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Feuerspeiende Schlote: So ähnlich wie hier könnte es vor rund 15 Millionen Jahren auch im Vogelsberg-Gebiet ausgesehen haben.

Feuerspeiende Schlote: So ähnlich wie hier könnte es vor rund 15 Millionen Jahren auch im Vogelsberg-Gebiet ausgesehen haben.

Im Reich der tausend Vulkane
Der Vogelsberg war einst das größte Vulkangebiet Mitteleuropas
Vielen ist der Vogelsberg nur als idyllisches Mittelgebirge nordöstlich von Frankfurt am Main bekannt. Doch unter der Oberfläche liegt das größte Vulkangebiet Mitteleuropas. Noch bis vor knapp zehn Millionen Jahren spien hier unzählige Schlote glühende Lava. Die Überreste dieser feurigen Vergangenheit sind bis heute überall zu entdecken.

Glutlawinen, Lavaströme und Aschewolken: Vor rund 17 Millionen Jahren war die Gegend um den heutigen Vogelsberg alles andere als gemütlich – im Gegenteil. Millionen Jahre andauernde Eruptionen verwandelten die Region in eine echte Feuerhölle. Ein Gebiet so groß wie das Saarland wurde von hunderte Meter dicken Lavaschichten begraben. Die Spuren dieser Urzeit-Katastrophe kann man bis heute überall im Vogelsberg-Gebiet bestaunen.
Verborgene Glut
Vulkanische Spuren in der Idylle
Auf den ersten Blick sieht man dem nordöstlich von Frankfurt am Main liegenden Vogelsberg seine explosive Vergangenheit nicht an: Nur sehr sanft steigt er bis zu seinem höchsten Gipfel, dem Taufstein an. Seine Hänge sind dicht bewachsen, Bäche rauschen in schmalen Tälern zu Tal. Und auch in der Umgebung des Mittelgebirges erinnert zunächst nichts an Schlote, Lavaströme oder andere aus Vulkangebieten bekannte Phänomene.

Die sanften Hügel täuschen über die feurige Vergangnheit des Vogelsbergs hinweg

Die sanften Hügel täuschen über die feurige Vergangnheit des Vogelsbergs hinweg

Doch dieser erste Eindruck täuscht. Denn erkundet man diese Gegend genauer, dann fallen einige verräterische Hinweise ins Auge: ganze Wände aus eckigen Basaltsäulen, Steinbrüche, in denen erstarrte Lavaströme zutage tritt und Hügelkuppen, die sich als Reste alter Vulkanschlote entpuppen. Diese geologischen Indizien machen klar: Hier lag einst ein großes, ziemlich aktives Vulkangebiet.

Kruste unter Druck
Die aktive Zeit des Vogelsberg-Vulkans liegt noch gar nicht so lange zurück – zumindest wenn man in geologischen Maßstäben denkt. Entstanden ist er in der Zeit des Miozän vor etwa 19 Millionen Jahren. Damals hatte die Wanderung Afrikas nach Norden bereits begonnen, die europäische Platte geriet zunehmend unter Druck. Die gewaltigen Kräfte der Kollision hoben die Alpen empor und führten zu Brüchen in den Schwächezonen der europäischen Platte.

Der heutige Vogelsberg lag damals auf dem Kreuzungspunkt zweier solcher Schwächezonen: Die von Südwesten nach Nordosten verlaufende Taunus-Südrand-Verwerfung traf hier auf den Oberrheingraben. Durch die sich verstärkenden Spannungen im Untergrund brach an diesem Kreuzungspunkt die Erdkruste auf. Durch diese Risse im Gestein konnte Magma aus dem Erdmantel nach oben dringen.

Pyroklastische Ströme am philippinischen Vulkan Mayon: Solche Glut- und Aschelawinen gab es auch im Vogelsberg-Gebiet.

Pyroklastische Ströme am philippinischen Vulkan Mayon: Solche Glut- und Aschelawinen gab es auch im Vogelsberg-Gebiet.

Lavabomben und Glutlawinen
Was dann geschah, haben Geologen erst in den letzten 20 Jahren mit Hilfe mehrerer Forschungsbohrungen im Vogelsberg-Gebiet aufgeklärt. Demnach entstanden zunächst hunderte kleinere Schlote, die eine sehr zähflüssige Lava ausschleuderten. Diese war mit Asche und zerfetzten und erstarrten Lavabrocken verschiedener Größe vermischt.

