Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Mit dem Mikro-Shuttle in lebende Zellen
Infrarotlaser setzt gezielt Wirkstoff im Zellinneren frei
Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen stoffwechselresistente Mikrokapseln in lebende Zellen einzuschleusen und deren Inhalt durch Laserimpuls zu einem bestimmten Zeitpunkt gezielt freizusetzen. In einem ersten Test diente die Methode dazu, intrazelluläre Immunprozesse zu markieren und sichtbar zu machen. Die Forscher konnten so das Geschehen vom Freisetzen zellfremder Proteine im Zellinneren bis zu deren Einbau als Antigene an der Zelloberfläche verfolgen.

Zellen (grün) mit Mikroshuttles (orange)
Zellen (grün) mit Mikroshuttles (orange)
© MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung Zellen (grün) mit Mikroshuttles (orange)
Viele Stoffwechselprozesse der Zelle, wie zum Beispiel die Immunantwort auf Virus-Infektionen, lassen sich nur dann entschlüsseln, wenn Forscher die Transport- und Umsetzungsschritte der beteiligten Substanzen zeitgenau nachvollziehen können. Dafür verwenden sie oft Markermoleküle, deren Schicksal sie in den Zellen mit verschiedenen Nachweismethoden verfolgen. Viele dieser Methoden haben einen entscheidenden Nachteil: Die molekularen Marker können nicht in ausreichender Menge in die lebenden Zellen eingeschleust werden. Andere Präparationsmethoden mit höheren Reagenz-Konzentrationen beeinträchtigen wiederum die Zellfunktionen und somit den normalen Ablauf der untersuchten Prozesse.

Mikroshuttles aus Kunststoff mit Nano-Goldteilchen
Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam-Golm, der Jacobs University Bremen und der Queen Mary University London haben nun eine Mthode entwickelt, um lebende Zellen möglichst schonend mit definierten Mengen experimenteller Marker zu präparieren und diese dann kontrolliert zu einem definierten Zeitpunkt im Zellinneren freizusetzen. Letzteres sollte erst geschehen, nachdem sich die Zellen von negativen Präparationseffekten erholt haben.

Für die Substanz-Einschleusung entwickelten die Forscher „Miniaturshuttles“ aus speziellen stoffwechselresistenten Kunststofffasern mit eingelagerten Nano-Goldpartikeln. Die Mikrotransporter besitzen einen Durchmesser von rund zwei Mikrometern, was der Größe eines kleinen Bakteriums entspricht. Hergestellt werden die Kapseln, indem man die Kunststofffasern netzartig um einen mineralischen Kern wickelt, der dann durch Säure herausgelöst wird. Die so entstandenen porösen Mikro-Hohlkugeln können die gelöste Testsubstanz aufsaugen und werden dann versiegelt, indem die Kunststoffmoleküle durch Erwärmen geschrumpft und die Poren so verschlossen werden.

Infrarotlaser schmilzt Kapselwand auf
In die lebenden Zellen gelangen die gefüllten Kapseln mittels Diffusion durch die Zellwände. Durch Elektroporation, eine Art Elektroschockbehandlung, werden diese für Partikel dieser Größe durchlässig gemacht. Um die Testsubstanz im Zellinneren freizusetzen, werden die Zellen dann mit einem Infrarotlaser beschossen, der die Zellen nicht schädigt, jedoch von den Nano-Goldpartikeln in den Kapselwänden absorbiert wird. Die „Shuttles“ erhitzen sich dadurch, die Kapselwände schmelzen auf.

Zum Test der Methode schleusten die Wissenschaftler Mikrokapseln mit künstlichen, fluoreszenzmarkierten Proteinfragmenten in das Innere von lebenden Nagetierzellen in flüssiger Nährlösung ein. Damit lösten sie kontrolliert eine Immunantwort der Zellen, die sogenannte Antigenpräsentation, an der Zelloberfläche aus. Nach der Freisetzung der Marker durch Laserimpuls konnten die Forscher die Ausbreitung der zellfremden Peptidmarker in der Zelle, ihre Aufnahme durch Protein-Komponenten des Immunsystems, den sogenannten MHC-Proteinen, und ihren Transport an die Zelloberfläche sowie ihren dortigen Einbau als Antigene in hoher zeitlicher Auflösung unter dem Fluoreszenzmikroskop beobachten.

Mit verschiedenen Inhalten befüllbar
Die neuentwickelte Methode der Kapselherstellung ist besonders vielseitig, da sehr verschiedene Polymere und Nanopartikel verwendet und somit maßgeschneidert werden können. Die Gruppe um André Skirtach und Helmuth Möhwald konnte zudem zeigen, dass die Kapselwand nur für die Dauer des Laserpulses und nur lokal im Bereich von 30 Nanometern Umkreis aufgeschmolzen wird. Damit können viele Freisetzungsprofile und Substanzmengen erreicht werden, was wiederum ein großes Einsatzgebiet eröffnet, so zum Beispiel die Umprogrammierung oder Selektion von Zellen in der Stammzellforschung.

Einsatz für Therapie nicht unwahrscheinlich
„Für die Therapie erscheint die Methode nur auf den ersten Blick ungeeignet. Bedenkt man jedoch, dass Infrarotlicht extra einen Zentimeter tief in ein Gewebe eindringen kann und das in der Medizin die Diagnose und Therapie mit Lichtleitfasern immer verfeinerter erfolgt, ist auch eine lichtinduzierte Wirkstofffreisetzung im Gewebe keine Utopie mehr“, erklärt Möhwald, Direktor der Abteilung Grenzflächen am Max-Planck-Institut. Für eine derartige Entwicklung ist jedoch noch eine langjährige Grundlagen- und auch angewandte Forschung nötig.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Mikrokapsel, Wirkstoff, Zelle, Fähre, Kapsel, Medikament, Marker, Stoffwechsel, Laser, Medizin, Präparat, Einschleusen, Zellfunktion, Fluoreszenz, Biotechnologie, Medizintechnik
Weitere News zum Thema
Intelligente Kunststoffe reparieren sich selbst (08.03.2011)
Neu entwickelte elastische Polymere stoppen Risswachstum
Kopfschutz mit Duftalarm (08.06.2010)
Duftöl warnt vor unsichtbaren Schäden am Fahrradhelm
Duft enthüllt defekte Fahrradhelme (02.06.2010)
Neuartiger Kopfschutz beginnt zu riechen, wenn sich Risse im Kunststoff bilden
Nanokapseln machen Oberflächen selbstheilend (04.08.2009)
Flüssigkeitsgefüllte Kapseln reparieren Kratzer in galvanischen Oberflächen
Arzneikapseln aus künstlicher Spinnenseide (26.06.2007)
Hochelastische Mikrokapseln setzen Wirkstoffe gezielt frei
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Apoptose – der programmierte Zelltod
Die Lizenz zum Töten
Gentherapie
Hybris oder Heilsbringer?
Unter die Haut
Barriere im Belagerungszustand
Haute-Couture für Viren
Neue Behandlungsstrategien gegen Krebs
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
News des Tages
Bakterien quetschen sich durch Nanoschlitze
Nanoflares heizen Sonnenkorona auf
Blutdruckmittel gegen Multiple Sklerose?
„Klarträumen“ lässt sich trainieren
Mit dem Mikro-Shuttle in lebende Zellen
Elektro-Autos erst ab 2030 wettbewerbsfähig
Bücher zum Thema
Die Geschichte der Medizin
Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Der kleine Medicus
von Dietrich H. W. Grönemeyer
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes