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Freitag, 10.02.2012
Europäischer Transitraum
Die Alpen als Verkehrsgasse

Tiroler Speck muss nicht zwingend aus Tirol stammen. Auch die Zutaten für italienischen Mozzarella liefern nicht unbedingt einheimische Kühe. Der Speck stammt zum Beispiel aus Holland, wird nach Tirol transportiert, dort alpenländisch veredelt und wieder auf die Rückreise geschickt.

Auch die in Apullien zu Mozzarella umgewandelte Milch gaben holländische oder andere nordeuropäische Kühe ab. Rinder aus Deutschland werden zur billigeren Schlachtung nach Neapel gebracht und wieder in die Herkunftsländer exportiert. Weitere Beispiele unsinniger Transporte könnten an dieser Stelle noch beliebig weitergeführt werden. Und das alles kreuz und quer über die Alpen, Europas größter Erhebung.

Alpentunnel 
Alpentunnel
© Harald Frater
Die Alpen sind längst Haupttransitraum des europäischen Binnenverkehrs geworden. Laut Schätzungen der Internationalen Alpenschutz-Kommission CIPRA wurden 1996 138 Millionen Tonnen Güter über die Alpen verfrachtet. Davon über 60 Prozent auf der Straße, transportiert von 7,4 Millionen LKW. Dabei konzentriert sich der LKW-Transitverkehr zu 70 % auf drei Routen: die Inntal- und Brennerautobahn, die Mont-Blanc-Route und der St. Gotthardpass. Nach dem Brand im Mount-Blanc-Tunnel im März 1999 hat die Mount Censis-Tunnel den meisten Verkehr übernommen.

Die Hauptlast des Transitverkehrs trägt dabei Österreich - über drei Millionen LKW passieren jährlich die Republik. Während über die französischen Alpen weniger als ein Drittel und über die Schweizer gar nur ein Sechstel der Güterfracht transportiert werden, muss Österreich weit über die Hälfte des alpenquerenden Gütertransits auf sich nehmen. Zum Großteil liegt dies an der restriktiven Verkehrspolitik der Schweiz. Die Eidgenossen haben das zulässige LKW-Gewicht für Straßen von den sonst 44 Tonnen auf 28 Tonnen reduziert und eine hohe Schwerverkehrsabgabe erhoben. Zudem herrscht ein generelles Nacht- und Sonntagsfahrverbot.

Der Schwerverkehr verlagert sich so auf die Nachbarländer, vor allen die Brenner- und Mont-Blanc-Route. Und es wird noch mehr werden. Schätzungen der EU Anfang der 90er Jahre gingen davon aus, dass sich der Güterverkehr in den Alpen bis 2010, also innerhalb von 20 Jahren, noch einmal verdoppeln wird.

Gegen die durch die Täler donnernden Lastwagen regt sich bei den Anwohnern der vielbefahrenen Transitstraßen inzwischen wachsender Widerstand. Bürgerinitiativen blockierten im Juni 2000 aus Protest gegen die unzumutbar hohe Luft- und Lärmbelastung die Brennerautobahn. In den Alpentälern verstärkt sich durch die Kessellage die Ausbreitung der Schallwellen um ein Vielfaches, der hohe Lärmpegel erreicht ohne Abschwächung auch die Hanglagen. Die verkehrsbedingte Schadstoffemission mit Stickoxiden, Ruß oder Blei beträgt allein auf der Inntal- und Brennerautobahn täglich 50 Tonnen.

Die hohen Schadstoff- und Ozonbelastungen führen bei der Bevölkerung teilweise zu schweren Atemwegserkrankungen. Doch nicht nur die Bevölkerung, auch die Natur leidet unter dem hohen Verkehrsaufkommen. Die Schadstoffemissionen verstärken im hohen Maße das Waldsterben. Durch Streusalze werden Böden und Gewässer enorm belastet. Auf der Brennerstrecke werden jährlich 80 Tonnen Streusalz pro Kilometer ausgefahren.

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