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Dienstag, 16.01.2018
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In der Unterwelt von Yucatan

Ein Netzwerk aus Höhlen und Dolinen

Nur wenige Kilometer von den traumhaften Korallenstränden von Akumal und Tulum entfernt, ist die Hitze des südmexikanischen Urwalds unerträglich. Schon vor Stunden sind die vier Taucher im Wasserloch am Rande der Straße verschwunden, ich bin allein auf der Ladefläche unseres Trucks zurückgeblieben. „Chan Hol“, auf Maya „kleines Loch“, heißt der schwarze Tümpel neben mir mitten im Urwald – wir sind dabei, sein in der Tiefe verborgenes Geheimnis zu lüften.

Der Himmel hat sich zugezogen. Auf die ersten schweren Tropfen folgt ein heftiger Regenguss. Für kurze Zeit hält er zumindest die Mücken ab, Abkühlung aber bringt auch er nicht. In Minuten bildet sich am Wegrand ein kleiner Bach, Blitze zucken aus allen Himmelsrichtungen, der Wind zerrt an den Palmen. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Auch die Pfützen am Wegrand sind wieder abgetrocknet.

Ein Höhlensystem der Superlative


Die weißen Karstfelsen im schütteren Urwaldboden der Halbinsel Yucatan sind löchrig wie ein Schweizer Käse. Sie bilden den Ursprung eines der größten Höhlensysteme der Erde. 7.000 Kilometer soll das Labyrinth aus Gängen, Spalten, Tunneln und Kammern lang sein, nur ein Bruchteil davon ist bislang kartiert. In mehreren übereinanderliegenden Stockwerken zieht das heute fast vollständig mit Wasser gefüllte Höhlensystem bis in mehr als 100 Meter Tiefe.

Hier in Chan Hol, nur wenige Kilometer vom Karibikstrand entfernt, reicht das Süßwasser bis in Tiefen von etwa zehn Metern hinab; darunter lagert vom Meer eingesickertes dichtes, schweres Salzwasser. Hunderte wassergefüllte Dolinen bilden die Eingänge zur versunkenen Unterwelt von Yucatan – einer davon ist der Tümpel von Chan Hol. „Cenote“ haben die Mayas diese Löcher genannt, die schachtartig in den Kalkstein hineinreichen.

Taucher bergen die Knochen eines prähistorischen Menschen

Versunkene Labyrinthe


Spiegelglatt und schwarz ist die Oberfläche des Tümpels am Wegrand. Noch besteht kein Grund zur Sorge. Die Taucher, die irgendwo unter meinen Füßen einen weiten Weg zurücklegen, haben jahrelange Erfahrung. Dennoch ist das untätige Warten beklemmend. Die unterirdische Kammer von Chan Hol liegt in einer Tiefe von 26 Metern und ist etwa 500 Meter vom Cenote des Urwaldsees entfernt. Das Höhlensystem ist hundertfach verästelt, jeder falsche Abzweig, jedes Versagen der Ausrüstung, jeder Schwäche- oder Panikanfall würde den Tod bedeuten. In der tiefen Schwärze der Höhlen käme jede Hilfe zu spät.

Ohne Kommunikation mit der Außenwelt sind die Taucher ganz auf sich allein gestellt. Denn auch heute noch ist jeder Tauchgang trotz verbesserter Ausrüstung, gespannter Führungsleinen, doppelter Tanks und Stirnlampen, spezieller Luftgemische und moderner Tauchcomputer ein lebensgefährliches Wagnis.

Endlich kräuseln aufsteigende Luftblasen das Wasser. Schwach ist in der Tiefe der Schein von Taschenlampen zu erkennen – Erleichterung. Die Taucher haben den Weg zurück aus dem versunkenen Labyrinth gefunden. Noch erwartet sie ein langsamer Aufstieg. Denn die Luft in ihren Körpern hat sich in den vergangenen Stunden an die Wassertiefe angepasst, ein zu schneller Aufstieg würde zu einer raschen Expansion führen, ein qualvoller Tod durch Dekompression wäre die Folge.

Erfolgreicher Tauchgang


Jetzt ist es so weit. In ihren schwarzen Neoprenanzügen erscheinen Flor de Maria, Jerónimo, Eugenio und Arturo schnell hintereinander an der Wasseroberfläche und nehmen die Taucherbrillen ab. Der Tauchgang war erfolgreich: Mit strahlendem Lächeln überreichen sie eine Plastikbox. Sie ist mit Wasser gefüllt – durch die transparente Außenwand schimmern gelblichweiße Knochen.

Dutzende solcher Tauchgänge haben der mexikanische Archäologe Arturo Gonzalez und seine Gruppe professioneller Höhlentaucher in den Cenotes und Höhlen Yucatans bereits in den vergangenen zehn Jahren zurückgelegt und dabei eine Vielzahl fossiler Knochen geborgen. Die Fossilien geben Auskunft über die Umweltbedingungen, die auf Yucatan herrschten, lange bevor die Mayas dort zu einer der führenden Hochkulturen Lateinamerikas aufstiegen.
Wolfgang Stinnesbeck / Forschungsmagazin „Ruperto Carola“ der Universität Heidelberg
Stand: 07.10.2011
 
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