Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Muscheln: Doppelstrategie gegen Umweltveränderungen
Verschiedene Anpassungsstrategien der Muscheln des Malawisees
Süßwassermuscheln leben in Flüssen und Seen auf der ganzen Welt. Nun hat ein Paläontologe des Museums für Naturkunde Berlin nachgewiesen, dass sich bei wechselnden Umweltbedingungen nicht nur die Form ihrer Schale verändert, sondern sie alternativ auch mit innovativen Erfindungen ihr Überleben sichern. Dies ist nicht nur bedeutend für das Verständnis heute lebender Muscheln, sondern erleichtert den Wissenschaftlern auch die Rekonstruktion der Umweltbedingungen vergangener Zeiten durch das Studium fossiler Muscheln.

Muscheln des Malawisee
Muscheln des Malawisee
© Henning Scholz Muscheln des Malawisee
Schon vor fast 100 Jahren hatten Wissenschaftler erkannt, dass sich Süßwassermuscheln der Ordnung Unionoida, wie in Deutschland beispielsweise die Maler- oder Teichmuschel, den Strömungsverhältnissen in einem Gewässer anpassen können. So führt eine hohe Fließgeschwindigkeit zu sehr stromlinienförmigen Schalen, während hingegen bei langsamen Strömungen die Muscheln der gleichen Art eher dreieckig im Schalenumriss sind. Dadurch sind die Tiere in der Lage, auch unter wechselnden Umweltbedingungen zu überleben. Es gibt jedoch einige unionoide Muscheln, die ihre Schalenform nicht in dem Maße ändern und trotzdem überleben – ein Phänomen, das sich bis heute niemand erklären konnte.

Muscheln im Malawisee
Einen Teil dieses Rätsels hat nun Henning Scholz vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität Berlin gelöst. Dazu untersuchte der Wissenschaftler die Schalenform von etwa 3.000 unionoiden Muscheln, die an etwa 30 Tauchpunkten entlang der Westküste des Malawisees in Ostafrika gesammelt wurden. Neben einer Muschelart, die ihre Schalenform in der oben beschriebenen Art und Weise an die Strömungsverhältnisse anpasst, gibt es zwei weitere Arten im See, die sich anders verhalten. Sie nutzen Innovationen, um unter unterschiedlichen Umweltbedingungen zu überleben. Eine solche Innovation ist beispielsweise ein Spalt im vorderen Teil der Schale. Durch diese Öffnung kann die Muschel ihren Fuß ausstrecken ohne die Schale zu öffnen. Dies ermöglicht ihr unter anderem die sichere Verankerung im Boden des Sees bei starkem Wellengang.

Der Fuß der Muscheln gilt als Universalwerkzeug schlechthin, wenn es um ihre Fortbewegung geht. Dazu streckt die Muschel ihren Fuß aus, pumpt ihn mit Blut voll und verankert ihn so im Boden. Mit Muskeln, die die Schale und den Fuß miteinander verbinden, zieht sich die Muschel dann selbst hinterher. Auch wenn die Tiere die meiste Zeit ihres Lebens versteckt im Boden des Gewässers verbringen, sind sie auf diese Weise in der Lage, ihren Wohnort zu wechseln und sich anderswo erneut einzugraben.

Zwei Strategien im Kampf ums Überleben
Malawisee
Malawisee
© Henning Scholz Malawisee
So konnte Scholz durch seine Studie über die Muscheln des Malawisees erstmalig zeigen, dass Tiere der gleichen Ordnung zwei unterschiedliche Strategien verfolgen, um mit wechselnden Umweltbedingungen umzugehen. Die erste Strategie basiert auf der Variabilität der Schalenform, während hingegen die zweite Strategie auf Innovationen wie dem „Fuß-Spalt“ basiert.

Weitere Untersuchungen in anderen Ökosystemen müssen nun zeigen, ob sich diese Ergebnisse vom Malawisee auch auf andere Regionen übertragen lassen. Aber schon jetzt wird deutlich, dass die Arbeiten von Scholz für die paläontologische Forschung sehr wichtig sind. Denn wenn einige dieser Muscheln ihre Schalenform in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen ändern, kann man im Umkehrschluss auch die Schalenform von fossilen Muscheln nutzen, die Umweltbedingungen längst vergangener Zeiten zu rekonstruieren. Aus diesem Grund wurde die Arbeit von Scholz für den Tilly-Edinger Nachwuchspreis 2005 der Paläontologischen Gesellschaft nominiert.
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Paläontologie, Anpassungen, Umweltveränderungen, Schalen, Fossilien, Malawisee
Paläontologie - März 2006
Dieser Artikel ist Teil des GeoUnion-Monatsschwerpunkts "Paläontologie". Weitere Meldungen finden Sie unter folgenden Links oder sind in Vorbereitung:
Fossilienschatz als Zeitmaschine
Kobra, Waran und Gecko im Burgenland vor über acht Millionen Jahren
Tierische „Steinmetze“ nagen an der Küste
Bioerosionsleistung durch Kosterfjord-Experiment erforscht
Straußen mit "Dino-Mägen"
Pflanzenfresser mit Mahlsteinen im Magen
Muscheln: Doppelstrategie gegen Umweltveränderungen
Verschiedene Anpassungsstrategien der Muscheln des Malawisees
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Tintenfische
Intelligente Anpassungskünstler unter Wasser
Durstkünstler
Überlebensstrategien in der Wüste
Gefährliche Giftmischer
Tiere und ihre Toxine
Bedrohtes Paradies Wattenmeer
Wo der Meeresboden begehbar ist...
Überlebenskampf im Krater
Der Ngorongoro zwischen Paradies und Bedrohung
Lebende Fossilien
Überlebenskünstler oder Auslaufmodelle der Evolution?
GeoBasics - Artikel
Kein Regen ohne Eiskeim
Starthilfe für den Golfstrom
Ein fliegendes Labor für Klimaanalysen
Antarktis: Meeresströmung trotzt Klimawandel
Ein Frühwarnsystem für das Mekong-Delta
Wasserversorgung und Wasserverschmutzung in Guangzhou
Peru: Klimawandel verschärft Wassermangel in Lima
Ältestes Eis der Antarktis im Visier
Polarstern umrundet Nordpol
Klimabüro für Polargebiete eröffnet
Arktis: Eisschmelze erreicht fast Rekordniveau
Kopernikus macht Erde sicherer
Europas modernstes Wetterradar überwacht Deutschland
Waldbrände beeinflussen Arktis-Atmosphäre
GOCE nimmt die Erde ins Visier
Spuren von Europa in der kanadischen Arktis entdeckt
Erste geologische Weltkarte im Internet
Vietnam verliert Küste
Erdbeben haben Grenzen
Meteoriten in der Falle
Steine des Himmels
Neues Mineral in Kometenstaub entdeckt
Gefahr aus dem All
Mit Mikrofossilien auf Erdöl-Jagd
Mit Fossilien der Evolution auf der Spur
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr