Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Ein riesiger Filter
Wodurch sammeln sich die Organismen im Eis?

Mikroskopische Aufnahme von Eisalgen 
Mikroskopische Aufnahme von Eisalgen
© Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung
Im Meereis wimmelt es nur so von Lebewesen, von denen ein Großteil einzellige Algen sind. Da die Wissenschaftler diese nicht zählen können, bestimmen sie den Chlorophyllgehalt einer bestimmten Eismenge. Dabei kamen sie zu ganz erstaunlichen Ergebnissen: Im Sommer werden Werte von über 2.000 Milligramm Chlorophyll pro Kubikmeter gemessen. Das ist höchst außergewöhnlich, denn im freien Wasser des Polarmeeres werden nie höhere Werte als 15 Milligramm gemessen, und selbst die Nordsee, die eine viel höhere Produktivität besitzt, hat im Sommer einen 40 mal geringeren Chlorophyllgehalt als das Meereis. Wie gelangen die Organismen in einer derart hohen Konzentration ins Eis?

Dazu haben die Forscher verschiedene Vermutungen entwickelt. Es könnte sein, dass die Kleinlebewesen beim Gefriervorgang von den aufsteigenden Eiskristallen mit zur Wasseroberfläche genommen werden. Das in Oberflächennähe gefrierende Wasser steigt als Süßwassereis wegen seines geringeren spezifischen Gewichts nach oben und sammelt die Organismen aus dem freien Wasser ein. Sie sammeln sich dann im Körncheneis, werden in die entstehende Eisdecke eingeschlossen und reichern sich so an. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Lebewesen selber als Kristallisationskeime dienen. Um sie herum bilden sich Eiskristalle und tragen die Organismen nach oben zur Wasseroberfläche, wo sie sich ansammeln.

Durch Wellenbewegungen können Pflanzen und Tiere auch aktiv im Eisbrei an der Wasseroberfläche angereichert werden. Wenn eine Welle Wasser - und mit ihm auch zahlreiche Organismen - von unten in das Körncheneis drückt, bleiben zahlreiche Organismen im porösen, schwammartigen Eis hängen oder können sich dort festhalten. Auf diese Weise trägt jede Welle neue Lebewesen in den Eisbrei hinein. Für diese These spricht die Tatsache, dass sich auch Sedimente - im Gegensatz zu Lebewesen passive Teilchen - im Eisbrei an der Wasseroberfläche ansammeln können. Durch diese Anreicherungsmechanismen findet man im Meereis hauptsächlich Organismen, die in anderen Meeren Hauptbestandteil des Planktons sind. Sie werden quasi aus dem freien Wasser herausgekehrt.

Wird das Eis an der Wasseroberfläche dicker, so reichern sich die Lebewesen zunehmend in den unteren Regionen des Eises an. Sie brauchen Nährstoffe zum Überleben, und die kommen von unten. Während die oberen Regionen des Eises nährstoffarm sind, wird die unterste Eisschicht durch den Kontakt mit dem darunterliegenden Wasser immer mit den notwendigen Stoffen versorgt. Auf der Oberfläche des Eises gibt es hingegen kaum Leben. Hier sind die Organismen ungeschützt der UV-Strahlung der Sonne ausgesetzt, außerdem gibt es hier kaum Salz, da die Schmelzwassertümpel nahezu Süßwasser enthalten.

Ein Großteil der Organismen lebt nicht nur im Eis, sondern kann sich auch darin vermehren. Es gibt jedoch einige Spezies, die zur Fortpflanzung wieder das freie Wasser aufsuchen müssen. Sie werden durch die Eisschmelze im Sommer freigesetzt und gelangen nach der Vermehrung wieder durch einen der Anreicherungsmechanismen ins Eis zurück.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Meereis
Wimmelndes Leben in salzigen Kanälen
Mit Satelliten und U-Booten
Die Verbreitung des Meereises
Von Körnchen und Pfannkuchen
Wie entsteht Meereis?
Ein riesiger Filter
Wodurch sammeln sich die Organismen im Eis?
Kalt, dunkel und salzig
Die Lebensbedingungen im Eis
Der heimliche Herrscher im Meereis
Die Kieselalgen
Überleben im Meereis
Der Diatomeen-Trick: Optimale Anpassung an eisige Kälte
Giftblüte und Meeresleuchten
Dinoflagellaten sind die zweithäufigsten Einzeller im Eis
Winzige Jäger mit Schneckengehäuse
Die Foraminiferen
Die Psychrophilen mögen es kalt
Biochemische Strategien zum Überleben im Gefrierschrank
Kleine Krebse und Eisfische
Die Artenvielfalt im Meereis
Eine ganz besondere Form von "Meereis"
Eisberge stammen von Gletschern ab
Wie ein gigantischer Spiegel
Die Bedeutung des Meereises für unser Klima
Der Nordpol fällt ins Wasser
Die Dynamik des Meereises
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen