Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Dunkle Materie nur Illusion?
Neue Beobachtungen stellen Existenz dunkler Materie in Frage
Eine neue Beobachtung stellt die Astronomen vor Rätsel. Danach scheint zwischen der Verteilung dunkler und sichtbarer Materie in Galaxien ein unerwarteter Zusammenhang zu bestehen, berichten sie in „Nature“. Die Beobachtungen lassen nur zwei Schlüsse zu: Entweder die bisherigen Annahmen über die Natur der dunklen Materie sind in einem wichtigen Punkt falsch - oder es gibt die dunkle Materie gar nicht.

Dunkle Materie ist nicht sichtbar und nur indirekt nachzuweisen
Dunkle Materie ist nicht sichtbar und nur indirekt nachzuweisen
© NASA Dunkle Materie ist nicht sichtbar und nur indirekt nachzuweisen
Galaxien rotieren so schnell, dass die Sterne in ihnen eigentlich aufgrund der Fliehkraft auseinander getrieben werden müssten. Das hat die Physikerin Vera Rubin schon vor 40 Jahren bei Untersuchungen des Andromeda-Nebels festgestellt. Eine rätselhafte Kraft scheint das jedoch zu verhindern. Viele Forscher vermuten daher, dass die so genannte dunkle Materie aufgrund ihrer Masseanziehung die Galaxien zusammenhält. Bislang hat jedoch niemand den mysteriösen Sternenkitt tatsächlich nachweisen können.

Dunkle und sichtbare Materie tauschen sich aus
Das liegt auch daran, dass dunkle Materie unsichtbar ist. Nach der aktuellen Lehrmeinung kann sie im Prinzip nur auf eine einzige Weise mit „normaler“ Materie interagieren: durch Gravitation, die Kraft also, die uns auf dem Boden hält. Ein europäisches Forscherteam hat nun jedoch eine erstaunliche Entdeckung gemacht, die dieses Paradigma in Frage stellt.

„Die dunkle und sichtbare Materie in Galaxien scheinen sich auf eine rätselhafte Weise miteinander auszutauschen“, erklärt Benoit Famaey, Gastwissenschaftler der Universität Bonn. „Die dunkle Materie scheint irgendwie viel zu genau zu ‚wissen‘, wie die sichtbare Materie in Galaxien verteilt ist.“

„Sternentanz“ anders als erwartet
Zusammen mit Kollegen aus Belgien, Schottland und Italien hat er berechnet, wie groß die Menge dunkler Materie in den inneren Regionen verschiedener Galaxien anhand der Beobachtungsdaten sein müsste. „Dabei haben wir eine Beziehung zwischen den beiden Materieformen festgestellt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte“, sagt er.

Merkwürdigerweise scheinen sich die Sterne im Zentrum großer Galaxien normal zu verhalten. Man kann sich eine kugelförmige Grenzfläche denken, die das Zentrum umschließt. Innerhalb dieser Grenzfläche braucht man die dunkle Materie gar nicht. Außerhalb verläuft der „Sternentanz“ aber nicht mehr wie eigentlich erwartet. Das europäische Forscherteam hat nun die Größe der Grenzfläche zur Gesamtmasse der sichtbaren Materie in Beziehung gesetzt, die von ihr umschlossen wird.

Erstaunlicherweise ist diese so genannte „Flächendichte“ konstant - ein völlig unerwartetes Ergebnis. Man kann es nämlich so interpretieren, als würde die dunkle Materie erst ab einer bestimmten Beschleunigung nötig.

Newton'sche Gravitationstheorie falsch?
„Irgendetwas geht da vor, das nicht in das bisherige Paradigma passt", meint Famaey. Die Analysen legen seiner Meinung nach zwei mögliche Erklärungen nahe: Entweder sei die Interaktion zwischen normaler und dunkler Materie komplexer als bislang gedacht. Oder - und diese Lösung sei in vielerlei Hinsicht weit einfacher - die Gravitationsgesetze von Newton und Einstein müssten modifiziert werden. In den galaktischen Dimensionen würden dann größere Gravitationskräfte wirken. Der Israelische Wissenschaftler Mordehai Milgrom hatte diese Überlegung bereits 1983 angestellt.