Vergleichbar sind diese Ausbrüche mit denen des Mount St. Helens im Jahr 1980 oder der Eruption des Vesuv, die 79 nach Christus die Städte Pompeji und Herculaneum unter sich begrub. Bei den explosiven Eruptionen am Vogelsberg bildeten sich auch Glutlawinen, Ströme aus heißer Asche und glühendem Staub und Gesteinsbrocken, die rasend schnell die Vulkanhänge hinunterrasten.

Relikt des Vogelsberg-Vulkanismus: der rote Tuff von Michelnau

Relikt des Vogelsberg-Vulkanismus: der rote Tuff von Michelnau

Spuren im Steinbruch
Zeugnis dieser dramatischen Eruptionen geben bis heute Ablagerungen – unter anderem im ehemaligen Steinbruch Michelnau im Vogelsbergs-Gebiet. Hier wurde über hundert Jahre lang der rötlich gefärbte Michelnauer Tuff abgebaut – ein poröses, aus festen vulkanischen Auswurfprodukten unterschiedlicher Größe zusammengefügtes Gestein.

Im angeschnittenen Gestein sind bis heute größere Brocken – sogenannte Lavabomben – zu erkennen. Sie wurden beim Ausbruch des nahegelegenen Schlotes als Ganzes aus dem Vulkan ausgeschleudert. Dazwischen liegen Bereiche, in denen das Gestein von vielen kleinen Hohlräumen durchsetzt ist. Sie entstanden durch in der Lava und Asche eingeschlossene vulkanische Gase. Seine rote Farbe erhält dieser Tuff durch einen hohen Eisengehalt.
Eine Lavadecke bis Frankfurt
Die zweite Phase der Ausbrüche
Der Vogelsberg vor 17 Millionen Jahren. Nach einer Pause von rund 1,5 Millionen Jahren beginnt die zweite Phase der Aktivität im ausgedehnten Vulkangebiet. Lange Spalten reißen im Untergrund auf, aus denen große Mengen eher dünnflüssiger Lava quellen. Diese Ausbrüche ähneln denen, die noch heute auf Hawaii häufig vorkommen, beispielsweise am Kilauea.

Die vom Vogelsberg-Vulkanismus abgelagerten Lavaschichten reichen bis fast nach Frankfurt. Ein Großteil ist jedoch erodiert.

Die vom Vogelsberg-Vulkanismus abgelagerten Lavaschichten reichen bis fast nach Frankfurt. Ein Großteil ist jedoch erodiert.

So groß wie das Saarland
Wie eine glühende Decke legt sich diese Basaltlava über die gesamte Landschaft und verbreitet sich weit über die heute sichtbare Erhebung des Vogelsbergs hinaus. So findet sich Basalt aus den Vogelsberger Vulkanausbrüchen sogar noch in Hanau und im Stadtgebiet von Frankfurt am Main. Nach dem Maximum vor rund 15 Millionen Jahren ebbt die Vulkanaktivität allmählich ab, bis sie vor rund sieben Millionen Jahren endgültig erlischt.

Insgesamt umfasst das Vogelsberger Vulkanmassiv heute rund 2.500 Quadratkilometer Fläche – das ist fast so groß wie das Saarland. Der Vogelsberg ist damit das größte zusammenhängende erloschene Vulkangebiet Mitteleuropas. Die Schichten aus Lava und anderen vulkanischen Produkten erreichen hier stellenweise eine Mächtigkeit von rund 700 Metern. An der Erhebung des Vogelsbergs lässt sich diese Dicke noch erahnen.

Als die Lava erstarrte, bildeten sich eckige Basaltsäulen, wie hier am Hang des Bergs Amöneburg.

Als die Lava erstarrte, bildeten sich eckige Basaltsäulen, wie hier am Hang des Bergs Amöneburg.

Eckige Säulen und eine Basaltorgel
An einigen Stellen haben die vergangenen Ausbrüche sogar echte Kunstwerke der Natur geschaffen – beispielsweise dort, wo die Basaltlava langsam zu Säulen erstarrte. Eindrucksvoll treten diese typisch fünf- und sechseckigen Basaltsäulen unter anderem an der Ostwand des Bergs Amöneburg hervor. Ihre Ausrichtung deutet darauf hin, dass hier einst ein Vulkankrater lag der mit glutflüssiger Lava gefüllt war. Als sich dieser Lavasee langsam abkühlte, bildeten sich senkrecht zur Abkühlungsfläche die Basaltsäulen.

