlerin Marion Tegethoff gemeinsam mit Meinlschmidt und Christopher Pryce von der Universität Zürich systematisch 49 Studien aus den letzten rund 40 Jahren ausgewertet.

Diese untersuchten den Einfluss von vor der Geburt verabreichten synthetischen Glukokortikoiden auf die HHNA-Aktivität des Kindes bereits im Mutterleib, aber auch kurz nach der Geburt und in der frühen Kindheit.

HHNA-Aktivität reduziert
Die Forscher stellten dabei fest, dass der vor der Geburt behandelte Nachwuchs eine reduzierte HHNA-Aktivität aufweist und somit zum Beispiel eine geringere Menge des Stresshormons Cortisol produziert, sowohl unter Ruhebedingungen als auch etwa in Reaktion auf Impfungen in den ersten Lebensmonaten.

Während sich die Unterschiede unter Ruhebedingungen in den ersten zwei Lebenswochen aufheben, scheinen Unterschiede in Reaktion auf Schmerzen durch einen Nadelstich auch noch im Alter von vier Monaten zu bestehen. Die Forscher berichten weiter, dass die Aktivität des Stresssystems zum Beispiel von der Medikamentendosis abhängt.

Veränderte Aktivität des Stresssystems als Gefahr?
Noch ist unklar, ob die veränderte Aktivität des körpereigenen Stresssystems kurz- und langfristig die Gesundheit der betroffenen Kinder beeinträchtigt. Doch helfen die Befunde, so die Wissenschaftler, das Verständnis der häufig lebenswichtigen Glukokortikoidgabe zu vertiefen und geben Anhaltspunkte für notwendige weitere Forschung.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Hormone, Schwangerschaft, Cortisol, Stress, Lunge, Gesundheit, Krankheit, Glukokortikoide
Weitere News zum Thema
Schiffslärm stresst Wale körperlich (08.02.2012)
Forscher finden Abbauprodukte von Stresshormonen in Wal-Kot
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Krebs (03.02.2012)
Auswirkungen ähnlich stark wie beim Rauchen
Testosteron verzögert Sprechenlernen (27.01.2012)
Hormongehalt im Nabelschnurblut gibt Hinweise auf spätere Sprachentwicklung
Bonobos gewinnen Weibchen durch Freundschaft (18.01.2012)
Beziehung beeinflusst Hormonspiegel der ranghöchsten Männchen
Jugendliche: Gehirn stärker auf Belohnung programmiert (18.01.2012)
Areal für die Bildung von Gewohnheiten reagiert anders als bei Erwachsenen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
News des Tages
Seltsame Xi-Teilchen überraschen Forscher
Kaffeetrinken hinterlässt Spuren im Körper
Altersblindheit: Rolle der Gene anders als gedacht
Wie Epstein-Barr-Viren Zellen austricksen
Schwangerschaft: Wie Stresshormone auf den Nachwuchs wirken
Forscher machen hohle Kugeln leichter
EPO aus der Retorte
Bücher zum Thema
Feuerwerk der Hormone
Warum Liebe blind macht und Schmerzen weh tun müssen von Marco Rauland
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Der kleine Medicus
von Dietrich H. W. Grönemeyer
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway