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Freitag, 10.02.2012
"Bewegungsmelder" in der Netzhaut identifiziert
Wie Informationen über sich nähernde Objekte verarbeitet werden
Wenn eine Maus einen Raubvogel entdeckt, muss sie schnell reagieren und die Flucht ergreifen. Dabei erkennt sie zunächst, dass sich ein Objekt annähert. Der Wahrnehmungsprozess beginnt im Auge, genauer gesagt in der Netzhaut oder Retina. Doch was passiert dort genau? Bei der Antwort auf diese Frage sind Forscher jetzt einen entscheidenden Schritt weiter gekommen.

Labormaus
Labormaus
© NCI Labormaus
In der Mausretina haben sie einen Nervenzelltyp entdeckt, der auf Annäherung spezialisiert ist. Die Wissenschaftler um Dr. Thomas Münch vom der Universität Tübingen, Professor Rava Azeredo da Silveira von der Ecole Normale Supérieure in Paris, Botond Roska vom Friedrich-Miescher-Institut in Basel sowie Kollegen der kanadischen Dalhousie University haben außerdem wichtige Elemente des informationsverarbeitenden Netzes identifiziert, zu dem diese Zellen gehören. In der Online-Ausgabe von „Nature Neuroscience“ beschreiben sie, wie diese Informationsverarbeitung den Nervenzellen Empfindlichkeit für sich nähernde Objekte verleiht.

Milliarden von Zellen
Das Nervensystem, zu dem auch die Netzhaut gehört, besteht aus Milliarden von Zellen. Diese haben verschiedene Formen und physiologische Fähigkeiten und werden von Neurowissenschaftlern in verschiedene Typen eingeteilt. Wichtige Fortschritte in den Neurowissenschaften konnten häufig dann erreicht werden, wenn eine bestimmte Funktion einem bestimmten Nervenzelltyp zugewiesen werden konnte.

Diese Funktionen beruhen im Grunde auf Unterscheidungen: Wie unterscheidet das Nervensystem zwischen einem Gesicht und einem anderen? Wie wird zwischen einem sich nähernden und einem seitlich vorbeiwandernden Objekt unterschieden? Die Forschungsarbeiten von Münch und seinen Kollegen machen deutlich, dass komplizierte visuelle Unterscheidungen bereits in der Netzhaut getroffen werden, das heißt, sehr früh in der visuellen Informationsverarbeitung. Die Netzhaut sendet nämlich über den Sehnerv verschiedenste Informationen in parallelen Bahnen zum Gehirn, wo in der Sehrinde der eigentliche Seheindruck erst entsteht.

Spezialisierung auf sich nähernde Objekte
Die Forscher haben Nervenzellen in der Retina untersucht, die auf Bewegungen reagieren. Ein Zelltyp, die so genannten PV5-Ganglienzellen, sammelt und vereint Informationen von vielen kleineren Zellen. Dies ermöglicht es den PV5-Ganglienzellen, die Ränder sich bewegender Objekte zu erfassen. Von diesen kleinen Zellen gibt es zwei Arten: solche, die die PV5-Zelle anregen und solche, die sie hemmen.

Die Wissenschaftler präsentierten nun der Netzhaut verschiedene dunkle Balken: einen größer werdenden Balken, um die Annäherung eines Objekts zu simulieren, einen kleiner werdenden Balken für sich entfernende Objekte sowie einen vorbeiwandernden Balken. Es zeigte sich, dass nur die anregenden Zellen aktiv sind, wenn sich ein Objekt im visuellen Feld nähert - also vom Betrachter aus größer wird. PV5-Ganglienzellen erzeugen dann ein starkes Signal ans Gehirn.

Wenn aber ein Objekt sich entfernt oder sich seitlich vorbei bewegt, werden zusätzlich auch hemmende Zellen aktiv. Dadurch vermindern sie nach Angaben der Forscher die anregenden Signale oder heben sie auf. Die Summe von vielen einzelnen, relativ einfachen Funktionselementen wird also in der PV5-Zelle zusammengeführt und verleiht dieser eine neue visuelle Fähigkeit, nämlich die Spezialisierung auf sich nähernde Objekte.

Experimente im Tageslicht mit überraschenden Ergebnissen
Der wichtigste Bestandteil dieses Nervennetzes der PV5-Ganglienzellen sind die kleinen Zellen, die durch ihre hemmende Wirkung selektiv die Antwort auf sich nicht nähernde Objekte unterdrücken. Diese Zellen waren den Neurowissenschaftlern bereits aus einem ganz anderen Zusammenhang bekannt: dem Dunkelsehen.

Bei ihren Experimenten im Tageslicht fanden die Forscher, dass die Signale nun in der umgekehrten Richtung weitergegeben werden als beim Dunkelsehen; die gleiche Nervenleitungsbahn wird also unter verschiedenen Bedingungen zu unterschiedlichen Zwecken genutzt. Dadurch lasse sich illustrieren, so die Forscher, wie effizient mehrere Funktionen von ein und demselben Nervennetz geleistet werden können.
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