Eine echte "Basaltorgel" bilden die Säulen dagegen in einem Geotop nordwestlich von Kerbersdorf. Etwas versteckt im Wald liegend ragt hier eine Formation von fast senkrecht stehenden, dunklen Basaltsäulen auf. Wie die Orgelpfeifen bilden sie ein verblüffend regelmäßiges Muster – kaum zu glauben, dass hier die Natur und nicht ein Künstler am Werk war.

Pahoehoe-Lava mitten in Deutschland
Wie die dünnflüssige Vogelsberger Lava aussah, als sie noch frisch war, lässt sich dagegen sehr gut in einem kleinen Steinbruch am Glauberg erkennen: Hier flossen einst ganze Ströme dieser Lava aus einem Schlot heraus und erstarrten so schnell, dass ihre Form erhalten blieb. Typisch sind dafür rundliche Vorwölbungen, wo die Lava zungenartig aus dem Strom austrat.

Ähnlich wie die Pahoehoe-Lava auf auf Hawaii war die Vogelsberger Lava eher dünnflüssig

Ähnlich wie die Pahoehoe-Lava auf auf Hawaii war die Vogelsberger Lava eher dünnflüssig

An der Oberfläche des Lavastroms bildeten sich teilweise Falten in der dünnen, schon erstarrten Haut, die sich zu strickartigen Mustern zusammenschoben. Diese auch auf Hawaii häufige Lavaform wird als Stricklava oder Pahoehoe-Lava bezeichnet. Der öffentlich zugängliche Steinbruch ist der einzige Ort in Deutschland, an dem man diese Lavaformen so gut betrachten kann.

In den Ebenen rund um den Vogelsberg herum hat die Erosion im Laufe der Zeit einen Großteil des vulkanischen Materials abgetragen. Die harten Basaltkerne einiger Schlote ragen aber noch immer als Hügel aus der Ebene heraus. Auf ihnen wurden oft Ortschaften gegründet oder Burgen gebaut, weil sie eine weite Aussicht boten – und damit einen strategischen Vorteil. Beispiele sind die mittelalterliche Burgruine Ulrichstein oder die Orte Stornfels und Herbstein.
Uhuklippen und Teufelstisch
Sagenumwobene Vulkanrelikte
Die hunderttausende von Jahren anhaltenden Vulkanausbrüche haben im Vogelsberg-Gebiet viele Gesteinsformationen hinterlassen, die schon bei unseren Vorfahren für Staunen und Ehrfurcht sorgten. Zu ihnen gehören die Uhu-Klippen bei Grebenhain. Dieses Naturdenkmal besteht aus einer rund zehn Meter hohen und einen halben Kilometer lange Steilstufe am Berghang. Wie eine Wand aus großen Quadern, von denen einige sogar Figuren oder Gesichter zu tragen scheinen, ragt der Basalt hier steil in die Höhe.

Die

Die "Uhuklippen" entstanden, nachdem die Lava abgekühlt war und die Verwitterung Basaltbrocken aus dem Felsverbund heraussprengte

Ein Kartenspiel mit dem Teufel
Entstanden sind die Uhu-Klippen nicht durch direkt abkühlenden Basalt, wie die Säulen, sondern durch nachträgliche Veränderungen. Bewegungen der Erdkruste rissen Spalten in die massive, bereits erstarrte Basaltschicht und ließen die Steilkante als Klippe an die Oberfläche treten. Bei diesen Prozessen abgebrochene Basaltbrocken liegen an ihrem Fuß als moosüberwachsener Blockschutt umher. Einer dieser Brocken ist der Teufelstisch: eine flache, etwa drei Meter große Basaltplatte. Wie sie hierher kam – ob durch Geologie oder Menschenhand – ist nicht bekannt.

Kein Wunder, dass Bewohner der Umgebung hier schon bald eine passende Sage erfanden. Nach dieser sollen hier einst zwei Waldarbeiter in einer Arbeitspause mit einem geheimnisvollen Fremden Karten gespielt haben. Nach anfänglicher Glückssträhne verloren sie jedes Spiel und damit auch alles Geld, was sie besaßen. Erst als der Fremde dann aufstand und von dannen ging, sahen die beiden Waldarbeiter, dass er an einem Bein einen Pferdefuß trug – es war der Teufel. Er soll in jedem Jahr zu Walpurgisnacht zum Teufelstisch zurückkehren und dort sein höhnisches Lachen ertönen lassen.

