Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Korallen-Paradies Mittelmeer
Nährstoffreiches Tiefenwasser im Adriatischen Meer sichert Überleben der Korallen
Riffbildende Korallen sind im Mittelmeer viel weiter verbreitet als bisher angenommen. Dies ist das Ergebnis einer dreiwöchigen Expedition mit dem Forschungsschiff Meteor im Rahmen des EU-Forschungsprojekts Hermes (Hotspot Ecosystem Research on the Margins of European Seas). Denn neben zahlreichen fossilen Riffen fanden die Forscher im Adriatischen Meer auch Vorkommen lebender Korallen. Besonders häufig siedeln sie offensichtlich nahe einer Strömung aus sauer- und nährstoffreichem Tiefenwasser.

Gelbe Baumkoralle
Gelbe Baumkoralle
© Marum, Universität Bremen
Tiefseeriffe galten seit dem Ende der letzten Eiszeit im Mittelmeer als nahezu ausgestorben. Zuvor fanden die Korallen höchstwahrscheinlich kühleres und nährstoffreicheres Wasser vor, also Lebensbedingungen, wie sie im heutigen Nordatlantik vorherrschen. Vor Beginn der Meteor-Expedition waren nur zwei Lebendvorkommen der ansonsten weltweit verbreiteten Steinkoralle Lophelia pertusa bekannt. Bereits auf den ersten Stationen vor Malta und in der Straße von Sizilien gelang es jedoch den Forschern unter der Leitung von Professor André Freiwald vom Institut für Paläontologie der Universität Erlangen-Nürnberg, diese Zahl auf fünf zu erhöhen. Der schwer zugängliche, geschützte Lebensraum, den Lophelia-Korallen im Mittelmeer offenbar bevorzugen, macht es verständlich, dass sie so lange verborgen geblieben sind. Die zerklüftete Unterwasserwelt mit engen Schluchten, Steilwänden, Kaminen und Überhängen wäre ohne den Tauchroboter Quest nicht zu erkunden gewesen.

„Hängende Gärten von Linosa“
Besonders spektakuläre Bilder sandte der Roboter in der Nähe der Insel Linosa zur Oberfläche. Im Bereich von 500 bis 1.000 Meter unter Wasser bot sich der fantastische Anblick von versteinerten Tiefwasserkorallen und Teilen von konservierten Begleitorganismen wie Tiefsee-Austern, die sich vor Tausenden von Jahren „kopfüber“ an Gesteinsdecken in Spalten und Höhlen festgesetzt hatten und später zu meterbreiten Galerien angewachsen waren. An den Unterseiten dieser Formation, die auf den Namen „Hängende Gärten von Linosa“ getauft wurde, waren zudem lebende Exemplare der Weißen Lophelia nachzuweisen.

Ähnlichen Strukturen begegneten die Forscher danach mehrfach, zuletzt an vertikal abfallenden Wänden in einem Unterwasser-Canyon bei Bari in der Adria. Hier waren es jedoch lebende Korallenökosysteme, die von einer Strömung aus sauer- und nährstoffreichem Tiefenwasser profitieren. Die höchste Artenvielfalt und Biomasse, die auf der Reise angetroffen wurde, fand sich in diesen Kolonien. Die adriatische Tiefenwasserquelle nutzt vermutlich auch dem ausgedehnten Riffgebiet vor Apulien im Ionischen Meer, das bereits seit sechs Jahren bekannt ist. Die apulischen Korallen wachsen an den strömungsexponierten Flanken von Hängen, wo sich mit der Zeit Riffschutthaufen ansammeln.

Vulkane und schwarze Raucher
Anders sieht es auf dem Meeresboden im östlichen Tyrrhenischen Meer aus, wo unterseeische Vulkane den Lebensraum bestimmen. Hier gab es vor allem interessante hydrothermale Strukturen und fossile schwarze Raucher zu erforschen. Lophelia-Vorkommen sind dort nur abgestorben und in harte Untergründe eingebacken vorzufinden. Stattdessen treten Schwämme und die große gelbe Baumkoralle auf, die meist einzeln siedelt und nur selten Kolonien bildet.

