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Mittwoch, 14.11.2018
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Aus alt mach neu

Wenn aus bekannten Erregern eine neue Seuche wird

Nicht immer droht die Gefahr neuer Seuchen vom Tier. Auch ein bereits lange in uns Menschen etablierter Keim kann sich plötzlich und unerwartet zu einem potenziell tödlichen Erreger wandeln. Oft geschieht dies durch Mutationen oder die Kreuzung verschiedener Erregerstämme, aber auch "menschengemachte" neue Erregervarianten durch Resistenzbildung gegen Antibiotika und andere Medikamente sind keine Seltenheit.

Auf den ersten Blick harmlos: Der aggressive EHEC-Stamm war eine neue Variante des Darmkeims Escherichia coli.

Auf den ersten Blick harmlos: Der aggressive EHEC-Stamm war eine neue Variante des Darmkeims Escherichia coli.

EHEC: Ein Darmkeim wird zum "Killer"


Wie dramatisch solche Ausbrüche von Emerging Diseases ablaufen können, demonstriert die EHEC-Epidemie in Norddeutschland im Jahr 2011. Bei diesem Ausbruch kamen 50 Menschen ums Leben, mehr als 4.300 Menschen erkrankten. Es begann damit, dass im Frühjahr 2011 plötzlich immer häufiger Patienten in die Krankenhäuser eingeliefert wurden, die unter schweren, blutigen Durchfällen litten. Später kamen dann Nierenschäden und im Extremfall neurologische Störungen hinzu. Im schlimmsten Fall starben die Betroffenen an Organversagen.

Erste Untersuchungen ergaben, dass sich in allen Patienten das Bakterium Escherichia coli explosionsartig vermehrt hatte - ein auf den ersten Blick altbekannter und harmloser Darmkeim. Doch in diesem Falle handelte es sich um einen neuen, hoch pathogenen Stamm einer Untergruppe dieser Bakterien, der sogenannten enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC). Diese Erreger produzieren Giftstoffe, die die roten Blutkörperchen und die Wände kleiner Blutgefäße zerstören. Als Folge kommt es nicht nur zu blutigen Durchfällen, sondern auch zu Nierenschäden, Blutarmut und weiteren Organschäden – dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS).

Wie aber kann aus einem eigentlich harmlosen Darmkeim ein so krankmachender Epidemieauslöser werden? Genanalysen enthüllten, dass der HUSEC041 (O104:H4) getaufte Erreger einem zuvor unbekannten Hybrid-Stamm angehörte. Dieser war durch den Genaustauch zwischen zwei unterschiedlichen pathogenen Escherichia coli-Varianten entstanden: einem der schon bekannten EHEC-Stämme und einem enteroaggregativen E. coli (EAEC). Diese Kombination machte den neu entstandenen Erreger besonders aggressiv und noch dazu resistent gegenüber zahlreichen gängigen Antibiotika.

Bei Staphylococcus aureus liegt der Anteil resistenter Stämme (MRSA) in Europa schon bei knapp 17 Prozent.

MRSA und Co: Resistenz-Epidemien


Eine weitere Quelle für neu auftretende Epidemien ist die Medizin selbst: Durch den falschen und übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht und Humanmedizin züchtet der Mensch schon seit Jahrzehnten immer neue resistente Bakterienstämme. Diese Erreger haben Abwehrmaßnahmen gegen unsere Medikamente entwickelt und lassen sich mit den gängigen "Waffen" daher nicht mehr bekämpfen. Auch bei uns in Europa nehmen multiresistente Bakterien immer mehr zu.

Manchmal ist dabei nicht einmal der Erreger selbst das Ausschlaggebende, sondern das von ihm entwickelte und dann auch an andere Bakterienarten weitergegebene Resistenzgen. Ein Beispiel dafür ist die in Indien entstandene "Neu-Delhi Metallo-Beta-Lactamase" (NDM-1). Dieses Enzym macht Bakterien immun gegen alle gängigen Antibiotika außer dem relativ giftigen Notfallmittel Colistin. Und selbst gegen dieses haben inzwischen einige Bakterien Abwehrmethoden entwickelt – ebenfalls in Indien. Über Fernreisende gelangen diese Resistenzgene auch nach Europa und in andere Regionen – und können sich dann dort zu wahren Superkeimen kombinieren.
Nadja Podbregar
Stand: 02.11.2018
 
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