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Donnerstag, 30.03.2017
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Wurfspeer eines modernen Menschen tötete Neandertaler

„Mordfall Shanidar 3“ erster Beweis für zwischenartliche Aggression unter Frühmenschen?

Vor rund 50.000 Jahren wurde Shanidar 3, ein Neandertaler im Nordosten des Irak, umgebracht. Was ihn tötete, haben jedoch erst jetzt Paläontologen durch die Rekonstruktion des möglichen Tathergangs herausgefunden. Ihr überraschendes Ergebnis: Seine Rippenverletzung stammt von einem Wurfspeer, einer Waffe, die damals nur die modernen Menschen, nicht aber die Neandertaler besaßen. Damit könnte Shanidar 3 der erste Beleg für zwischenartliche Aggression zwischen diesen beiden Frühmenschen sein.
Frühmenschen

Frühmenschen

Neandertaler lebten während der Eiszeit in weiten Teilen Europas und dem Nahen Osten. Doch vor rund 50.000 Jahren erhielten sie Konkurrenz: Der moderne Mensch, unser direkter Vorfahre, war inzwischen aus Afrika eingewandert und breitete sich immer mehr aus. Vor rund 35.000 Jahren dann starben auch die letzen Neandertaler aus – warum ist bis heute umstritten. In einer Höhle im nordöstlichen Irak entdeckten Wissenschaftler Ende der 1950er Jahre neun Neandertalerskelette, einer davon, „Shanidar 3“ getauft, gehörte zu einem 40 bis 50 Jahre alten Mann mit leichten Anzeichen für Arthritis und einem scharfen, tiefen Schnitt in seiner linken neunten Rippe.

Kriminalfall der Vorzeit neu aufgerollt


Genau diese Verletzung gab Paläontologen lange Rätsel auf: War sie ein Jagdunfall? Ein Mord? Wer war der Täter? „Was wir haben, ist eine Rippenverletzung mit jede Menge Szenarien, die diese erklären könnten”, erklärt Steven Churchill, Assistenzprofessor für evolutionäre Anthropologie an der Duke Universität. „Die Menschen haben seit 50 Jahren über diese Rippenverletzung spekuliert. Einige hielte es für zwischenmenschliche Gewalt. Andere sagten, es könnte ein Unfall gewesen sein. Aber waren wirklich nur Neandertaler beteiligt? Jetzt haben wir zum ersten Mal experimentelle Beweise für Antworten auf diese Fragen geliefert.“

Der Paläontologe und seine Kollegen nahmen sich dieses Kriminalfalles der Vorzeit an und versuchten mithilfe moderner Methoden den Tathergang zu rekonstruieren. Hilfsmittel ihrer Untersuchungen waren unter anderem ein speziell kalibrierter Bogen, Kopien alter Speer- und pfeilspitzen und zahlreiche Tierleichen.


Wurf-Speer als wahrscheinlichste Ursache


Die ersten Untersuchen der Verletzung ergaben, dass die Verletzung zu einer Reihe von Szenarien, reichend von einem Langstreckenprojektil wie einem Pfeil über ein Messer, eine aus Versehen selbst zugefügte Verletzung oder einen Jagdunfall, passen könnte. Aber welche war es nun? Um dies herauszufinden, führten die Forscher eine Reihe von Tests mit rekonstruierten Waffen durch.

Ein Messer hätte zwar einen passenden Eindringwinkel erzeugt, aber die ausgelösten Verletzungen waren zu gering: „Messerangriffe beinhalten normalerweise eine höhere kinetische Energie“, so Churchill. „Was immer diesen Schnitt erzeugte hatte relativ wenig Schwung und wenig kinetische Energie beim Auftreffen. Das passt eher zu einem Speer, der geworfen wurde.“

Paläontologe Churchill mit Neandertalerknochen

Paläontologe Churchill mit Neandertalerknochen

Als nächstes entwickelten die Forscher einen speziellen Bogen, der Steinzeitspeere mit definierter Kraft abfeuern konnte. Schweinekadaver dienten als Modell für den Neandertaler. Tatsächlich gelang es mit diesem Aufbau, sehr ähnliche Wunden zu erzeugen. Gleichzeitig ergab der Vergleich mit Messungen einer Wunde durch einen gestoßenen Speer, erschienen 2003 in einer Studie, dass ein Speerstoß deutlich mehr massive Schäden am Brustkorb ausgelöst hätte. Ein weiteres Indiz also für einen Speerwurf. Ein weiterer Hinweis war der Winkel des Schnitts. Was immer den Neandertaler traf, drang in einem Winkel von rund 45 Grad in seinen Körper ein. Das stimmt mit der Flugbahn eines geworfenen Speeres gut überein – jedenfalls wenn Shanidar 3 zum Zeitpunkt seiner Verletzung aufrecht stand.

Erster Beleg für Kampf zwischen Neandertaler und mondernem Menschen?


Das spannende an einem Speerwurf als Verletzungsursache ist, dass die Neandertaler zu der damaligen Zeit noch keine Wurfwaffen nutzten. Sie stießen ihre Speere in die Beute. Die modernen Menschen jedoch hatten diese bereits entwickelt und setzten auch Speerschleudern ein um die Reichweite noch zu erhöhen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte Shanidar 3 damit eines der ersten Indizien für einen Kampf zwischen Neandertalern und modernen Menschen darstellen. „Wir glauben, dass die beste Erklärung für diese Verletzung eine Wurfwaffe ist. Und in Anbetracht dessen, wer diese damals bereits besaß und wer nicht, deutet dies auf mindestens einen Akt der zwischenartlichen Aggression hin“, so Churchill.

Zwar wurde Shanidar 3 bisher nicht genau datiert, er lebte aber vermutlich vor etwa 50.000 Jahren. Daher konnte er durchaus modernen Menschen begegnet sein, die gerade um diese Zeit in die Region zurückkehrten. „Wir sagen aber damit nicht, dass da ein Blitzkrieg stattfand, mit modernen Menschen, die über das Land marschierten und die Neandertaler exekutierten. Das möchte ich laut und deutlich betonen“, erklärt Churchill abschließend. Warum Shanidar 3 getötet wurde und wer es konkret getan hat, kann aber auch seine Forschung bisher nicht klären.
(Duke University, 24.07.2009 - NPO)
 
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