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Freitag, 10.02.2012
Letzte Rettung Tamiflu
Ein Grippemittel macht Karriere

H5N1 Virion 
H5N1 Virion
© CDC
Die einzige wirksame Waffe gegen Viren wie H5N1 ist zurzeit das Präparat „Tamiflu“ mit dem Wirkstoff Oseltamivir, ein vor kurzem erst entwickeltes Grippemittel. Tamiflu wirkt, indem es an eines der Enzyme in der Hülle des Virus bindet. Der Wirkstoff verhindert so, dass dieser aus einer infizierten Wirtszelle austritt. „Das Virus kann sich dann zwar noch immer im Inneren einer Zelle vermehren, aber es kann diese Zelle nicht mehr verlassen und so keine anderen Zellen befallen“, erläutert der international anerkannte Seuchenexperte Yoshihiro Kawaoka.

Dem Erreger der „Spanischen Grippe“, macht Tamiflu nach Angaben der Hersteller, dem Schweizer Pharmakonzern Roche, den Garaus. Und wie die WHO am 12. Februar 2004 bekanntgab, ist auch der Influenza-Typ H5N1 gegen Tamiflu empfindlich. Alle getesteten Virus-Isolate reagierten im Laborversuch auf Oseltamivir. Wichtig sei jedoch, dass das Mittel früh nach Auftreten der ersten Krankheitszeichen zum Einsatz komme.

100 Millionen Euro zum Schutz gegen Vogelgrippe
Für rund 94 Millionen Euro haben die Bundesländer Tamiflu mittlerweile bei Roche eingekauft. Diese konzertierte Aktion beruht auf einem Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz der Bundesländer unter Vorsitz Bayerns vom 14. August 2005.

„Wir legen jetzt einen Medikamentenvorrat an, dass wir bei einer Grippe-Epidemie nicht vor leeren Regalen stehen“, kommentierte Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf die Entscheidung der Politiker. Alle Länder beteiligen sich an der Vorratshaltung für Tamiflu. So hat Berlin für 2,2 Millionen Euro Grippe-Medikamente gekauft und Bayern, als eines der bevölkerungsreichsten Länder sogar für 22,4 Millionen Euro.

„Mit der heutigen Entscheidung des Kabinetts zum Kauf von insgesamt 1,9 Millionen Therapieeinheiten ist die Versorgung für 15 Prozent der Bevölkerung gesichert. Damit liegt Bayern als eines der bevölkerungsreichsten Bundesländer mit Nordrhein-Westfalen gleichauf, die für rund 14,5 Prozent bestellt haben.“, frohlockte Schnappauf zum Abschluss von Bayerns Pandemie-Vorsorgekonzept am 9. August 2005

Nach Angaben der Gesundheitsministerkonferenz wandern die Arzneimittel in eine Art Pool, „aus dem sich die Länder unter Berücksichtigung eigener Erfordernisse im Bedarfsfall gegenseitig unterstützen.“

Doch reichen die eingelagerten antiviralen Wirkstoffe für rund 15 Prozent der deutschen Bevölkerung zur Bekämpfung einer möglichen Pandemie tatsächlich aus? „Die Länder legen ihrem Beschaffungskonzept das von einer Expertengruppe beim Robert-Koch-Institut erarbeitete Pandemieszenario mit einer Erkrankungsrate von 15 Prozent der Bevölkerung zu Grunde“, so die Gesundheitsministerkonferenz.

Großbritannien jedoch kalkuliert mit ganz anderen Zahlen und gibt für die knapp sechzig Millionen Briten viel mehr Geld aus. Die Regierung von Tony Blair hat beim Patentinhaber 14,6 Millionen Dosen für mehr als 250 Millionen Euro eingekauft – das reicht für knapp 25 Prozent der Bevölkerung.

Zu wenig Medikamente für zu viele Patienten?
Viele Wissenschaftler gehen aber auch hierzulande davon aus, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung bei einer Pandemie erkranken könnten. Und auch die WHO rät den Staaten für rund 25 der Bevölkerung Antivirusmittel einzulagern.

Längst nicht jeder, der die wichtigen Grippe-Medikamente braucht, würde sie demnach bei einer Vogelgrippepandemie auch erhalten, so scheint es. Kein Wunder, dass vielerorts sogar bereits Hamsterkäufe von Tamiflu bekannt geworden sind.

Viele Apotheken meldeten Ende Oktober 2005 „Ausverkauft – keine Nachlieferung zu erwarten“. Denn Roche hat die Versorgung Deutschlands mit Tamiflu erst einmal gestoppt, um für einen möglichen Ernstfall gerüstet zu sein. Auch andere antivirale Medikamente wie „Relenza“, die ebenfalls gegen Grippe-Viren helfen, waren im Herbst 2005 nicht mehr zu bekommen.

Doch wie kann es zu einem Engpass bei solchen Mitteln kommen, wenn diese verschreibungspflichtig sind und zudem keine Grippewelle grassiert? Viele Ärzte lassen sich offenbar allzu bereitwillig von Patienten „breitschlagen“ und verordnen die Medikamente – zum Teil in Vorratspackungen – prophylaktisch.

EU: Schutzschild löchrig
Noch löchriger als in Deutschland ist der Schutzschild gegen eine Vogelgrippepandemie trotz aller Mahnungen und Appelle in einigen anderen europäischen Ländern. „Wir sind noch nicht dort wo wir sein sollten“, sagte beispielsweise der zuständige EU-Kommissar für Gesundheit Markos Kyprianou auf einem Sondergipfel der EU-Außenminister zur Vogelgrippe Mitte Oktober 2005.

Viele Länder, so Kyprianou weiter, hätten bislang noch nicht ausreichend Medikamente für die antivirale Behandlung beim Ausbruch einer Pandemie geordert. Noch immer fehlten zudem die finanziellen Mittel, aber auch Forschungskapazitäten, um schnell einen Impfstoff zu entwickeln, wenn der Virus irgendwann einmal von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann.

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