Plastiktüte um eine Koralle gewickelt
Plastiktüte um eine Koralle gewickelt
© Marum, Universität Bremen
Erschreckend deutlich traten beim näheren Augenschein die Eingriffe des Menschen zu Tage. Riffe wurden durch den Einsatz von Schleppnetzen und Langleinen „umgemäht“, Plastikmüll hat sich in den verästelten Zweigen von Korallen verfangen, und verlorenes Fischereigerät sammelt sich auf den vulkanischen Erhebungen. Der Meeresgrund, obwohl noch weitgehend unbekanntes Gelände, zeigt bereits unverkennbare Zivilisationsschäden.

Die Ausfahrt der Meteor ist Teil des EU-Forschungsprojekts Hermes (Hotspot Ecosystem Research on the Margins of European Seas), an dem 45 Partner aus 15 europäischen Ländern beteiligt sind. Auf der Mittelmeer-Expedition waren Wissenschaftler und Techniker der Universitäten Bremen und Göttingen, des IFM-Geomar in Kiel, des Senckenberg Instituts sowie Projektpartner aus Aberdeen, Brest, Bologna, Mailand und Triest mit an Bord.
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Hermes, Kaltwasserkorallen, Korallen, Lophelia, Mittelmeer, Adria, Italien, Balkan, Tiefsee, Tiefenwasser, Nährstoffreich, Meer, Meteor
Mehr zum Thema im GeoUnion-Newsportal
Überlebenskünstler Kaltwasserkorallen (15.08.2006)
Riffe im Atlantik noch weitgehend unerforscht
Korallen als El Niño-Archiv (23.06.2006)
Ereignisse der letzten 7.600 Jahre weisen größere Schwankungen auf als heute
Dem Meeresspiegel mit Säge, Lupe und Laptop auf der Spur (20.03.2006)
IODP-Wissenschaftler untersuchen wertvolles Klimaarchiv in Korallen
Korallen als Zeiger für Meeresspiegelschwankungen (28.09.2005)
Bohr-Expedition führt Klimaforscher in tahitianische Korallenregion
Riffe im Nordmeer (12.08.2005)
Von Korallenwächtern und Kinderstuben
Tauchfahrt in Europas Unterwasserreich (05.08.2005)
HERMES untersucht Kontinentalränder
Korallen im Nordmeer bedroht (24.06.2005)
Expedition zu den Kaltwasserriffen
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Kaltwasserkorallen
Das „Great Barrier Reef“ des Nordens
Kontinentalränder
Forschung in Europas Unterwasserreich
Geheimnisvolle Tiefsee
Von Mythen, Monstern und Manganknollen
GeoAngewandt - Artikel
Versandung trifft auch Naturparadiese
Das längste Thermometer Deutschlands
Urzeitliches Arten-Potpourri in Bernstein
Spurensuche vor Westafrika
Manganknollenjagd im Pazifik
In 10.000 Jahren mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin?
Raptoren gab’s auch in Niedersachsen
Giganten aus Salzgestein
Gaza-Streifen: Zu viel Nitrat im Grundwasser
Patagonischer Kratersee gibt Geheimnisse preis
Älteste Gesteine der Erde verändern sich doch
Kohleverbrennung ohne CO2-Ausstoß
Geowissenschaftler geben Zuchtperlen ein Zuhause
Kohlevergasung untertage als Energiequelle der Zukunft?
Dino-Ferngläser erwecken Saurier zum Leben
Wie aus Staubkörnern Planeten werden
Forscher „erlauschen“ drohende Vulkanausbrüche
Warum trotzen Svalbard-Gletscher der globalen Erwärmung?
Europas "Vorposten" in Nordamerika
Wie Moore auf extreme Witterung reagieren
Nordrhein-Westfalen in 3D
Dem Klimawandel im Mittelmeerraum auf der Spur
Geheimnissen des Meeresbodens auf der Spur
Mikrofossilien als Paläothermometer
Energie aus der Unterwelt
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr