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Mittwoch, 17.10.2018
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Lückenhafte Vergangenheit

Woran wir uns ein Leben lang erinnern – und woran nicht

Erinnerung ist ein komplexer und dynamischer Prozess. Weil wir im Alltag ständig neuen Informationen ausgesetzt werden, befindet sich insbesondere unser Kurzzeitgedächtnis in einem stetigen Wandel: Kontinuierlich passt sich der Zwischenspeicher unseres Gehirns an Veränderungen in unserer Umwelt an – und neue Inhalte drängen alte in den Hintergrund.

An Erlebnisse aus unserer frühen Kindheit erinnern wir uns nicht.

Kindliche Amnesie


Doch auch jener Bereich des Gedächtnisses, der dauerhaft bedeutende autobiographische Erinnerungen speichert und auf diese Weise unser Ich formt, ist von Vergessen geprägt: Persönliche Erinnerungen aus unseren ersten drei bis vier Lebensjahren enthält dieser identitätsstiftende Speicher nicht. Mit dem Heranwachsen verlieren wir fast alle Erinnerungen an unsere frühe Kindheit. In keiner anderen Phase des Lebens löscht das Gehirn so fleißig persönliche Erlebnisse aus dem Gedächtnis.

Über die Gründe für diese sogenannte frühkindliche Amnesie können Wissenschaftler nur spekulieren. Eine These ist, dass bestimmte Bereiche im Gehirn von Kleinkindern noch nicht weit genug ausgebildet sind, um Erinnerungen detailliert abzuspeichern und langfristig wieder abrufen zu können. Nach Meinung mancher Forscher betrifft das vor allem die Verbindung zwischen dem Hippocampus, wo Erinnerungen entstehen und zunächst zwischengespeichert werden, und der Großhirnrinde, die als Langzeitspeicher dient.

Vom Einzelerlebnis zum generalisierten Wissen


Zum anderen könnte das Vergessen daran liegen, dass Kinder erst etwa ab dem zweiten Lebensjahr ein Ich-Bewusstsein entwickeln. Ist dieser Prozess abgeschlossen, werden Ereignisse fortan als Ich-Erlebnisse abgespeichert. Frühere Erlebnisse, die noch nicht Ich-kodiert und damit sozusagen in einem alten Format abgespeichert sind, können danach nicht mehr bewusst wachgerufen werden.

Eine weitere Erklärung: Kleine Kinder konzentrieren sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen Ereignissen und beginnen, ihre Erfahrungen in routinemäßige Abläufe zu sortieren – sogenannte Skripte wie Essen, Baden, Zoobesuch. Das einzelne Erlebnis rückt dabei in den Hintergrund. Und das ist auch sinnvoll. Denn auf diese Weise bilden die Kinder Alltagswissen und entwickeln ein Gefühl für Normalität. Dieses Gefühl ist aus Sicht der Evolution äußerst praktisch: Nur wer weiß, was normal ist, kann Abweichungen schnell erkennen – und so zum Beispiel eine drohende Gefahr wahrnehmen.

Einen Großteil unseres mentalen Fotoalbums machen emotionale Erlebnisse aus unseren jungen Jahren aus.

Prägende Pioniererfahrungen


Im Gegensatz zu den Erlebnissen aus unserer frühen Kindheit liegt die Zeitspanne zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr bei den meisten Menschen ziemlich vollständig im Gedächtnisspeicher vor: Ein Großteil unserer stärksten Erinnerungen bezieht sich Studien zufolge auf diese Phase unseres Lebens. Aus der Zeit danach liegen dagegen wieder weniger detaillierte Erinnerungen vor.

Doch woran liegt das? Forscher glauben, dass die sogenannten Pioniererfahrungen entscheidend dafür verantwortlich sind: das erste Verliebtsein, der erste Liebeskummer, der erste Arbeitstag. Solche "ersten Male" sind sehr intensive Erfahrungen, die oft stark mit Emotionen behaftet sind - und genau aus diesem Grund prägen wir sie uns so gut ein.

Denn unser Gehirn stuft emotionale Ereignisse als besonders wichtig und somit merkenswert ein. Je emotionaler wir eine Situation wahrnehmen, desto eher werden wir uns später daran erinnern - egal ob es der freudige Tag der eigenen Hochzeit ist oder der Schrecken eines Autounfalls. "Wichtig und emotional ist für Gedächtnisforscher fast das Gleiche", sagt der Psychologe Gernot Horstmann von der Universität Bielefeld. 
Daniela Albat
Stand: 17.11.2017
 
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