Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Gesucht: Altersrekord im Sonnensystem
Auf Spurensuche nach den ältesten Gesteinen
Mineralogen der Universitäten Köln und Bonn sind auf der Suche nach den ältesten Gesteinen im Sonnensystem. Mithilfe eines neuen hochpräzisen Massenspektrometers wollen sie dabei nicht nur irdische Materie sondern auch Mondgestein und Meteoritenfunde unter die Lupe nehmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt die Arbeiten mit 1,2 Millionen Euro.

Krater eines Meteoriteneinschlags
Krater eines Meteoriteneinschlags
© NASA/JSC Krater eines Meteoriteneinschlags
Vor 14,7 Millionen Jahren hagelte es im heutigen Tschechien grünes Glas. Kurz zuvor war in Süddeutschland ein riesiger Meteorit eingeschlagen. Dabei hatte er einen Krater von 23 Kilometern Durchmesser gerissen: Das Nördlinger Ries. Das Projektil verdampfte, mit ihm einige Kubikkilometer Erdgestein. Innerhalb weniger Minuten bildete sich eine Wolke von über 100 Kilometern Höhe. Daraus kondensierten die Glaskörper, die wenig später südlich des heutigen Prag herunterregneten. Ein bis zehn Zentimeter groß sind diese Moldavite. Sie ähneln zerbrochenen Bierflaschen und haben mit dem Gestein, das man heute hunderte Kilometer weiter westlich im Nördlinger Ries findet, augenscheinlich nicht viel gemein. "Mit Isotopenmessungen konnte man aber nachweisen, dass die Moldavite tatsächlich aus dem Meteoritenaufprall stammen", erklärt der Bonner Mineraloge Professor Dr. Carsten Münker.

Altersrekord: 4,570 Milliarden Jahren
Münkers Arbeitsgruppe hat zusammen mit seinem Kölner Kollegen Professor Dr. Herbert Palme gerade ein neues Messgerät bewilligt bekommen, das diesen Nachweis noch präziser führen könnte: Ein extrem empfindliches Massenspektrometer, mit dem sich die Häufigkeit verschiedener Isotope in Gesteinen und Mineralen messen lässt. "Isotope sind Teilchen ein und desselben chemischen Elements, die jedoch unterschiedliche Massen besitzen, also unterschiedlich 'schwer' sind", erklärt Münker. "Mit dem neuen Gerät können wir den Anteil eines Isotops in einem Festkörper bis auf 0,001 Prozent genau bestimmen." Mit dem 1,2 Millionen Euro teuren Gerät wollen die Mineralogen nun nach den ältesten Gesteinen und Mineralen im Sonnensystem fahnden. Bisheriger Rekordhalter sind nach neuen Ergebnissen der Köln-Bonner Mineralogen die so genannten Eisen-Meteorite: Sie sind bis zu 4,570 Milliarden Jahre alt und damit etwa 3 Millionen Jahre vor dem bislang ältesten datierten Material im Sonnensystem entstanden.

Allende-Meteorit (Alter: 4.56 Milliarden Jahre)
Allende-Meteorit (Alter: 4.56 Milliarden Jahre)
© Prof. Dr. Carsten Münker (Universität Bonn) Allende-Meteorit (Alter: 4.56 Milliarden Jahre)
Isotope dienen den Mineralogen als Uhr: Viele von ihnen sind nicht stabil, sondern zerfallen im Laufe der Zeit. Von einem Gramm Uran bleibt so nach 4,5 Milliarden Jahren nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig, die andere Hälfte hat sich in dieser Zeit in Blei verwandelt. Aus dem Verhältnis von Uran zu Blei in sehr alten Erdgesteinen kann man daher das Mindestalter unseres Heimatplaneten abschätzen - allerdings nur ziemlich grob, da die Erde durch Plattenbewegungen stets ihre Oberfläche verjüngt. "Es gibt aber auch Elemente, die eine so geringe Halbwertszeit haben, dass sie schon wenige hundert Millionen Jahre nach Entstehung der Erde komplett zerfallen waren", erläutert Münker. "Sie erlauben eine viel genauere Altersmessung - vorausgesetzt, man hat ein entsprechend empfindliches Massenspektrometer."

