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Freitag, 10.02.2012
Verstädterung als Lebensprinzip
Der Waschbär

"Waschbären? Die gibt es doch nur in Amerika!", mag so mancher heute noch denken, wenn die Sprache auf den vielleicht erfolgreichsten tierischen Einwanderer in deutschen Landen kommt. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Fast 100.000 Waschbären, so schätzen Tierforscher, leben heute im gesamten Bundesgebiet.

In die Freiheit gelangten die ersten Tiere vermutlich vor mehr als 70 Jahren durch einen Pelztierfarmer, der sie in der Nähe des Edersees in Hessen aussetzte. Die Waschbären fanden anscheinend so optimale Bedingungen vor, dass sie nicht nur überleben konnten, sondern sich mit der Zeit immer weiter ausbreiteten.

Waschbär 
Waschbär
© US Fish and Wildlife Service
Zum beliebtesten Tummelplatz der Waschbären hat sich dabei vor allem das Dreiländereck Hessen, NRW, Niedersachsen entwickelt. Neben der unmittelbaren Nähe zur ersten Aussiedlungsstelle sind es vor allem die vielen naturnahen Laubmischwälder, die für die Waschbären attraktiv sind. Hier finden sie ausreichend Nahrung und auch genügend sichere Schlafplätze. Vor allem alte Eichenbestände mit vielen Asthöhlen sind bei den Waschbären als Winter- und Ruhequartiere beliebt.

Verstädterung von Waschbären
Während die nachtaktiven Tiere lange Zeit den Schutz der Einsamkeit suchten, ist seit einiger Zeit ein völlig neuer Trend in Sachen Waschbär zu beobachten: Immer öfter macht er es sich auch in den Städten gemütlich. Zur europäischen Waschbärmetropole hat sich seit den 80er Jahren laut Angaben der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz (GWN) das nordhessische Kassel entwickelt. Dort zählen sie in Gärten oder auf Dachböden heute schon beinahe zur Normalität.

Das Stadtleben hat für die Kulturfolger einiges zu bieten. Vor allem finden sie in der Nähe des Menschen Nahrung in Hülle und Fülle. Mülltonnen plündern sie dabei genauso gerne wie Obstgärten oder Vorräte in Scheunen und Speichern. Haben Waschbären zudem erst einmal einen Lebensraum für sich erobert, lassen sie sich nur noch schwer daraus vertreiben. So mussten im hessischen Jesberg im Zeitraum von einem Jahr 43-mal Waschbären aus ein und demselben Haus "entsorgt" werden. Der niedliche Kleinbär der Fernsehfilme wird für die geschädigten Kleingärtner und Hausbesitzer zum unerwünschten Plagegeist, der am liebsten direkt zum Abschuss freigegeben werden sollte.

Um mehr über das Phänomen der Verstädterung von Waschbären zu erfahren, hat das GWN in Kassel jetzt aber ein neues Forschungsprojekt auf den Weg gebracht. Mit finanzieller Unterstützung des Landes Hessen versuchen die Forscher einen Managementplan zu entwickeln, der "ein besseres Miteinander von Mensch und Waschbär" gewährleisten soll. Die Dichte und Alterszusammensetzung der Waschbärenpopulation und das Sozialverhalten der Tiere stehen dabei genauso auf dem Prüfstand wie die Rolle des Waschbären als Überträger für Tollwut und Parasiten.

Folgen der Bioinvasion
Abgesehen von diesem und wenigen anderen Projekten steckt die Waschbärforschung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Das wenige aber, was man über die Folgen der Bioinvasion weiß, klingt nicht schlecht. Zumindest nach Ansicht des Ökologischen Jagd Vereins (ÖJV) hat die explosive Vermehrung des Waschbären in den letzten Jahrzehnten bisher noch keinen "negativen Einfluss auf die Tier- und Pflanzenwelt" gehabt. Auch die einheimischen Höhlenbrüter haben laut ÖJV bisher nicht übermäßig unter Waschbärattacken zu leiden.

Ein bisschen anders sehen dies allerdings die Macher der Berner Konvention (Berner Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume). Sie halten den Waschbären durchaus für einen Exoten, der die biologische Vielfalt gefährden kann und fordern dazu auf, ihn notfalls auszurotten.

Harmloser Bestandteil der einheimischen Fauna oder Artenkiller? Bis diese Frage für den Waschbären abschließend beantwortet werden kann, wird es sicher noch einige Zeit dauern...

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