Tischartige Basaltbrocken, wie hier der Landeshäuser Stein, regten die Bewohner der Gegend zu verschiedenen Sagen an.

Tischartige Basaltbrocken, wie hier der Landeshäuser Stein, regten die Bewohner der Gegend zu verschiedenen Sagen an.

Wertvoller Rohstoff
Der Basalt vom Vogelsberg ist aber mehr als nur Naturdenkmal und geologische Sehenswürdigkeit – er ist ein wichtiger Rohstoff und prägte auch die Kultur und Wirtschaftsgeschichte dieser Region. Schaut man in den alten Ortskernen der Dörfer und Städte genauer hin, erkennt man in den Wänden vieler Gebäude die dunklen Basaltsteine. Auch viele Schlösser und Gutshöfe im Umfeld des Vogelsberges wurden aus diesem Gestein errichtet.

Heute nutzten man den Vogelsberger Basalt vor allem im Straßenbau als Schotter oder im Unterbett von Bahngleisen, aber auch für die Steinbildhauerei ist er beliebt. Bis heute wird der Basalt aus dem mächtigen Massiv des Vogelsbergs in mehreren Steinbrüchen abgebaut, bei Homberg/Ohm liegt sogar der größte Basalt-Steinbruch Mitteuropas.
Eisenerz aus dem Vulkan
Warum die Vogelsberg-Region so erzreich ist
Aus dem Basalt des Vogelsbergs sind im Laufe der Erdgeschichte weitere wertvolle Rohstoffe entstanden – Eisenerze und das aluminiumhaltige Bauxit. Ihr Ursprung liegt vor rund 14 Millionen Jahren, etwa in der Zeit, in der der Vogelsberg-Vulkanismus langsam zu erlöschen begann.

Damals sorgte ein sehr warmes, feuchtes Klima für die starke Verwitterung der Gesteine. Dabei lösten sich Mineralien aus dem Basalt und reicherten sich in Krusten oder Knollen an – es entstand das aluminiumhaltige Erz Bauxit und der typisch rotgefärbte Basalteisenstein. Dieser bildet an einigen Stellen des Vogelsberg-Massivs dicke, von Tonbändern unterbrochene Schichten, die relativ dicht unter der Oberfläche liegen.

Das rötliche Bauxit enthält Aluminium und entstand am Vogelsberg durch die Verwitterung von Basalt.

Das rötliche Bauxit enthält Aluminium und entstand am Vogelsberg durch die Verwitterung von Basalt.

Ausgeschmolzen und gewaschen
Schon vor Jahrhunderten entdeckten die Bewohner der Gegend dieses rötliche Eisenerz und begannen, es systematisch auszugraben und zur Eisengewinnung zu nutzen. Die Wälder der Umgebung lieferten das Holz, um die einfachen Öfen anzufeuern, in denen das Eisenerz mit Holzkohle und Kalk ausgeschmolzen wurde. Auf frisch gepflügten Äckern kann noch heute manchmal Schlackenreste finden, die von dieser Verhüttung aus vorindustrieller Zeit übrig geblieben sind.

Beim Vogelsberger Erzabbau gab es eine Besonderheit: Weil das Erz immer wieder von Tonschichten unterbrochen war, mussten diese erst ausgewaschen werden, bevor das eisenhaltige Gestein weiterverarbeitet werden konnte. In der Eisenkaute bei Weickartshain hievten Arbeiter dafür das mit Ton vermischte Erz in Lorenkübel, die sie dann mit einer Seilbahn zum nahegelegen Waschsee transportierten. Dort wurde das Erz in eine Läutertrommel geschüttet, die es wie in einer riesigen Waschmaschine durchspülte.

Auf die Bedeutung, die das Erz damals für die Region hatte, deuten heute viele Orts- und Flurnamen hin, beispielsweise Eisenbiegel, Eisenfeld, Rothfeld oder Klopfhammer. Im 19. Jahrhundert begann man, vor allem im westlichen Vogelsberg-Gebiet das Basalteisenerz in großen Tagebauen abzubauen. Zwischen 1889 und 1968 wurden insgesamt 25 einzelnen Grubenfeldern immerhin gut 21 Millionen Tonnen Roherz gefördert.
(Nadja Podbregar,03.11.2017)