Suche nach „ausgestorbenen“ Isotopen
Ausgestorben ist beispielsweise das Isotop Hafnium-182. Es wandelt sich mit einer Halbwertszeit von 9 Millionen Jahren in Wolfram-182 um - Wolfram ist das Metall, aus dem unter anderem der Draht von Glühbirnen besteht. Als sich die Erde kurz nach ihrer Entstehung abkühlte, sank das meiste Wolfram in den metallischen Erdkern ab. Da in der inzwischen erstarrten äußeren Hülle der Erde damals noch ein wenig Hafnium-182 vorhanden war, bildete sich dort aber noch Wolfram-182 nach. Aus der Wolfram-182-Menge im Erdgestein lässt sich daher errechnen, wann sich der metallische Kern der Erde bildete - ein viel verlässlicheres Maß für das Alter unseres Planeten (ungefähr 4,53 Milliarden Jahre). "Dazu benötigen wir aber als Referenz Material aus dem All, also beispielsweise von niedergegangenen Meteoriten", erklärt Münker. "Nur so können wir feststellen, wie hoch die Wolfram-182-Menge auf der Erde heute wäre, wenn ein Großteil davon nicht unwiederbringlich im Erdkern verschwunden wäre."

20.000 Meteorite pro Jahr
Mondgestein
Mondgestein
© NASA
Eine Spezialität der Bonn-Kölner Mineralogie ist daher die Untersuchung von außerirdischen Proben. Mangel herrscht daran glücklicherweise nicht: Rund 20.000 Meteorite mit einer Masse von mehr als 100 Gramm fallen pro Jahr auf die Erdoberfläche. Besonders leicht fündig wird man an den Polen oder in großen Sandwüsten wie der Sahara: Einerseits verwittert das Material dort nicht so schnell, andererseits hebt es sich aufgrund seiner dunklen Farbe gut vom Untergrund ab. "Wir untersuchen aber beispielsweise auch Mondgestein, das durch die Apollo-Missionen zur Erde gebracht wurde", erklärt Münker. Etwa 360 Kilogramm hatten die Raumfahrer damals eingesammelt. Das Material ist extrem wertvoll; daher darf man für Untersuchungen nur kleinste Mengen verbrauchen. Kein Problem für das neue Gerät, betont Professor Münker: "Das Spektrometer ist so empfindlich, dass wir damit schon an geringsten Probenmengen Isotopenmessungen durchführen können."
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Meteor, Meteorit, Gestein, Eisen, Krater, Einschlag
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Meteoriten
Gefahr aus dem All
Stunde Null
Wie alt ist der Kosmos?
Kometen
Rätselhafte Vagabunden im Weltraum
Marsinvasion
Die Suche nach Mikroben im Sonnensystem
Die Milchstraße
Unsere chaotische Heimat
Macht der Steine
Mythos oder Wirklichkeit?
Diamanten
Hochkarätiges aus dem Bauch der Erde
GeoAngewandt - Artikel
Versandung trifft auch Naturparadiese
Das längste Thermometer Deutschlands
Urzeitliches Arten-Potpourri in Bernstein
Spurensuche vor Westafrika
Manganknollenjagd im Pazifik
In 10.000 Jahren mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin?
Raptoren gab’s auch in Niedersachsen
Giganten aus Salzgestein
Gaza-Streifen: Zu viel Nitrat im Grundwasser
Patagonischer Kratersee gibt Geheimnisse preis
Älteste Gesteine der Erde verändern sich doch
Kohleverbrennung ohne CO2-Ausstoß
Geowissenschaftler geben Zuchtperlen ein Zuhause
Kohlevergasung untertage als Energiequelle der Zukunft?
Dino-Ferngläser erwecken Saurier zum Leben
Wie aus Staubkörnern Planeten werden
Forscher „erlauschen“ drohende Vulkanausbrüche
Warum trotzen Svalbard-Gletscher der globalen Erwärmung?
Europas "Vorposten" in Nordamerika
Wie Moore auf extreme Witterung reagieren
Nordrhein-Westfalen in 3D
Dem Klimawandel im Mittelmeerraum auf der Spur
Geheimnissen des Meeresbodens auf der Spur
Mikrofossilien als Paläothermometer
Energie aus der Unterwelt
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr