Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Südseetraum per Tauchboot
Meeresspiegelschwankungen der letzten 20.000 Jahre im Pazifik untersucht
Vier Wochen Südsee - das klingt nach einem Traumurlaub an palmenbestandenen Stränden. Für ein Team von Meeresforschern war es dagegen eher eine Reise in eine weit entfernte Vergangenheit. In den Gewässern rund um Tahiti suchten sie mit dem Tauchboot JAGO nach Indizien, die mehr Klarheit in die äußerst komplizierten Meeresspiegelschwankungen der vergangenen 20.000 Jahren bringen sollen.

Tauchboot JAGO und Forschungsschiff BRAVEHEART vor der Küste von Französisch Polynesien
Tauchboot JAGO und Forschungsschiff BRAVEHEART vor der Küste von Französisch Polynesien
© Leibniz-Institut für Meereswissenschaften Tauchboot JAGO und Forschungsschiff BRAVEHEART vor der Küste von Französisch Polynesien
Der erste Blick täuscht gewaltig. Wer vom Land aufs Meer hinausblickt oder dieses mit dem Schiff überquert, dem erscheint die Wasseroberfläche als riesige Ebene - von kleineren Wellen einmal abgesehen. Doch in Wahrheit sind die Ozeane zerfurcht von Bergen und Tälern. Höhenunterschiede von bis zu 200 Metern im Verhältnis zum durchschnittlichen Meeresspiegel kommen vor. Das
liegt an der ungleichmäßigen Verteilung der Masse in und auf der Erde und an der Anziehung von Massen untereinander. Die Kontinente besitzen große Massen und damit eine große Anziehungskraft - sie ziehen Wasser der Ozeane an sich. Parallel dazu steigt und fällt der Meeresspiegel aber auch insgesamt je nachdem, wie warm die Atmosphäre ist, wie viel Eis an den Polen schmilzt oder entsteht.

Rifferkundung mit Tauchboot JAGO
Um diese komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen, war eine Gruppe von Forschern des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in die Südsee aufgebrochen. "Die Region rund um Tahiti bietet für unsere Fragestellungen ein einzigartiges Potential", erläutert der Geochemiker Professor Anton Eisenhauer vom IFM-GEOMAR. "Hier sind wir weit weg von den Eisschilden der Nordhemisphäre, die in der Vergangenheit große Meeresspiegelschwankungen verursacht haben", so Eisenhauer weiter. "Der vulkanische Ursprung der Inseln in Verbindung mit der großen Entfernung zu den Kontinenten reduziert weitere Störeinflüsse", ergänzt der Paläoozeanograph Professor Wolf-Christian Dullo.

Verkarstete Strukturen deuten auf einstiges Trockenfallen hin
Die beiden Wissenschaftler verbrachten etwa vier Wochen in der Umgebung Tahitis, um Riffstrukturen im Wasser und an Land zu untersuchen. Ein unentbehrliches Hilfsmittel dabei war
das einzige deutsche Forschungstauchboot JAGO. Von Bord des gecharterten Forschungsschiffes BRAVEHEART aus tauchte JAGO in Tiefen von bis zu 350 Metern. Während der bis zu sieben Stunden dauernden Tauchgänge entlang der steilen und teilweise senkrechten Vorriffhänge von Tahiti und Moorea fanden die Forscher verkarstete Riffstrukturen, die bis in 150 Meter Tiefe reichten.

Verkarstungen lassen darauf schließen, dass dieses Riff einst an der Wasseroberfläche lag.
Verkarstungen lassen darauf schließen, dass dieses Riff einst an der Wasseroberfläche lag.
© Leibniz-Institut für Meereswissenschaften Verkarstungen lassen darauf schließen, dass dieses Riff einst an der Wasseroberfläche lag.
„Die Verkarstungen deuten darauf hin, dass diese Riffe einmal trocken gelegen haben, dass heißt sie befanden sich oberhalb der Wasseroberfläche", erläutert Dullo. Das war vermutlich vor etwa 20.000 Jahren während der letzten großen Eiszeit. "Es war extrem beeindruckend, in JAGO zu sitzen und in kristallklarem Wasser mit Sichtweiten von bis zu 100 Metern an tausenden von Jahren Erdgeschichte vorbeizugleiten", erinnert sich der Forscher nach der Rückkehr. Das mit dem Tauchboot gesammelte Daten- und Probenmaterial soll nun helfen, den Verlauf des Meeresspiegelanstieges seit der letzten Eiszeit möglichst detailliert zu rekonstruieren.