„Die jetzigen Beobachtungen decken sich genau mit dem, was Milgrom vorhergesagt hat“, erklärt Professor Pavel Kroupa vom Bonner Argelander-Institut für Astronomie. „Sie sind ein weiterer eindrucksvoller Hinweis, dass die Newton'sche Gravitationstheorie so nicht stimmen kann.“

Ernsthafte Lücken in der Physik der Galaxien und der Kosmologie?
Famaey bestätigt: „Unsere Analysen zeigen, dass die zusätzlich benötigten Gravitationskräfte sehr stark mit der Verteilung der sichtbaren Materie zusammen hängen. Durch eine Modifikation der Gravitationstheorie ließe sich dieser Befund problemlos erklären - schließlich wäre dann die sichtbare Materie die einzige Quelle der Gravitation.“

Und Kroupa ergänzt: „Im Angesicht dieser Resultate scheint es immer deutlicher zu werden, dass die heute bekannte Physik der Galaxien und der Kosmologie ernsthafte Lücken aufweist.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Dunkle Materie, dunkle Energie, Universum, Kosmos, Weltall, Gravitation, Galaxien, Sterne, Physik, Kosmologie, Newton, Einstein
Weitere News zum Thema
Auch Zwerggalaxien sind Kannibalen (09.02.2012)
Astronomen beobachten, wie sich ein kleines Milchstraßensystem ein noch kleineres einverleibt
Schwarze Löcher beendeten Sternenboom (26.01.2012)
Forscher enthüllen ungestüme Jugend der heute massereichsten Galaxien
Forscher kartieren Dunkle Materie (11.01.2012)
Kosmisches Netz erstreckt sich über eine Milliarde Lichtjahre
Massearmer Stern in Kugelsternhaufen entdeckt (16.12.2011)
Erster Nachweis eines Zwergsterns mit Mikrogravitationslinse
Bevölkerungsexplosion in Zwerggalaxien (11.11.2011)
Ungewöhnlich produktive Sternsysteme scheinen Problem der Verteilung Dunkler Materie zu lösen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Dunkle Materie
Sterne
Sternennebel
Dossiers zum Thema
Die dunkle Seite des Universums
Dunkle Materie schließt Lücke zwischen Modell und Beobachtung
Die Milchstraße
Unsere chaotische Heimat
Im Kreißsaal der Sterne
Der Entstehung von Sternen auf der Spur
Kosmische Wirbel
Geheimnisse der Spiralgalaxien
Vulkane im Kosmos?
Explodierende Galaxien
Albert Einstein
Wie die Zeit relativ wurde und die vierte Dimension entstand
Von Riesen und Zwergen
Die Welt der Sterne
News des Tages
Sumatra-Beben von 2004 schwächte San Andreas-Verwerfung
Supertreibhaus: Tiefes Wasser rettete gestresste Korallen
Dunkle Materie nur Illusion?
Jonglieren verbessert kognitive Fähigkeiten
Antikörper verraten Diabetes
Bremsen Staubpartikel die Klimaerwärmung?
Mit Antiteilchen auf Fehlersuche
Bücher zum Thema
Einstein sagt
Zitate - Einfälle - Gedanken von Albert Einstein und Alice Calaprice
Der Weltraum
Planeten, Sterne, Galaxien von Heather Couper & Nigel Henbest
Was zu entdecken bleibt
Über die Geheimnisse des Universums, den Ursprung des Lebens und die Zukunft der Menschheit von John R. Maddox
Das Universum
"Die Schöpfung" und "Die Sterne"
Das Schicksal des Universums
Eine Reise vom Anfang zum Ende von Günther Hasinger
Gravitation
Die Urkraft des Universums
Kleines 1x1 der Relativitätstheorie
Einsteins Physik mit Mathematik der Mittelstufe von Gottfried Beyvers und Elvira Krusch
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes