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Giganten unter dem Meer
Was macht die Unterwasser-Canyons so besonders?

Lägen sie an Land, würden sie auch die eindrucksvollsten Landschaften noch an Dramatik überbieten: Denn die Tiefsee-Canyons gehören mit zu den größten Einschnitten in der Kruste unseres Planeten. Sie sind hunderte von Kilometern lang und bis zu 2.600 Meter tief in den Meeresboden eingegraben. In ihnen stürzen Sediment und Wasser teilweise mit rasender Geschwindigkeit vom flachen Schelfsockel bis in die Tiefsee hinab. Die Wände der gigantischen Schluchten sind dabei hochaufragend und steil, oft sogar überhängend.

Zerklüftete Landschaft im Mittelteil des Nazaré-Canyons vor Portugal 
Zerklüftete Landschaft im Mittelteil des Nazaré-Canyons vor Portugal
© HERMES  Zerklüftete Landschaft im Mittelteil des Nazaré-Canyons vor Portugal
Obwohl sie mit diesen Dimensionen eigentlich kaum zu übersehen sein sollten, blieben die Unterwasser-Canyons dank ihrer Lage unter hunderten von Metern Wasser lange Zeit unentdeckt und unerforscht. Seeleute hatten bei Tiefenmessungen mit dem Senkblei zwar erste Hinweise auf Einschnitte im europäischen und nordamerikanischen Schelf gefunden. Aber erst das Sonar und andere moderne Vermessungstechnologien haben enthüllt, wie zahlreich, vielfältig und vielgestaltig die Tiefsee-Canyons tatsächlich sind. Ferngesteuerte oder autonome Tauchroboter ermöglichen es Forschern heute erstmals, die Unterwasserlandschaften entlang der Kontinentalabhänge gezielt zu erkunden.

 Der Cap Timiris Canyon besitzt Uferwälle und Altarme
Der Cap Timiris Canyon besitzt Uferwälle und Altarme
© marum - Zentrum für marine Umweltwissenschaften  Der Cap Timiris Canyon besitzt Uferwälle und Altarme
Entdeckung vor Mauretanien
Obwohl der Meeresgrund vor allem in Küstennähe inzwischen eigentlich ausgiebig kartiert sein müsste, werden auch heute noch immer wieder neue Canyons entdeckt. So erst im Jahr 2003 vor der Küste Mauretaniens: Damals waren Wissenschaftler des marum - Zentrum für marine Umweltwissenschaften in Bremen auf einer Expedition mit dem Forschungsschiff "Meteor" unterwegs, um den Meeresboden vor der mauretanischen Atlantikküste zu vermessen. Vor dem Cap Timiris meldete ihr Sonar etwas, das auf keiner ihrer Karten verzeichnet war, eine gewaltige, mäandrierende Schlucht im Meeresgrund. "Selbst auf neuesten Karten war dort, wo wir auf den Canyon stießen, bislang nur großflächig ebener Meeresboden verzeichnet", berichtete Expeditionsleiter Horst Schulz vom marum.

In unzähligen Windungen schlängelte sich der Canyon von der flachen Küste aus 200 Kilometer weit hinaus in Richtung atlantische Tiefsee. Noch in Wassertiefen von mehr als 3.000 Metern konnten die Wissenschaftler die tiefe Schlucht im Meeresboden verfolgen. "Der Cap Timiris Canyon erinnert in vieler Beziehung an den Rhein", sagt Schulz. Ähnlich wie ein Fluss beginne der Canyon im Oberlauf schmal und tief eingeschnitten und weite sich nach unten hin immer mehr. Am Fuß des Kontinentalhangs sei der Canyon etwa zwei bis drei Kilometer breit und schneide sich noch immer etwa 300 Meter tief in seine Umgebung ein.

Mäander wie der Rhein zeichnen den Cap Timiris Canyon vor Mauretanien aus 
Mäander wie der Rhein zeichnen den Cap Timiris Canyon vor Mauretanien aus
© marum - Zentrum für marine Umweltwissenschaften  Mäander wie der Rhein zeichnen den Cap Timiris Canyon vor Mauretanien aus
Mäander, Altarme und Uferwälle
Und auch in anderen Aspekten gleicht die unterseeische Schlucht verblüffend den Formationen, die man von Flüssen her kennt: Neben den Mäandern fanden die Forscher auch abgeschnittene Altarme, vielfältige Verzweigungen, einen Wechsel von steileren zu flacheren Canyonbereichen, aber auch Uferwälle am Canyonrand. Auch die gesamte Länge ist durchaus mit dem Rhein vergleichbar, denn zu den bisher kartierten untersuchten gut 200 Kilometern kommen noch mindestens 500 bis 600 noch nicht erforschte Kilometer auf dem Weg bis in die Tiefsee hinzu, wie die Forscher berichten.

"Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass auf unserem Planeten noch so große, bislang unentdeckte Objekte zu finden sind", resümiert Schulz. Doch genau dies ist offensichtlich der Fall. Und von den Canyons, die bereits auf Karten verzeichnet sind, kennt man heute oft nur wenig mehr als ihre Lage und Form.

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