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Montag, 21.08.2017
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Eine Nonne als Star

Hildegard von Bingen setzt sich gegen alle Widerstände durch

Das wohl prominenteste Beispiel einer mittelalterlichen Gelehrten im deutschen Sprachraum ist Hildegard von Bingen. Sie war im 12. Jahrhundert Benediktinerin und Äbtissin ihres eigenen Klosters Rupertsberg bei Bingen. Zuvor hatte sie mit bereits 38 Jahren das dem Mönchskloster Disibodenberg angeschlossene Nonnenkloster geleitet. Ihr Name dient heute unter anderem zur Vermarktung verschiedener Heil- und Gesundheitsprodukte. Obwohl die Vermischung von religiösen Betrachtungen mit anderen Wissenschaften in ihrer Zeit nicht unüblich ist, gilt sie bei vielen als frühe Esoterikerin. Medizinischen Abhandlungen aus ihrer Feder werden allerdings bis heute in der Naturheilkunde eingesetzt und angewendet. Hildegard gilt zudem als eine Begründerin der Mystik und hat sich als Künstlerin, Ärztin, Ethikerin, Kosmologin und Poetin einen Namen gemacht.

Die Karte zeigt Hildegards Predigtrouten durch Deutschland.

Die Karte zeigt Hildegards Predigtrouten durch Deutschland.

Öffentliche Predigt auf dem Marktplatz


Ähnlich wie 800 Jahre vor ihr Hypatia, predigte auch Hildegard von Bingen öffentlich ihre Lehren, so geschehen etwa auf dem Marktplatz von Trier. Liturgische Handlungen waren Frauen jedoch auch zu ihrer Zeit nicht gestattet, dies war allein den männlichen Priestern vorbehalten. So konnten sie als Äbtissinnen zwar durchaus mächtig werden, allerdings nur, solange sie nicht mit Männern in Konkurrenz traten. Im Spätmittelalter wurde dann die frauenfeindliche Fraktion innerhalb der katholischen Kirche stärker und weibliches Predigen schließlich gänzlich verboten. Die verantwortlichen Kirchenväter begründeten dies mit dem Mannsein Jesu Christu als priesterlichem Vorbild.

Hildegard von Bingen lebte genau in der Zeit dieses Umbruchs. Die sich wandelnde Haltung der Kirche hielt sie jedoch nicht davon ab, weiterhin Einfluss zu nehmen. So unterhielt sie etwa einen regen Briefwechsel mit König Friedrich Barbarossa und beriet diesen in unterschiedlichen Angelegenheiten. Doch auch innerhalb des Klerus ließ sie sich nicht den Mund verbieten und kritisierte etwa die Verweltlichung der Institution in Bezug auf Reichtum.

Natur als Ausdruck des Geistes Gottes


Das zentrale Thema in Hildegards Schriften ist das Gleichgewicht. Ihr Gottes- und Schöpfungsverständnis zeigt, dass sie die Natur als Ausdruck des Geistes Gottes betrachtete. Hiermit ging ihrer Ansicht nach einher, dass der Mensch Natur und sich selbst gut und respektvoll zu behandeln habe. Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch ein Schlüssel zu Hildegards heilkundlichen Schriften. Diese sind davon geprägt, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben ausgehen können. Dabei sparte die Äbtissin und politisch engagierte Frau allerdings auch die Sexualität und Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft nicht aus.

Hildegard von Bingen empfängt Inspiration.

Interessant für Biologie und Medizin sind zudem bis heute ihre Ausführungen über Pflanzen und Krankheiten. Wobei ihre Leistung weniger darin besteht, komplett neue Heilverfahren entwickelt zu haben, als vielmehr das damalige Heilwissen aus der griechisch-lateinischen Tradition erstmals mit der Volksmedizin zu vereinen. Sie verwendete in ihren naturwissenschaftlichen Werken beispielsweise als erste die volkstümlichen Pflanzennamen. Unter anderem schrieb die Äbtissin das "Buch über das innere Wesen der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen". Aufgrund dieser und anderer Abhandlungen in denen sie neue Ansichten über Krankheitsentstehung und Sexualität darlegt, sowie ihrer Katalogisierung von über 280 Pflanzen und Baumarten mitsamt ihrer medizinischen Wirkung, wird sie häufig als erste deutsche Ärztin bezeichnet.

Hildegard, die bereits ihre Kindheit im Kloster verbracht hatte, machte durch ihre hohe Popularität und Weisheit nicht nur ihr späteres eigenes Kloster zum wichtigsten medizinischen Zentrum der Region Reingau. Menschen kamen bereits zuvor aus allen Richtungen, um die Nonne - nicht nur in medizinischen Dingen - um Rat zu bitten. Kein Wunder, dass man sie aus ihrem Heimatkloster nicht gehen lassen wollte - sie war ein Star. Doch gegen den Widerstand der Kirchenoberen gründete sie mit fast 50 Jahren dennoch das Rupertsberger Kloster. Hier konnte die Äbtissin ihre eigenen Klosterregeln etwa bezüglich des Fastens aufstellen. Diese waren lockerer, als sie es aus der Kindheit kannte und aufgrund derer sie bereits mehrere Konflikte mit dem Abt ihres Heimatklosters gehabt hatte.
Kathrin Bernard
Stand: 07.12.2012
 
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