Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Stillgelegte Gene als Warnhinweis für Blutkrebs
Verräterische Methylierungen an der DNA schon lange vor Ausbruch der Erkrankung präsent
Im Erbgut von Krebszellen sind wichtige Wachstumsbremsen oft durch chemische Markierungen der DNA stillgelegt. Jetzt haben Wissenschaftler entdeckt, dass bei Mäusen die krebstypischen Erbgut-Markierungen lange vor den ersten Symptomen einer Blutkrebs-Erkrankung auftreten. Ein Test auf die Genmarkierung könnte daher eine entstehende Krebserkrankung frühzeitig aufspüren. Die Ergebnbisse der Studie sind in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) erschienen.

Krebszellen
Krebszellen
© National Cancer Institute
Bei vielen Krebserkrankungen sind Teile des Erbguts der Tumorzellen durch chemische Markierungen, so genannte Methylgruppen, stillgelegt. Diese kleinen chemischen Verbindungen bewirken, dass ein Gen nicht mehr abgelesen und in Proteine übersetzt werden kann. Im Gegensatz zu Genmutationen, die die Abfolge der Erbgutbausteine endgültig verändern, sind solche epigenetischen Mutationen reversibel und daher potenzielle Zielstrukturen für entsprechende Medikamente.

Besonders häufig betroffen sind ausgerechnet solche Gene, die als wichtige Bremsen des krankhaften Zellwachstums wirken. Krebsforscher wissen bisher nicht, warum sich gesunde und Krebszellen im Methylmuster unterscheiden und warum gerade die Krebsbremsen so häufig ausgeschaltet werden. Diese Fragen gelten als vielversprechendes Forschungsfeld, da Medikamente zur Verfügung stehen, die das Anheften der Methylgruppen oder auch andere epigenetische Veränderungen verhindern und damit die Krebsentstehung zumindest hinauszögern können.

Leukämie-Mäuse als Modell
Professor Christoph Plass im Deutschen Krebsforschungszentrum untersuchte nun gemeinsam mit Kollegen von der Universität in Columbus, USA, wie es zu den abweichenden Methylmarkierungen in Krebszellen kommt. Dabei ist eine zentrale Frage, wann im Verlaufe der Krebsentstehung erste Markierungen auftreten. Als Untersuchungsmodell für ihre gerade veröffentlichte Studie wählten die Wissenschaftler Mäuse, die an chronisch-lymphatischer Leukämie erkranken. Die Forscher untersuchten das Erbgut der Leukämie-Mäuse von Geburt an in regelmäßigen Abständen.

Markierung schon lange vor Ausbruch der Krankheit
Erste krebstypische Methylmuster entdeckten sie bereits bei drei Monate alten Mäusen. Die abweichende Methylierung tritt damit weit vor den ersten Anzeichen der Erkrankung auf, die erst bei dreizehn Monate alten Tieren beobachtet werden. Darüber hinaus konnten die Forscher zeigen,
dass die Methylmuster im Mäuse-Erbgut weitgehend übereinstimmen mit denen, die auch bei leukämiekranken Menschen gefunden werden. Das bestätigt, dass sich die Leukämie-Mäuse als Untersuchungsmodell für die Erkrankung eignen.

Potenzieller Ansatzpunkt für Früherkennung und neue Wirkstoffe
„Da bei Mäusen so früh schon erste abweichende Methylierungen auftreten, sollten wir prüfen, ob das auch für Menschen gilt. Dann könnte ein frühzeitiger Methylierungs-Test bei Risikopersonen Hinweise auf das Entstehen einer Krebserkrankung geben", erklärt Plass. In diesem Fall könnten die Ärzte möglicherweise präventiv eingreifen: Medikamente, die die Methylanheftung verhindern, könnten die Krebsentstehung verzögern. Erste klinische Studien dazu laufen bereits.

„Das ist wahrscheinlich in einer ganz frühen Phase der Methylierung am sinnvollsten", so Plass. Denn die ersten chemisch stillgelegten Gene lösen nach Meinung der Forscher ganze Kaskaden an Erbgutveränderungen aus, die später nur noch schwer in den Griff zu bekommen sind.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Krebs, Blutkrebs, Leukämie, DNA, Methylierung, Marker, Epigenetik, Früherkennung, Krankheit, Genetik
Weitere News zum Thema
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Jeder Vierte stirbt an Krebs (06.02.2012)
Lungen- und Bronchialkrebs häufigste Todesursache
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Krebs (03.02.2012)
Auswirkungen ähnlich stark wie beim Rauchen
Wie Zellen ihren Müll entsorgen (24.01.2012)
Forscher entschlüsseln die Struktur der zellulären Proteinabbau-Maschinerie
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Krebs
Genetik
Dossiers zum Thema
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Apoptose – der programmierte Zelltod
Die Lizenz zum Töten
News des Tages
Malaria sprang vom Schimpansen auf den Menschen über
Urzeitspinnen in drei Dimensionen
Insektenabwehrstoff Deet wirkt neurotoxisch
Stillgelegte Gene als Warnhinweis für Blutkrebs
Umstände oft stärker als persönliche Werte
Online-Spiele sollen Computer schlauer machen
Zellhaufen im Gehirn koordiniert Fruchtbarkeit
Bücher zum Thema
Thema Krebs
von Hilke Stamatiadis- Smidt, Harald zur Hausen und Otmar D. Wiestler
Medikamente bei Krebs
von Annette Bopp
Die Geschichte der Medizin
Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes