Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 21.05.2012
Relativitätsrummel
Eine Sonnenfinsternis bringt den Beweis

Während sich der Mond langsam vor die Sonne schiebt, beobachtet ein britisches Forscherteam gebannt den Himmel. Die Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 in Westafrika steht kurz vor der totalen Eklipse. Den Forschern geht es nicht nur um das beeindruckende Naturschauspiel. Sie versuchen, Einsteins Relativitätstheorie zu beweisen.

Bereits vier Jahre zuvor hatte Albert Einstein vorausgesagt, dass die Masse der Sonne die Bahn des vorbeilaufenden Lichtes krümmt. Gelangt also das Licht eines weiter entfernten Sternes in die Nähe der Sonne, sollte es theoretisch von dieser abgelenkt werden. Ein experimenteller Nachweis dieses Phänomens wäre somit die Bestätigung für die Richtigkeit von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie gewesen. Doch zu der Zeit war die Menschheit eher mit dem ersten Weltkrieg als mit physikalischen Problemen beschäftigt.

Sonnenfinsternis 
Sonnenfinsternis
© Henry Pieper
Nach dem Krieg mussten die Forscher dann erst auf die nächste Sonnenfinsternis warten. Denn unter normalen Bedingungen ist das Licht der Sonne viel zu hell, als dass die Ablenkung von Lichtstrahlen in unmittelbarer Nähe beobachtet werden könnte. Die während der Eklipse belichteten Fotoplatten schienen Einsteins Hypothese tatsächlich zu bestätigen. Die Theorie eines Deutschen wurde also durch britische Wissenschaftler bewiesen - ein symbolträchtiges Ereignis, so kurz nach dem Krieg. Erst bei späteren Überprüfungen zeigte sich, dass die Messfehler bei diesem Experiment ebenso groß waren, wie die gezeigte Ablenkung. Inzwischen konnte Einsteins Theorie jedoch exakt bestätigt werden.

1919 aber galt die Relativitätstheorie allgemein als bewiesen und Einstein wurde gefeiert wie ein Popstar. Die Zeitungen überschlugen sich förmlich vor Begeisterung. In der "New York Times" prangte die Schlagzeile: "Lichter am Himmel alle schief - Einsteins Theorie triumphiert". "Revolution in der Wissenschaft - Einstein gegen Newton" jubelte die "Times" und stellte die Relativitätstheorie ihren Lesern als "eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste, Aussage menschlicher Gedanken" vor.

Auch in Deutschland begann man nun, den hauseigenen Wissenschaftler als Star zu sehen. "Eine neue Größe der Weltgeschichte" steht am 14. Dezember unter dem Titelfoto der "Berliner Illustrierte Zeitung", das Einstein mit nachdenklichem Blick zeigt. So positiv sollte die öffentliche Meinung in Deutschland dem jüdischen Physiker gegenüber nicht mehr lange bleiben.

"Relativitätsrummel" nannte Einstein selber die ganze Aufregung um seine Theorie, die ohnehin vom Großteil der begeisterten Bevölkerung nicht verstanden wurde. Bald nutzte er seine Popularität, um sich politisch zu engagieren. Dass seine Worte großes Gewicht hatten, zeigt die Tatsache, dass auf einen Brief Einsteins an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt hin die USA mit dem Bau einer Atombombe starteten.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Albert Einstein
Wie die Zeit relativ wurde und die vierte Dimension entstand
War Einstein ein schlechter Schüler?
Vom hässlichen Entlein zum strahlenden Schwan
Ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheisser
Einstein als kleiner Angestellter
Als das Universum noch vorstellbar war
Zeit und Raum vor Einstein
Jedem eine eigene Uhrzeit
Das Ende der absoluten Zeit
Raum und Zeit wurden zu Kaugummi
Was folgt aus der Relativitätstheorie?
Relativitätsrummel
Eine Sonnenfinsternis bringt den Beweis
Wofür Beamte neben der Arbeit noch Zeit haben
Den Nobelpreis gab es nicht für E = mc²
Im Kampf mit der blonden Bestie
Politik, Barbarien und Aufrufe zum Mord
Als 330.000 Menschen starben
Eine Gleichung mit Konsequenzen
Das gute Gewissen eines Handwerkers
Welche Schuld trifft Einstein am Bau der Atombombe?
Mythos Einstein
Was ist geblieben?
Top-Diaschauen
Tiefseegräben
Bernstein
GAU in Fukushima
Das Geheimnis der Elemente
Weltraumschrott
Aktuelle Dossiers
Neutrinos
Den Geisterteilchen auf der Spur
Der unsichtbare Baumeister
Wind als Urheber von Staubstürmen, Singdünen und Felskulpturen
Der virtuelle Patient
"Gesundheit 2050" - Preisgekrönter Beitrag zum Essay-Wettbewerb
Informationsspeicher Gehirn
Den Mechanismen des Lernens auf der Spur
Titanic: Untergang eines Mythos
Spurensuche hundert Jahre nach der Katastrophe
Kräfte zwischen Kern und Kruste
Der Entstehung des Süddatlantik auf der Spur
Lego mit Lebensbausteinen
Was ist synthetische Biologie?
Bestens eingefügt
Anpassung an einen Lebensraum – die Schleiereule als Modelltier
Die zivilen Verwandten der Seekrieger
Ein echter Knochenjob
CeBIT 2012
Neues aus der Welt des digitalen Arbeitens und Lebens