Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Naturkatastrophen im Visier
Neue Impulse in der Katastrophenforschung durch CEDIM
Schon lange ermitteln Versicherungen in repräsentativen Umfragen die wichtigsten Ängste der Deutschen. Ergebnis: Naturkatastrophen belegen dabei seit fünf Jahren immer einen der ersten fünf Ränge. 2007 kamen sie sogar auf den zweiten Platz - noch vor der Angst vor Terrorismus oder einer schlechteren Wirtschaftslage.

Orkan Kyrill
Orkan Kyrill
© MODIS Rapid Response Project at NASA/GSFC
Diese Furcht beruht vor allem auf Hochwasserereignissen und Winterstürmen, die in der Öffentlichkeit erhebliche Aufmerksamkeit finden und zudem oft schwerwiegende Folgen haben. Der Sturm „Emma“ am 1. März 2008 beispielsweise erreichte zwar nicht die Stärke von „Kyrill“ (18. Januar 2007), kostete aber zehn Menschenleben und sorgte für Sachschäden in Milliardenhöhe.

„Weit weniger bekannt ist allerdings, dass - auf längere Sicht gesehen - Erdbeben auch in Deutschland durchschnittliche jährliche Schäden der gleichen Größenordnung generieren können wie die viel bekannteren und häufiger auftretenden Formen Hochwasser und Sturm“, sagt der Sprecher des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM), Professor Friedemann Wenzel vom Geophysikalischen Institut der Universität Karlsruhe. „Zum Beispiel ist Köln im langjährigen Mittel genauso durch Erdbeben wie durch Hochwasser gefährdet.“ Das liegt daran, dass Erdbeben zwar deutlich seltener als Hochwasser auftreten, dann aber erheblich höhere Schäden nach sich ziehen.

Schäden der Zukunft im Visier
Wahrscheinliche Schäden der Zukunft flächendeckend für die Bundesrepublik quantitativ zu erfassen, ist aber erst in den letzten Jahren gelungen. „Diese Zahlen sind ein wesentliches Ergebnis von fünf Jahren CEDIM-Arbeit“, so Wenzel. Die entwickelten Methoden dienen aber auch dazu, bereits geschehene Naturereignisse in neuem Licht zu betrachten. Die Forscher können unter anderem die Schäden abschätzen, die entstanden wären, wenn Naturkatastrophen ein wenig anders verlaufen wären.

So wiesen die CEDIM-Wissenschaftler beispielsweise bereits nach, dass eine nur geringfügig (zehn Prozent) höhere Windgeschwindigkeit beim Sturm „Lothar“ am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 zu einer Verdreifachung der Schäden an Wohngebäuden in Baden-Württemberg geführt hätte.

Schäden durch Naturgefahren in Sachsen
Schäden durch Naturgefahren in Sachsen
© CEDIM Schäden durch Naturgefahren in Sachsen
Für den Freistaat Sachsen dagegen liegt mittlerweile eine vergleichende Bewertung von zu erwartenden Schäden an Wohngebäuden durch Hochwasser, Stürme und Erdbeben vor – mit überraschendem Ergebnis. Denn sie zeigt, dass das Erdbebenrisiko höher ist als die meisten Verantwortlichen in den Gemeinden vermuten.

Frühwarnung rettet Leben
Ein weiteres wichtiges Thema der Katastrophenforschung innerhalb von CEDIM ist die Frühwarnung. Wichtigstes Ziel dabei ist es, Leben zu retten. „Die meisten Menschen kennen die modernen Möglichkeiten der Hochwasserzentralen, die – je nach Einzugsgebiet des Gewässers - bis zu 24 Stunden vor Auftreten der Scheitelwelle präzise Voraussagen zu den erwarteten Pegelständen der Flüsse liefern“, nennt Wenzel ein Beispiel.

Viele wissen vielleicht auch, dass deutsche Forscher ein Tsumani Frühwarnsystem für den Indischen Ozean mit Schwerpunkt Indonesien entwickeln. Das GeoForschungsZentrum Potsdam – ein Träger von CEDIM – ist dabei federführend und konnte die Funktionsfähigkeit seines Systems bereits bei zwei Erdbeben unter Beweis stellen.

„Weniger bekannt ist dagegen, dass auch in Erdbebenregionen eine Frühwarnung möglich ist - wenngleich nur mit kurzen Vorwarnzeiten von maximal einer Minute“, betont Wenzel. Im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Karlsruhe haben Wissenschaftler beispielsweise ein Erdbebenfrühwarnsystem für die Stadt Bukarest entwickelt und zusammen mit rumänischen Kollegen implementiert.

Ein Frühwarnsystem für Istanbul
Großraum Istanbul aus dem All
Großraum Istanbul aus dem All
© NASA/JSC Großraum Istanbul aus dem All
Und auch in Istanbul existiert bereits ein derartiger Schutz für Bevölkerung und Industrie, der momentan von CEDIM in Zusammenarbeit mit der Bosporus Universität weiterentwickelt und verbessert wird. Mögliche Einsatzmöglichkeiten für das Erdbebenfrühwarnsystem sind das Anhalten von U-Bahnen, das Arretieren von Fahrstühlen oder die schnelle Alarmierung von Hilfskräften.