Kontinente heben sich
Im zweiten Teil der Expedition nahmen die Forscher Proben von trocken gefallenen Riffen an Land. Sie sind entstanden, als der Meeresspiegel vor 6.000 Jahren seinen vorläufigen Höchststand erreicht hat. Seitdem sinkt er im gesamten indo-pazifischen Raum wieder leicht ab. Der Grund dafür liegt in der
Massenanziehung der Kontinente. Als am Ende der letzten Eiszeit die großen Gletscher im Norden schmolzen, wurden die nördlichen Kontinente von einer enormen Last befreit. Seitdem heben sie sich langsam immer weiter aus dem Erdmantel und ziehen dabei aufgrund ihrer Masse große Mengen Wasser von Süden nach Norden. Im Zentralpazifik fehlt dieses Wasser, der Meeresspiegel sinkt dort.

Daraus, wie hoch die trocken gefallenen Riffe in Französisch Polynesien mittlerweile oberhalb des Meeresspiegels liegen, können die Wissenschaftler ableiten, wie weit der Wasserstand des Zentralpazifiks in den vergangenen 5.000 Jahren zurückgegangen ist. „Dieses grobe Bild müssen wir nun anhand der gewonnenen Proben bestätigen und verfeinern", erklärt Eisenhauer nach der Rückkehr aus der Südsee. Dazu wird das Material am IFM-GEOMAR mit modernsten analytischen Verfahren untersucht. Mit Hilfe von Isotopenuntersuchungen kann das Alter der fossilen Korallen genau bestimmt werden.

Die Forscher können auch Aussagen zu den Wassertemperaturen machen, bei denen die Korallen einst gewachsen sind- und das auf ca. 0,5 Grad Celsius genau. "Die Isotopenanalytik ermöglicht uns, zu belastbaren Aussagen der Geschichte der Meeresspiegelschwankungen zu kommen", so Eisenhauer. "Wenn der Patient nicht geständig ist, werden wir ihn anhand von Indizien überführen", fügt er optimistisch hinzu.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meeresspiegel, Ozean, Pazifik, Klima, Riffe, Tauchboot, JAGO, Eiszeit, Meer, Karst, Meeresspiegelschwankung
Weitere News zum Thema
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Klimawandel verhindert Eiszeit (10.01.2012)
Ohne Klimawandel begänne die nächste Eiszeit schon in 1.500 Jahren
Längste Grenze zwischen zwei Tierarten entdeckt (30.12.2011)
Verbreitungsgrenze tasmanischer Tausendfüßler gibt Forschern Rätsel auf
Eiszeit: „Tauwetter“ in Antarktis und Arktis begann zeitgleich (02.12.2011)
Abschmelzen beider Eisschilde setzte vor 19.000 Jahren ein
Polarmeer: Aktueller Klimawandel unschuldig an hohen Methanwerten (17.11.2011)
Permafrost vor der sibirischen Küste taut noch nicht auf
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Bikini-Atoll
Tiefseegräben
Kalte Quellen
Heiße Quellen
Kaltwasserkorallen
Dossiers zum Thema
Forscher gehen auf Tauchstation
Auf Expedition zu den kalten Quellen der Tiefsee
Meeresströmungen
Schlüssel zum Klima der Zukunft
Biopumpen wälzen Klima um
Wie Meereslebewesen den Kohlendioxidhaushalt beeinflussen
Auftriebsgebiete der Ozeane
Alles Gute kommt von unten
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
News des Tages
In Zukunft noch mehr und stärkere Gewitter
Einschlag auf dem Jupiter
Infrarot „durchleuchtet“ Nanodrähte
MS: Zwei Faktoren gemeinsam machen krank
Lebendes Fossil im Mittelmeer entdeckt
Zellen wachsen „wie gedruckt“
Südseetraum per Tauchboot
Bücher zum Thema
Globaler Wandel
Die Erde aus dem All von Stefan Dech, Rüdiger Glaser und Robert Meisner
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Der lange Zyklus
Die Erde in 10.000 Jahren von Salomon Kroonenberg
Der bewegte Planet
Eine geologische Reise um die Erde von Richard Fortey
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes