• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Donnerstag, 23.11.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Familiensache

Synästhesie und Vererbung

„Ich kam in den Semesterferien vom College zurück und saß mit meiner Familie beim Abendessen. Ich weiß nicht warum ich es tat, aber ich sagte plötzlich: ‚Die Zahl fünf ist gelb.‘ Es gab eine Pause und mein Vater entgegnete: ‚Nein, sie ist ockergelb.‘ Meine Mutter und mein Bruder starrten uns an nach dem Motto: ‚Ist das ein neues Spiel? Würdet ihr uns bitte auch die Regeln verraten?‘“, erzählt die New Yorker Künstlerin und Mitbegründerin der American Synesthesia Association, Carol Steen. „Und dann fragte ich meinen Vater: ‚Ist die Zahl zwei grün?‘ Und er sagte: ‚Ja, auf jeden Fall. Sie ist grün.“

Francis Galton beschrieb bereits das Phänomen der Synästhesie und ihre Häufung in Familien.

Häufungen in der Verwandtschaft


Das es in dieser Familie gleich zwei Synästheten gibt, ist kein Zufall. Das erkannte bereits 1880 der Naturforscher Francis Galton. Er beobachtete, dass Menschen mit Synästhesie oft Verwandte mit ähnlicher Disposition haben. Spätere Studien bestätigten dies und legten nahe, dass es eine erbliche Komponente der Synästhesie geben muss. „Sie ist wahrscheinlich ähnlich durch genetische Veranlagung beeinflusst wie beispielsweise Schizophrenie, Autismus oder Legasthenie“, erklärt der britische Neurobiologe Colin Blakemore.

Aber wie genau wird die Synästhesie vererbt? Ist nur ein Gen verantwortlich, dass allgemein eine Überlappung der Sinne fördert? Oder sind es möglicherweise unterschiedliche Gene, für jede Form der Synästhesie ein eigenes? Genau das wollten Forscher des Trinity College Dublin im Jahr 2008 in einer Studie mit gleich 53 synästhetischen Versuchspersonen herausfinden. Erstmals untersuchten die Wissenschaftler nicht nur das allgemeine Vorkommen einer Synästhesie in deren Verwandtschaft, sondern auch, welche konkrete Ausprägung diese bei jedem Teilnehmer und jedem Verwandten hat.

Synästheten (schwarz) in von Barnett et al. untersuchten Familien

Disposition wird vererbt, die konkrete Ausprägung eher nicht


Das Ergebnis: Bei immerhin 42 Prozent aller Versuchsteilnehmer fand sich mindestens eine weitere Person in der Familie, die ebenfalls Synästhet war. Und noch wichtiger: Längst nicht immer hatten Angehörige die jeweils gleiche Variante der Synästhesie. In einer Familie beispielsweise lösten bestimmte Geschmacksrichtungen bei der Mutter die Wahrnehmung von Formen aus. Eine ihrer Töchter reagierte sowohl auf Zeichen als auch auf Musik mit Farbensehen. Die zweite Tochter dagegen sah nur Zahlen und Wochentage farbig.

„Die Tatsache, dass viele Varianten der Synästhesie in der gleichen Familie existieren, deutent darauf hin, dass alle Formen der Synästhesie innerhalb eines gemeinsamen Spektrums liegen und einen einzigen zugrundeliegenden genetischen Mechanismus teilen“, erklären die Forscher um Kyle Barnett. Welcher Mechanismus dies ist, darüber scheiden sich allerdings noch die Geister.

Hemmung oder gekappte Leitungen?


Nach Ansicht der meisten Neurologen und Synästhesieforscher sind Neugeborene wahrscheinlich alle in gewissem Grade noch Synästheten. Denn bei ihnen sind die sensorischen Bereiche im Gehirn noch nicht streng separiert. Es gibt Nervenbahnen, die sie verknüpfen und dafür sorgen, dass Berührungen vermutlich auch visuelle Empfindungen auslösen. Nach drei bis vier Monaten jedoch ist diese Phase beendet, die Sinne sind jetzt getrennt.

Nervenzelle

Nervenzelle

Ob diese Trennung aber darauf beruht, dass die Nervenverbindungen abgebaut wurden und keine neuen nachwachsen, oder aber darauf, dass verbindende Signale durch übergeordnete Instanzen gehemmt werden, ist unklar. Bei einem Synästheten könnte der ersten Theorie nach ein Gendefekt beispielsweise das Einwachsen von Nervenverbindungen auch in angrenzende Areale begünstigen. Folgt man der zweiten Theorie, wäre bei Synästheten die Hemmung der übergreifenden Nervensignale zumindest in Teilen ausgefallen, so dass gleich mehrere sensorische Areale gleichzeitig aktiviert werden können.

Ein Indiz für diese Variante wäre die Beobachtung, dass auch Epileptiker in seltenen Fällen während eines Anfalls synästhetische Wahrnehmungen erleben. Auch bestimmte Drogen wie LSD oder seltener Haschisch können Synästhesie-ähnliche Effekte hervorrufen. Sie steigern die Erregbarkeit der Nerven und könnten so kurzzeitig die Inhibitoren außer Kraft setzen.

Noch aber ist die Frage, welche der beiden Theorien passt, nicht geklärt…
Nadja Podbregar
Stand: 06.05.2011
 
Printer IconShare Icon