Auch in Japan können im Katastrophenfall längst Schnellzüge (Shinkhansen) gestoppt und Bauarbeiter auf Hochbaustellen wenige Sekunden vor dem Auftreten der Bodenerschütterung eines nahen Erdbebens gewarnt werden.

Neue Werkzeuge für das Katastrophen Management
„CEDIM-Forscher entwickeln darüberhinaus Schutzmaßnahmen für die großen urbanen Zentren der Welt, die durch Naturgefahren bedroht werden und durch ihr starkes Wachstum ein zunehmendes Risikopotenzial aufweisen“, nennt Wenzel einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit.

Im Rahmen der „Earthquakes and Megacities Initiative“, die mit CEDIM eng zusammenarbeitet, entwerfen die Wissenschaftler Werkzeuge zum Katastrophen Management direkt mit Stadtverwaltungen und lokalen Katastrophenmanagern. Dabei geht es vor allem um das Einbeziehen von Vorsorgemaßnahmen in die Stadt- und Raumplanung, aber natürlich auch um die Implementierung von sicheren Baumaßnahmen in der Stadtentwicklung.

Städte wie Istanbul, Manila, Katmandu sind zurzeit dabei, ihre Stadtplanungen mit Katastrophenvorsorgebetrachtungen zu verknüpfen. Dies ist eine wichtige neue Entwicklung, die zwar schon seit vielen Jahren gefordert wird, aber in der Praxis bisher kaum Niederschlag gefunden hat.

Einsicht ist der Schlüssel…
„Wissenschaft und Forschung können also erhebliche Beiträge leisten, um die Wirkungen von Katastrophen zu erkennen, Schwachstellen zu analysieren, 'Hotspots' zu kennzeichnen und wissenschaftliche Methoden in die Schadensminderung einzuführen“, so Wenzels Fazit. „Wirksam werden diese Bemühungen allerdings nur dann, wenn sich die Gesellschaft über deren Notwendigkeit im Klaren ist“.

Links:

CEDIM
Earthquakes and Megacities Initiative
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Naturgefahren, CEDIM, Stürme, Erdbeben, Hochwasser, Naturkatastrophen, Schäden, Frühwarnsystem, Istanbul
Naturgefahren - April 2008
Dieser Artikel ist Teil des GeoUnion-Monatsschwerpunkts "Naturgefahren". Weitere Meldungen finden Sie unter folgenden Links oder sind in Vorbereitung:
Wetterextremen auf der Spur
KIT-Wissenschaftler untersuchen Gefahren und Schäden durch Starkregen, Orkan und Gewitter
Nordsee: Klimawandel lässt Sturmfluten höher ansteigen
Bis zu 80 Zentimeter höhere Wasserstände zum Ende des 21. Jahrhunderts
Auf Unwetter eingestellt
Das Warnmanagement des Deutschen Wetterdienstes
Naturkatastrophen im Visier
Neue Impulse in der Katastrophenforschung durch CEDIM
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Winterstürme
Stürmische Zeiten für Mitteleuropa?
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Hochwasser am Rhein
Alle Jahre wieder
"Land unter"
Vernichtende Fluten auf dem Vormarsch?
Alarm am Deich
Steigt die Sturmflutgefahr?
Tsunami
Das Geheimnis der Riesenwellen
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
Detektive im System Erde
Das GeoForschungsZentrum Potsdam
Warten auf das große Beben...
Japan - Ballungsräume auf dem Schleudersitz
Vulkanismus
Die brodelnde Gefahr
Diaschauen zum Thema
Schlammvulkane
Satelliten
Surtsey
Erdbeben
Vulkanismus
GeoBasics - Artikel
Kein Regen ohne Eiskeim
Starthilfe für den Golfstrom
Ein fliegendes Labor für Klimaanalysen
Antarktis: Meeresströmung trotzt Klimawandel
Ein Frühwarnsystem für das Mekong-Delta
Wasserversorgung und Wasserverschmutzung in Guangzhou
Peru: Klimawandel verschärft Wassermangel in Lima
Ältestes Eis der Antarktis im Visier
Polarstern umrundet Nordpol
Klimabüro für Polargebiete eröffnet
Arktis: Eisschmelze erreicht fast Rekordniveau
Kopernikus macht Erde sicherer
Europas modernstes Wetterradar überwacht Deutschland
Waldbrände beeinflussen Arktis-Atmosphäre
GOCE nimmt die Erde ins Visier
Spuren von Europa in der kanadischen Arktis entdeckt
Erste geologische Weltkarte im Internet
Vietnam verliert Küste
Erdbeben haben Grenzen
Meteoriten in der Falle
Steine des Himmels
Neues Mineral in Kometenstaub entdeckt
Gefahr aus dem All
Mit Mikrofossilien auf Erdöl-Jagd
Mit Fossilien der Evolution auf der Spur
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr