• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Dienstag, 25.07.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Kleinste Säuretröpfchen in ultrakalter Falle

Neuer Reaktionsmechanismus bei ultrakalten Temperaturen identifiziert

Genau vier Wassermoleküle sind notwendig, um mit Chlorwasserstoff den kleinstmöglichen Tropfen Säure zu erzeugen. Diese Erkenntnis haben jetzt Bochumer Forscher gewonnen. Sie führten dazu Experimente bei ultrakalten Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt durch, wobei sie die Moleküle mit Infrarotlaserspektroskopie beobachteten, und setzten parallel auf theoretische Berechnungen, so genannte ab initio Simulationen.
Säuretröpfchen

Säuretröpfchen

Diese Reaktion bei eisiger Kälte ist ihren Berechnungen zufolge nur dann möglich, wenn ein Molekül nach dem anderen einzeln hinzugefügt wird, schreiben die Wissenschaftler um Professorin Martina Havenith-Newen und Professor Dominik Marx in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Science“.

Chemie bei eisiger Kälte im All


Gibt man eine klassische Säure wie Chlorwasserstoff (HCl) in Wasser, so spaltet das Säuremolekül bevorzugt ein Proton (H+) ab. Dadurch sinkt der pH-Wert der Lösung stark ab, die Lösung wird also „sauer“. Insbesondere bilden sich durch Zusammenlagerung der abgespaltenen Protonen mit Wassermolekülen so genannte Hydroniumionen (H3O+), die dann für eine Vielzahl weiterer Reaktionen im wässrigen Medium zur Verfügung stehen.

Zwar ist diese Reaktion eine der zentralen Reaktionen der Chemie in wässriger Lösung. Bisher war aber offen, wie viele Wassermoleküle mindestens benötigt werden, um diese Trennung in ein negatives Ion Cl- und ein positives Ion H3O+ zu ermöglichen. „Während wir alle Säuren aus dem Alltag kennen, haben wir jetzt erstmals auf molekularer Ebene Säurebildung direkt beobachtet. Dieses Wissen brauchen wir auch, um chemische Prozesse in nanoskopischen Strukturen, auf kleinen Partikeln oder auf Oberflächen verstehen zu können“, erklärt Havenith-Newen.


Zudem gibt es eine reichhaltige Chemie auch bei sehr tiefen Temperaturen - eine zentrale Grundlage für Reaktionen auf stratosphärischen Wolken oder im interstellaren Medium. Es war aber offen, wie Reaktionen mit ganz wenigen Wassermolekülen bei ultrakalten Temperaturen überhaupt stattfinden können.

Ultrakalte Falle


Um dies experimentell untersuchen zu können, lagerten die Forscher sowohl Chlorwasserstoff als auch einzelne Wassermoleküle sukzessiv in eine besondere kalte Falle ein. Dazu verwendeten sie Tröpfchen von supraflüssigem Helium, die eine Temperatur von weniger als -272,8 °C haben. In diesem Tröpfchen werden die einzelnen Moleküle erst gekühlt, bevor sie miteinander reagieren.

„Supraflüssig“ ist dabei eine spezielle Eigenschaft des Heliums, die bedeutet, dass sich die eingelagerten Moleküle reibungslos darin weiterbewegen können, obwohl sie eigentlich „festgefroren“ sein müssten. Dadurch ist eine Beobachtung mit bisher nicht erreichter Präzision möglich: So eingefangen lässt sich der „Fingerabdruck“ der Säuremoleküle - ihr Infrarotspektrum - genau beobachten.

Durch eine Kombination dieser Einlagerungstechnik mit hochauflösender Infrarotlaserspektroskopie und theoretischen Berechnungen konnten die Chemiker zeigen, dass genau vier Wassermoleküle ausreichen, um mit HCl den kleinsten Tropfen Säure, (H3O)+(H2O)3Cl-, zu bilden.

Reaktion am absoluten Temperaturnullpunkt


Nachdem der Nachweis erbracht war, stellte sich allerdings noch die Frage, wie diese Reaktion überhaupt so nahe am absoluten Temperaturnullpunkt stattfinden kann.

„Normalerweise müssen chemische Reaktionen durch Zufuhr von Wärme aktiviert werden, genauso wie beim Kochen zu Hause durch eine Heizplatte oder Gasflamme“, erläutert Marx. „Wie soll das aber bei weniger als einem Kelvin möglich sein?“ Hier zeigten die Rechnungen im Zusammenspiel mit dem Experiment, dass die Reaktion erst durch den schrittweisen Prozess der Anlagerung selbst ermöglicht wird.

Wichtig: Ein Molekül nach dem anderen hinzufügen


Statt also das HCl-Molekül und alle vier Wassermoleküle gleichzeitig zusammenzugeben und dann abzuwarten, beobachtet man in der Simulation, dass bei der schrittweisen Zugabe von einem Wassermolekül nach dem anderen genau bei Hinzufügen des vierten Wassermoleküls die Säure HCl ein Proton abgibt. Dies bildet dann sofort mit einem der vier Wassermoleküle ein Hydroniumion. Dieser unübliche Mechanismus wurde auf den Namen „aggregationsinduzierte Dissoziation“ getauft.

„Wir vermuten, dass solche ‚aggregationsinduzierten Reaktionen‘ chemische Umwandlungen bei ultrakalten Bedingungen erklären, wie sie zum Beispiel auf winzigsten Eispartikeln in Wolken oder im interstellarem Medium herrschen“, so Marx.
(idw - Ruhr-Universität Bochum, 22.06.2009 - DLO)
 
Printer IconShare Icon