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Dienstag, 17.07.2018
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Die Rote Königin

Vom „Kann“ zum „Muss“?

In dem Buch „Alice hinter den Spiegeln“ trifft Alice auf eine rote Schachkönigin, die im Eiltempo rennt, aber dabei auf der Stelle bleibt. Sie erklärt ihr: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Zu einem solchen „Red Queen’s race“ könnte nach Ansicht einiger Forscher auch das Neuro-Enhancement führen.

Alice und die Rote Königin

„In vielen Bereichen der Gesellschaft herrschen ‚the winner takes it all‘-Bedingungen, in denen schon kleine Vorteile überproportional große Belohnung bringen“, schreibt der Neurowissenschaftler Anjan Chatterjee von der Universität von Pennsylvania. Seiner Ansicht nach könnte der in unserer Leistungsgesellschaft ausgeprägte Wettbewerb dazu führen, dass man sich eines Tages sogar gezwungen sieht, kognitive Enhancer zu nehmen – einfach um mithalten zu können.

Konkurrenz verstärkt Enhancement-Motivation


Erste Belege dafür stellte bereits 2002 ein Forscherteam um Sean McCabe von der Universität Michigan fest. In ihrer Studie an mehr als 10.000 amerikanischen Studenten stieg der Anteil der Nutzer von Aderall, Ritalin und Co mit wachsendem Wettbewerbsdruck ihrer Umgebung. An den Elite-Colleges im Nordosten der USA berichteten 5,9 Prozent der Studenten, im letzten Jahr ein entsprechendes Mittel eingenommen zu haben. An anderen Universitäten mit weniger rigorosen Zugangsprüfungen und geringerem Leistungsdruck lagen die Zahlen signifikant niedriger.

Ähnliches könnte auch im Berufsleben gelten: Barbara Sahakian, Neuropsychologin an der Cambridge Universität in England, nennt als Beispiel Geschäftsleute, die häufig zu Meetings und Kunden über den Atlantik fliegen müssen. Zukünftig könnten immer mehr von ihnen in dieser Situation zu Modafinil greifen, um ihren Jetlag zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass sie fit und konzentriert sind. „Der Unterschied zwischen dem Abschluss eines Deals oder nicht ist gewaltig und manchmal haben sie nur ein einziges Treffen, um zu versuchen, ihn zu erreichen“, so die Forscherin. Die Versuchung, hier pharmazeutisch nachzuhelfen ist entsprechend groß. Schon jetzt kennt sie Wissenschaftler-Kollegen, die diese Form des Gehirn-Dopings gegen den Jetlag vor wichtigen Präsentationen praktizieren.

Erfolgsdruck könnte Neuro-Enhancement zum Zwang werden lassen

Wer nicht mitzieht, ist raus


Irgendwann jedoch wird diese verbesserte Leistungsfähigkeit fast schon zum Standard, den Kunden und Arbeitgeber erwarten. Wer dann nicht mitzieht, verliert. In der Ratgeberkolumne des Magazins „Wired“ berichtete Anfang 2009 ein Leser, dass sein Kollege Modafinil nähme, um extreme Überstunden zu leisten. Jetzt sei auch er unter Druck geraten und wisse nicht, wie er reagieren solle: „Unser Boss hat jetzt angefangen sich zu beschweren, warum ich denn nicht auch so produktiv bin.“

„Wenn Du ein 50-Jähriger in Boston bist, musst du heute mit einem 26-Jährigen in Mumbai konkurrieren und diese Art von Druck wird nur noch wachsen“, zitiert die Journalistin Margaret Talbot den Unternehmer Zack Lynch. Für ihn ist Neuro-Enhancement ein Entwicklungsschritt der Menschheit nicht anders als das Feuer, Computer oder Handys. Ein Verbot käme einer Beschneidung dieser Entwicklung gleich: „Das wäre wie zu sagen: Nein, du kannst keine Handys benutzen. Das würde die Produktivität erhöhen.“

Leistung um jeden Preis?


Andere, wie der Psychologe Stefan Schleim, sehen in genau dieser Fixierung auf die Produktivität, auf die reine Leistung, das Problem: „Wenn Psychopharmaka eines Tages tatsächlich problemlos unsere geistige Leistungsfähigkeit steigern könnten, würden sie mittelfristig nicht das Problem des Leistungsdrucks lösen, sondern es nur auf eine andere Ebene verschieben.“ Statt eines 12- und mehr Stunden-Tages wären eben 16 Stunden die Regel – dank Enhancement reichen dann ja vier Stunden Schlaf. „All dies könnte zu einer Art von Gesellschaft führen, von der ich mir nicht sicher bin, ob ich in ihr leben möchte“, kommentiert Talbot.
Nadja Podbregar
Stand: 17.06.2011
 
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