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Mittwoch, 29.06.2016
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Koboldmakis: Mikroplatten als Artgrenze

Tiere geben Einblick in die frühe Evolution der Primaten

Koboldmakis gehören wie Schimpansen und Menschen zu den Primaten, haben sich aber seit mindestens 60 Millionen Jahren völlig eigenständig entwickelt. Ihre Einzigartigkeit und besondere Stammesgeschichte gibt Wissenschaftlern heute noch immer viele Rätsel auf. Mit genetischen Untersuchungen haben Mainzer Forscher nun aber einige Geheimnisse der Koboldmakis gelüftet. Damit bekommt das Bild über die frühe Aufspaltung der Primaten ein neues Puzzle-Teilchen dazu, so die Biologen im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).
Lariang-Koboldmaki

Lariang-Koboldmaki

So stellt man sich einen Kobold vor: klein und gedrungen, aber riesige Augen und ein wacher, schelmischer Blick, lange dünne Finger und spitzige Ohren - Koboldmakis könnten dem Aussehen nach die perfekten Kobolde sei, aber auch ohne diese Ähnlichkeit umgibt die kleinen Äffchen etwas Geheimnisvolles. Denn es ist wenig über sie bekannt. Man weiß nicht einmal genau, wie viele Arten es gibt, dabei sind es die einzigen noch lebenden Vertreter einer der ältesten Stammlinien der Primaten überhaupt.

Wie Fossilienfunde zeigen, waren nahe Verwandte der heute lebenden Koboldmakis im Eozän über Nordamerika, Europa und Asien verbreitet, sind aber fast überall verschwunden. Koboldmakis kommen heute nur noch auf einigen Inseln Südostasiens vor: auf den südlichen Philippinen, auf Sumatra und Borneo und der indonesischen Insel Sulawesi.

Schwanz als Steuerruder


Die nachtaktiven Tiere leben vorzugsweise in Regenwäldern, wo sie Insekten und andere Kleintiere als Nahrung finden und tagsüber in den Bäumen und dichten Büschen schlafen können. Sie sind etwa zwölf Zentimeter groß und haben einen 25 Zentimeter langen Schwanz, den sie zum Steuern beim Sprung von Ast zu Ast und von Stamm zu Stamm verwenden.


Bisher sind neun Arten beschrieben, sieben davon leben ausschließlich auf Sulawesi. „Sulawesi hat enorm viele Besonderheiten, ähnlich wie Madagaskar. Die meisten Säugetiere auf der Insel sind endemisch, sie kommen nur dort vor und an keinem anderen Ort der Welt. Die Insel ist ein absoluter Hotspot in der Entwicklung und Artbildung der Koboldmakis“, erklärt Stefan Merker von der Universität Mainz, der die Affen seit über zehn Jahren erforscht.

Seine jüngste Studie, in Zusammenarbeit mit Christine Driller, Hans Zischler und indonesischen Kollegen am Institut für Anthropologie durchgeführt, erforschte die Aufspaltung der sulawesischen Tarsier, wie die Tiere wegen ihrer langen Fußwurzelknochen (Tarsi) wissenschaftlich genannt werden.

Familienrat tagt am Morgen


Sulawesische Koboldmakis führen Duett-Gesänge auf. Die Tiere, jeweils ein männliches und ein weibliches Tier und oft auch deren Nachwuchs, rufen die Familie damit am Morgen zusammen, um gemeinsam die Schlafbäume aufzusuchen. Die Duett-Gesänge dienen so der Paarbindung, aber auch der Verteidigung eines Territoriums. Die Rufe sind nicht nur geschlechtsspezifisch, sondern unterscheiden sich zudem von Art zu Art.

Erstaunlicherweise, so ist an den unterschiedlichen Duett-Gesängen zu hören, haben sich die bisher beschriebenen sieben Koboldmaki-Arten nicht auf der ganzen Insel verteilt. Vielmehr leben sie recht streng getrennt auf kleinen, der Hauptinsel vorgelagerten Eilanden sowie an unterschiedlichen Orten Sulawesis, das mit einer Fläche von 189.000 Quadratkilometern etwa halb so groß ist wie die Bundesrepublik und aus dem Zusammendriften von Teilen der eurasischen, der australischen und der pazifischen Platte entstanden ist.

„Es wird angenommen, dass sich die Verbreitung der Koboldmakis an den Grenzen der Mikroplatten orientiert, aus denen sich Sulawesi zusammensetzt“, so Merker. Er ging dieser Vermutung an einer ganz bestimmten Stelle im Zentrum der Insel auf den Grund. „Hier gibt es eine Art-Grenze mitten im Wald, ohne irgendeine Barriere wie beispielsweise einen Gebirgszug, der die beiden Arten Tarsius lariang und Tarsius dentatus, also den Lariang-Koboldmaki und den Diana-Koboldmaki, getrennt hätte“, erklärt der Forscher.

Duett-Gesänge artspezifisch


Gen-Analysen bestätigten nun, dass zwischen den beiden Arten große genetische Unterschiede bestehen und dass die Duett-Gesänge tatsächlich artspezifisch sind. „Unsere Ergebnisse zeigen zudem, dass die Art-Grenze ziemlich genau entlang einer Mikroplatten-Grenze verläuft“, erläutert Merker.

Die geologische Geschichte der Insel und die Veränderungen des Meeresspiegels in den letzten 1,6 Millionen Jahren haben zu der sensationellen Ausprägung der verschiedenen Koboldmaki-Arten geführt, so die Forscher. Dabei wird es nicht bei den sieben bekannten Arten bleiben, denn ständig werden noch neue Spezies entdeckt und beschrieben. Merker selbst hat bereits 2006 eine neue Art identifiziert und wird voraussichtlich im nächsten Jahr eine weitere vorstellen.

Urahn lebte vor elf Millionen Jahren


Nach dem aktuellen Wissensstand ist anzunehmen, dass sich der Urahn der sulawesischen Tarsier vor etwa elf Millionen Jahren von den anderen Arten auf Sumatra, Borneo und den Philippinen abgespalten hat und den damaligen sulawesischen Archipel besiedelte. Eine eiszeitliche Meeresspiegelabsenkung ließ vor 1,6 Millionen Jahren vermutlich Landbrücken entstehen und machte eine Ausbreitung der Tiere möglich, das Verschwinden dieser Brücken führte danach zu ihrer eigenständigen Evolution.

Als sich aufgrund der Plattentektonik die Insel in ihrer heutigen Form gebildet hat, waren die Arten bereits zu stark isoliert, als dass es wieder zu einer Vermischung hätte kommen können.

Koboldmakis kämpfen ums Überleben


Koboldmakis, die mit uns Menschen näher verwandt sind als mit den Lemuren, zu denen sie aufgrund ihres Aussehens früher gezählt wurden, konnten 60 Millionen Jahre oder noch mehr überleben, weil in Südostasien die Regenwälder vermutlich auch während der Eiszeiten als Lebensraum erhalten blieben.

Dieses Refugium ist heute stark bedroht und manche Koboldmaki-Arten sind in ihrer Existenz gefährdet. „Von den Siau-Koboldmakis auf einer kleinen Insel nördlich Sulawesis“, so Merker, „gibt es vermutlich nur noch wenige hundert Tiere.“
(idw - Universität Mainz, 15.06.2009 - DLO)