Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Leben in Zeitlupe
Tot oder nur im Überdauerungskoma?

"Man gewinnt oft den Eindruck, der tiefe Untergrund sei geradezu ein Garten Eden für Mikroorganismen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen allerdings eher das Gegenteil", dämpft Stephen Giovannoni, Mikrobiologe an der Oregon State Universität, den Enthusiasmus vieler Kollegen. Auch wenn allerorten neue Lebensformen und -strategien entdeckt werden - ein Zuckerschlecken ist das Dasein in der tiefen Biosphäre nicht.

 Bakterien aus dem Meeressediement
Bakterien aus dem Meeressediement
© Herbert Cypionka
Und tatsächlich scheint das Leben in der Tiefe den meisten Mikroben nicht gerade gut zu bekommen: In Taylorsville im amerikanischen Bundesstaat Virginia stießen Forscher um Tommy Phelps vom Oak Ridge National Laboratory auf Mikroben in rekordverdächtigen 2,7 Kilometer Tiefe. Neugierig geworden, nahmen die Forscher diese Untergrundbewohner genauer unter die Lupe. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Kaum eine der Zellen war aktiv, von Wachstum oder gar Vermehrung erst recht keine Spur.

Doch genau das widerspricht eigentlich allem, was die Mikrobiologen bisher unter Überleben verstanden. "Wir dachten immer, alles muss wachsen, um überleben zu können. Aber wenngleich dies für das Leben auf der Oberfläche zu stimmen scheint, ist es für Bakterien in extremen Umgebungen offenbar kein geeignetes Motto" erklärt Phelps. "Was sie dort unten tun, ist nicht sehr viel. Sie versuchen einfach nur durchzuhalten."

Mikrobiologen vermuten, dass einige der winzigen Zellen, die sie aus den Bohrkernen herausholten, schon lange Zeit in einer Art Überdauerungszustand ausgeharrt haben, ohne sich auch nur einmal zu teilen. Der Mangel an energiereichen, organischen Molekülen und damit auch an Nahrung scheint sie zu diesem absoluten Sparregime zu zwingen. Für andere Arten ermittelten die Forscher durchschnittliche Generationszeiten von Jahrhunderten bis Jahrtausenden. Im Vergleich dazu leben oberirdische Einzeller geradezu im Zeitraffer: Viele von ihnen, wie beispielsweise unsere Darmbakterien, teilen sich alle zwanzig Minuten.

Die Härten des unterirdischen Lebens scheinen allerdings auch längst nicht alle Bewohner der Tiefen Biosphäre zu überstehen, wie Forscher des internationalen Ocean Drilling Program (ODP) herausfanden, als sie im Jahr 2000 Bohrkerne aus Sedimenten mehr als 500 Meter unter dem Meeresboden untersuchten. Bei der mikroskopischen Analyse fanden sie unter hundert Bakterienzellen maximal eine, die überhaupt Lebenszeichen von sich gab, manchmal sogar nur eine unter 100.000. "Die meisten der unterirdischen Mikroben im marinen Sediment müssen entweder an extrem niedrige Stoffwechselaktivitäten angepasst sein - oder tot", heißt es im Fazit der Forscher.

Welche Variante stimmt und ob es vielleicht noch eine ganz andere Erklärung für das seltsame Leben oder "Nichtleben" der Untergrundmikroben gibt, weiß zur Zeit niemand. Auch Steven D'Hond, Forschungsleiter der ODP-Expedition resümiert: "Kurz gesagt, wir wissen fast nichts über die Populationsstrukturen, die Stoffwechselstrategien, die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften oder die globalen biogeochemischen Einflüsse der Tiefen Biosphäre." Zu tun gibt es für die Forscher daher noch reichlich....

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Tiefe Biosphäre
Rätselhafte Lebenswelt im "Keller der Erde"
Und sie lebt doch...
Die Entdeckung der Tiefen Biosphäre
Fremde Welt im Untergrund
Wimmelndes Leben und jede Menge Fragen
Im Reich der Extremisten
Die Lebensbedingungen in der Tiefe
In der Wasserstoffwelt
Auf der Suche nach Energie und Nahrung
Leben in Zeitlupe
Tot oder nur im Überdauerungskoma?
Gefängnis oder Wiege des Lebens?
Konkurrenz für die "Ursuppe"
Unter der roten Hülle
Neue Hoffnung für Leben auf dem Mars?
Ressource Tiefe Biosphäre
Granit-Mikroben als "Lagerarbeiter"
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen