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Freitag, 10.02.2012
Wasser kennt doch Grenzen
Zustand der Flüsse in Ost und West unterscheidet sich stark
Die Mauer ist längst gefallen, doch in Bezug auf die Gewässer Europas könnte sie ebensogut noch stehen: Im Osten gibt es noch viele naturbelassene Flussläufe, deren Wasser aber oft hochgradig verschmutzt ist, während im Westen die Flüsse sehr stark verbaut sind, aber das Wasser relativ sauber ist. Diesen auffälligen Unterschied zwischen Osteuropa und Westeuropa hat jetzt ein internationales Forscherteam festgestellt.

Noch wenig verbaut - die Donau in Orjahovo, Bulgarien
Noch wenig verbaut - die Donau in Orjahovo, Bulgarien
© Forschungsverbund Berlin Noch wenig verbaut - die Donau in Orjahovo, Bulgarien
Etwa 150 Wissenschaftler von Irland bis zum Ural haben sich an einem einzigartigen Projekt beteiligt: Den Zustand der Flüsse in Europa zu beschreiben. Insgesamt untersuchten sie 165 Flusseinzugsgebiete, die mehr als sieben Millionen Quadratkilometer bedecken. Das entspricht etwa Dreiviertel der Fläche von Europa. Die Wissenschaftler berechneten anhand der Daten einen Belastungsindex für die 165 Flusseinzugsgebiete. Die Gebiete mit der höchsten Belastung durch den Menschen sind unter anderem die Iberische Halbinsel, die Balkan-Region und die Türkei. Tragischerweise sind das zugleich die Regionen mit dem höchsten Anteil an bedrohten Fisch- und Amphibienarten.

Unwiderbringlich verändert
Das Naturpotenzial ist nach Ansicht der Forscher besonders in den osteuropäischen Ländern sehr groß. Mit Maßnahmen zur Reinhaltung des Wassers ließen sich hier wieder weitgehend intakte Ökosysteme herstellen. Leider schreitet der Ausbau dieser Flüsse derzeit rasch voran. Dabei sieht die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor, bis 2015 für alle natürlichen Gewässer einen "guten Gewässerzustand" zu gewährleisten. Professor Klement Tockner, Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), gibt dazu eine vorsichtige Prognose: "Anhand der Informationen, die wir in jahrelanger Recherche zusammengetragen haben, mussten wir leider feststellen, dass bereits viele Flüsse unwiederbringlich verändert worden sind."

Einwanderung erleichtert, aber Lebenräume zerstört
In den Flüssen Europas leben bereits bis zu fünfzig Prozent gebietsfremde Fische. Dabei gibt es zwei entgegengesetzte Phänomene: Die Verbauung mit Dämmen und Wehren zerstört den Lebensraum von Wanderfischen wie Stör, Lachs oder Aal. Andererseits werden durch Kanäle und Schifffahrtsstrassen Flüsse verbunden. So sind alle Flüsse von der Rhone bis zur Wolga bereits durch Kanäle miteinander verknüpft, so dass Arten leichter in neue Gebiete wandern können. So gleichen sich die Lebensgemeinschaften immer weiter an und ein Teil der Vielfalt verschwindet.

Querverbau eines Gewässers durch eine Wehranlage
Querverbau eines Gewässers durch eine Wehranlage
© Forschungsverbund Berlin Querverbau eines Gewässers durch eine Wehranlage
Erhaltung der letzten natürliche Gewässer höchste Priorität
In Bezug auf Restaurierungs- und Erhaltungsmaßnahmen sagt Tockner: „Unser Hauptaugenmerk muss auf Regionen liegen, die den höchsten Erhaltungswert haben. Es steht außer Frage: Der Erhaltung der letzten frei fließenden Flüsse muss höchste Priorität eingeräumt werden. Wir müssen dabei gerade auch den ökonomischen Nutzen eines gesunden Flusses im Auge behalten. Intakte Flüsse schützen uns vor Hochwasser, reinigen Abwasser, stellen sauberes Trinkwasser zur Verfügung, sind Zentren
der biologischen Vielfalt und besitzen einen hohen ästhetischen und kulturellen Wert."

Dabei betont Tockner, wie wichtig es ist, über Ländergrenzen hinweg zusammenzuarbeiten: "Nehmen Sie die Donau, der internationalste Fluss weltweit. Er ist auch der artenreichste Fluss Europas, der ein Viertel aller Fischarten Europas beheimatet, und ein Drittel der Arten der Donau kommen nur dort vor, sind also endemische Arten. Um sie zu schützen entwickeln die Anrainer, insgesamt neunzehn Staaten, gemeinsame Konzepte."

Kleinräumige Maßnahmen bringen nicht viel
Ein weiterer Rat der Wissenschaftler in Richtung Politik: Vereinzelte und kleinräumige Maßnahmen bringen wenig und kosten trotzdem viel. Ein wegweisendes Beispiel ist der Fluss Skjern in Dänemark. Hier wurde nicht nur der Flusslauf wieder zurückgebaut und Auen wurden wiederhergestellt, auch Landwirte wurden in die Planungen einbezogen und es wurden Konzepte für Ökotourismus entwickelt. Tockner: "Wir benötigen ein umfangreiches Schutz- und Revitalisierungskonzept für die Flüsse und Bäche Europas".

Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind in dem Buch "Rivers of Europe" zusammengetragen. Es ist das erste umfassende Werk über den Zustand der Flüsse in Europa. Das Buch spiegelt nicht nur die ökologische, sondern auch die kulturelle und sozioökonomische Vielfalt Europas wider. Und es liefert eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für politisches Handeln.
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