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Dienstag, 09.02.2010
Körper ja - Keimbahn nein?
Die ethischen Aspekte der Gentherapie

Die noch junge Genmedizin hat nicht nur mit zahlreichen medizinischen und technologischen Hürden zu kämpfen, sie bewegt sich auch in einem ethisch sensiblen Raum. Allein die Tatsache, dass die Gentherapie eine direkte Manipulation des menschlichen Erbguts erlaubt, birgt eine Fülle unkalkulierbarer Folgen und Risiken.

 DNA-Molekül
DNA-Molekül
© DOE
Die genetische Reparatur von Körperzellen, die somatische Gentherapie, gilt dabei noch als das ethisch unbedenklichere Verfahren. Trotzdem ist sie nach wie vor umstritten. Kritiker bemängeln ungenügende Kontrollmöglichkeiten und warnen vor der Gefahr eines Missbrauchs der Technologie. Doch da bei der somatischen Therapie nur das Erbgut eines einzelnen, meist schwerkranken oder sogar todgeweihten Patienten verändert wird, überwiegt hier in den Augen vieler der Nutzen die Risiken.

Eingriff in die Keimbahn
Doch längst haben einige Genforscher ein viel ehrgeizigeres Ziel im Blick: Die Manipulation der Keimbahn. Statt Gendefekte in den Körperzellen bereits Erkrankter oder von einer Krankheit Bedrohter zu behandeln, soll die gezielte Reparatur defekter Gene schon in den Keinzellen ansetzen. Damit würde man nicht nur einzelne Patienten, sondern gleich ganze Erblinien krankheitsfrei machen. Ein Verfahren, das wegen seiner weitreichenden medizinischen und sozialen Folgen noch als unethisch gilt und in den meisten Ländern der Welt streng verboten ist.

Die ethischen Grundsätze beginnen jedoch zunehmend aufzuweichen. In der wissenschaftlichen Welt mehren sich bereits heute die Stimmen derjenigen, die die Vorteile der Keimbahntherapie betonen und sie durchaus für vertretbar halten. Eines ihrer Argumente: Warum sollte man immer wieder mühselig und teuer bei jedem einzelnen Patienten Hunderte oder Millionen von Körperzellen behandeln, wenn in den Keimzellen die einmalige Änderung eines defekten Gens genügt, um auch noch alle Nachkommen dauerhaft zu heilen?

Außerdem, so führen die Befürworter der Keiombahntherapie an, sei es doch auch geradezu unethisch, Eltern die Chance auf gesunde Nachkommen vorzuenthalten, wenn es die entsprechende Technologie in Zukunft geben könnte. "Es ist schwer vorstellbar, dass eine Regierung Eltern daran hindern würde, ihren Kindern etwas zu geben, dass andere Kinder ohnehin von der Natur mitbekommen haben", meint dazu Lee Silver, Genetiker an der Universität von Princeton und Autor des Buches "Das geklonte Paradies".

Schöne neue Welt...
Noch mehr ethischen und sozialen Sprengstoff birgt allerdings die Tatsache, dass mithilfe der Keimbahntherapie in Zukunft theoretisch nicht nur Gendefekte repariert, sondern auch genetisch "aufgerüstete Menschen" gezüchtet werden könnten. Supermenschen, die dank verbesserter Gene eine größere körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit besäßen oder gegen Krankheiten immun wären. Im Extremfall könnte dies sogar, so glaubt Silver, zu einer genetisch determinierten Klassen-Gesellschaft nach dem Modell von Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" führen: Da die teure Technologie nicht für alle erschwinglich wäre, würde dies eine Zweiteilung der Welt in einerseits genetisch optimierte Eliten und andererseits die breite Masse der "nicht-verbesserten" Menschen bedeuten.

Ein utopisches Zukunftsszenario? Vielleicht. "Aber wenn es wirklich bedeutende Verbesserungen bringt, wird es fast mit Sicherheit einige Leute geben, die es nutzen. Und dadurch wiederum entsteht ein enormer Konkurrenzdruck auf den Rest von uns, auch mitzumachen", gibt Gregory Stock, Genetiker der Universität von Kalifornien, zu Bedenken. Wie schnell die Möglichkeit, einen wie auch immer gearteten Vorteil zu erhalten, ethische Bedenken wegfegen kann, zeigt schon heute das reproduktive Klonen: Forscher, die sich über Vorbehalte und die in den meisten Ländern bestehenden Verbote hinwegsetzen, müssen sich über einen Mangel an Freiwilligen nicht beklagen...

Nur noch eine Frage der Zeit?
Der Genetiker hält den ersten Einsatz einer Keimbahnmanipulation nur noch für eine Frage der Zeit: "Ich bin sicher, es wird gemacht werden. Die einzige Frage ist, wann." Und Stock ist bei weitem nicht der einzige: Während eines 1998 von der Universität von Kalifornien veranstalteten Symposiums war die Keimbahntherapie das Hauptthema: "Die Diskussion entspann sich über die Frage, ob es noch 20 oder 100 Jahren dauern würde, aber nicht, ob es überhaupt passieren wird", beschreibt Gregory Stock, Organisator des Symposiums, die Stimmung unter seinen Kollegen.

Zumindest in technologischer Hinsicht könnte die Ära der Keimbahntherapie schon näher sein als viele glauben: Einige der heute ausdrücklich zur Verbesserung der somatischen Therapie entwickelten Methoden ebnen gleichzeitig der "verfemten Schwestertechnologie" die Bahn.

Die Gentechnikunternehmen Athersys in Cleveland und Chromos Molecular Systems im kanadischen Burnaby arbeiten mit Erfolg an der Produktion von künstlichen Minichromosomen. Zunächst nur mit dem ganz "unverdächtigen" Ziel, die Funktionsweise der menschlichen Chromosomen besser zu verstehen und später chromosomale Fehlbildungen wie im Downsyndrom behandeln zu können. Doch die künstlichen Chromosomen wären gleichzeitig ideale Transportvehikel für das Einschleusen von neuen Genen in Keimzellen. Athersys hat gleichzeitig ein Verfahren entwickelt, auch größere Gene oder sogar Gengruppen in das menschliche Erbgut einzubauen - auch das zunächst nur für den Einsatz in der somatischen Gentherapie, aber durchaus als möglicher Baustein für eine zukünftige Keimbahntherapie denkbar.

Noch weisen beide Gentechnikunternehmen jedes Interesse an einer solchen Verwendungsmöglichkeit weit von sich: "Das würden wir niemals tun. Es ist nicht mit unseren ethischen Richtlinien vereinbar, bessere Menschen produzieren zu wollen", erklärte ein Chromos-Forscher unlängst. Gil van Bokkelen, leitender Manager bei Athersys wehrt ebenso energisch ab: "Das ist ein No-No, ein absoluter Fehler." Doch ob diese hehren ethischen Grundsätze auch dann erhalten bleiben, wenn die Keimbahntherapie handfeste wirtschaftliche Vorteile verspricht, ist mehr als fraglich...

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