Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Gendefekt schuld an Empfindungsstörungen
Wissenschaftler entschlüsseln Erbgut-bedingte neurodegenerative Erkrankung
Ein internationales Wissenschaftlerteam hat eine Gen-Mutation entschlüsselt, die eine Schädigung des peripheren Nervensystems mit schweren Empfindungsstörungen verursacht. Dabei entdeckten sie ein Protein, das eine wesentliche Rolle für den so genannten Golgi-Apparat bestimmter Nervenzellen spielt.

DNA
DNA
© MMCD
Durch die identifizierten Genveränderungen wird dieses Protein bei betroffenen Patienten nicht mehr gebildet. Die Folge ist das Absterben von Nervenfasern, so dass die Betroffenen Verletzungen an den Fingern und Zehen kaum wahrnehmen können. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher der Universitätskliniken Jena und Hamburg-Eppendorf gemeinsam mit Kollegen aus Antwerpen, Zürich, Ankara, Ontario, Jena und Köln in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Nature Genetics“.

Lepra-Verdacht falsch
„Die erste Verdachtsdiagnose lautete Lepra“, beschreibt Professor Christian Hübner das Krankheitsbild bei einer Patientin, deren Finger und Zehen verstümmelt waren. „Aber Lepraerreger konnten nicht nachgewiesen werden und als wir erfuhren, dass mehrere Geschwister der Frau auch betroffen waren, wurden wir hellhörig.“

Der Verdacht, dass die Erkrankung eine genetische Ursache hatte, bestätigte sich. Untersuchungen des gesamten Genoms der Familie grenzten den verdächtigen Bereich auf dem Chromosom 5 ein und ergaben schließlich, dass bei allen von der Erkrankung betroffenen Familienmitgliedern sowohl die väterliche als auch die mütterliche Kopie des FAM134B-Gens mutiert waren. Bei den nicht erkrankten blutsverwandten Eltern der Patientin und gesunden Geschwistern lag die Mutation nur auf einem der beiden Kopien vor - für die Genetiker ein klassisches Beispiel eines so genannten autosomal-rezessiven Erbganges.

Golgi-Apparat
Golgi-Apparat
© AG Hübner/UKJ Golgi-Apparat
Vererbte Mutation als Ursache
„Unser Interesse war geweckt“, so der Neurogenetiker Hübner, „denn die Funktion des Gens war noch nicht erforscht worden. Wir wollten wissen, ob eindeutig diese Mutation zu dem beschriebenen Krankheitsbild führt und vor allem, wie.“ Zunächst fahndeten die Mediziner unter 75 weiteren Patienten, die unter Empfindungsstörungen, eingeschränkter Reizleitung, Knochenentzündungen an den Fingern und Zehen und als Folge Verstümmelungen litten, nach Veränderungen im FAM134B-Gen. Bei dreien wurden sie fündig - die Mutation war also die Ursache.

Im nächsten Schritt klärten die Forscher die Funktion des Gens. Es enthält den Bauplan für ein Protein, das besonders in solchen Nervenzellen vorkommt, die Reize von den äußeren Extremitäten zum Gehirn leiten und dazu besonders lange Zellfortsätze haben. „Innerhalb dieser Zellen fanden wir das Protein vor allem im Golgi-Apparat, einer Art Zellreaktor, in dem von der Zelle gebildete Eiweiß- und Fettmoleküle modifiziert und sortiert werden“, so Ingo Kurth, Humangenetiker am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Damit tauchte gleich die nächste Frage auf: Welche Funktion hat das Protein dort?“

Neues Golgi-Protein entdeckt
Solche Fragen beantworten Wissenschaftler oft indirekt. Die Genetiker untersuchten deshalb, was schief geht, wenn das vom Gen verschlüsselte Eiweiß fehlt. Dazu schleusten sie ein Virus in leicht handhabbare Tumorzellen, das genau das fragliche Gen ausschaltete. Als Folge davon hatte der Golgi-Apparat in diesen Zellen nur etwa zwei Drittel seiner normalen Größe, Zellwachstum und -teilung waren stark eingeschränkt.

„Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das von uns gefundene Eiweiß eine wesentliche Rolle für die Struktur und damit die Funktion des Golgi-Apparates spielt. Kommt es zu einer Störung dieses Zellorgans, kann eine Vielzahl von Botenstoffen in den Nervenzellen nicht mehr regelgerecht hergestellt werden - mit schlimmen Folgen für die Funktion vor allem von den Nervenzellen, die aufgrund ihrer langen Zellfortsätze besonders empfindlich sind“, fasst Hübner die Ergebnisse zusammen. Diese Vermutung wurde bestätigt durch die Beobachtung, dass wie bei den Patienten auch im Zellkulturmodell der Proteinverlust zum Absterben dieser Nervenzellen führt.

Gentherapie reine Zukunftsmusik
Die Arbeit der Neurogenetiker ist Grundlagenforschung, sie stellt ein Puzzleteil im völlig unvollständigen Bild der genetisch bedingten neurodegenerativen Erkrankungen dar. Einen direkten Weg für die Behandlung der Betroffenen können die Wissenschaftler noch nicht aufzeigen, eine Gentherapie ist reine Zukunftsmusik.

Doch der Patientin, deren falsche Lepradiagnose vor über fünf Jahren der Ausgangspunkt der Untersuchungen war, halfen die Medizinforscher trotzdem: Sie konnten ihr nach der Untersuchung ihrer sieben Kinder versichern, dass die Kinder nicht an der Nervendegeneration erkranken werden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gene, Erbgut, Mutation, Nervenzellen, Nervensystem, Verletzungen, Empfindungsstörungen, Proteine, Eiweiße, Golgi, Lepra, Medizin, Krankheit
Weitere News zum Thema
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
DNS-Scanner
Gliazellen
Genetik
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Gentherapie
Hybris oder Heilsbringer?
Haute-Couture für Viren
Neue Behandlungsstrategien gegen Krebs
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
News des Tages
Klimawandel bringt Monsun durcheinander
Schlüssel-Gen fürs Sehen identifiziert
Terahertz-Signale für eine Handvoll Euro
Alzheimer: Fresszellen im Gehirn träger als gedacht
Birnenallee in Niedersachsen ist Allee des Jahres 2009
Gendefekt schuld an Empfindungsstörungen
Deadline für Klimawende schon in fünf Jahren?
Bücher zum Thema
Intelligente Zellen
von Bruce Lipton
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes