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Samstag, 20.10.2018
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Ein Reich des Friedens…

…oder doch nicht?

Als eines der herausstechenden Merkmale der rätselhaften Indus-Kultur galt lange ihre Friedfertigkeit: Archäologische Ausgrabungen in den Siedlungsresten förderten keinerlei Spuren von Kriegen oder Gewalt zutage - weder als Zerstörungen an Gebäuden, noch in Form von Kampfszenen auf Kunstobjekten oder Keramiken. Auch Hinweise auf eine Hierarchie, zentralistische Herrscher oder ein Klassensystem fehlten.

Statue eines Priesterkönigs der Indus-Kultur - über sein Reich ist bisher nur wenig bekannt.

Man ging deshalb davon aus, dass die Induskultur eher nach dem Prinzip einer "Graswurzel-Regierung" organisiert war: Die Bevölkerung teilte ihren politischen und religiösen Führern Autorität zu, es gab aber nur eine schwache Hierarchie und ein ansonsten eher egalitäres Gesellschaftssystem. Deshalb, so glaubte man, wurde auch kaum Gewalt benötigt, um soziale Kontrolle auszuüben.

Im Sommer 2012 allerdings stießen Archäologen auf Funde, die das Bild vom Reich des Friedens platzen ließen - oder es zumindest arg ins Wanken brachten. Forscher um Gwen Robbins Schug von der Appalachian State University in Boone hatten für ihre Studie 160 Skelette näher untersucht, die in Harappa in drei verschiedenen Friedhöfen gefunden wurden. Dabei stießen sie besonders bei den Knochen aus der Spätzeit der Indus-Kultur zwischen 1900 und 1700 v.Chr. auf auffallend viele Anzeichen für schwere Verletzungen.

Spuren von Prügeln und Kampf


Immerhin 15,5 Prozent der Schädel in einer Grabstätte aus dieser Epoche hatten Brüche oder Risse in der Schädeldecke, wie sie beim Schlag mit einer stumpfen Waffe entstehen, oder andere durch Gewalteinwirkung verursachte Schäden an den Knochen. Ein Mann im mittleren Alter hatte eine gebrochene Nase und eine Verletzung an der Stirn, die von einem scharfkantigen Objekt herrührten, eine Frau war offenbar vor ihrem Tod so heftig verprügelt worden, dass ihr Schädel barst.

Der Schädel einer älteren Frau mit deutlichen Verletzungen

"Die Art der Schädeltraumata passt nicht zu Unfällen oder Schäden, die nach dem Tod entstanden sein können", konstatieren Schug und ihre Kollegen. "Stattdessen deuten die Daten klar auf zwischenmenschliche Gewalt hin." Frauen und Kinder seien damals besonders häufig Opfer solcher Gewalttaten geworden. Anhand ihrer Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass die Rate der Gewalt in Harappa zu jener Zeit selbst für eine Stadt relativ hoch war - sogar die höchste in ganz Südostasien in dieser Ära. Aber warum?

Gewalt durch Umbruch


Einen Hinweis dazu lieferte der Vergleich mit den Grabstätten und Skeletten aus früheren Phasen der Indus-Kultur: In diesen Gräbern waren Spuren von Gewalteinwirkung tatsächlich extrem rar. Selbst in der Zeit als Harappa mehr als 30.000 Einwohner zählte, waren Mord und Totschlag offenbar eine absolute Ausnahme. Das aber änderte sich offenbar gegen 1900 v.Chr., als die Indus-Kultur allmählich begann, sich aufzulösen.

"Diese Periode war eine Zeit des sozialen Wandels in der gesamten Zivilisation: die bisherige Einflusssphäre der Kultur kollabierte, die Bevölkerung begann, die Städte zu verlassen, und viele technische und kulturelle Errungenschaften wurden aufgegeben", erklären Schug und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach erklärt dieser Umbruch und der Stress und die Verunsicherung, den er bei den Menschen ausgelöst haben muss, auch die Zunahme von Aggression und Gewalt.

"Es ist klar, dass Konflikt und Kampf damals normaler Teil des Lebens für die Stadtbewohner von Harappa waren", so die Archäologen. "Das demonstriert, dass die Indus-Zivilisation zumindest in dieser Zeit kein außergewöhnlich friedvolles Reich gewesen ist. Diese Idee müssen wir auf Basis unserer Ergebnisse verwerfen."
Nadja Podbregar
Stand: 09.05.2014
 
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