• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Freitag, 24.11.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Ödipus und Schuldkomplex

Migräne als psychische und psychosomatische Krankheit

Wir schreiben das Jahr 1900. In der Wiener Berggasse 19, dem Domizil des berühmten „Vaters der Psychoanalyse“ herrscht an diesem Tag mal wieder Zwangspause: Sigmund Freud leidet an Migräne. Seine sechs Kinder im Alter zwischen fünf und 13 Jahren haben bereits gelernt, sich in diesen Zeiten still zu verhalten, ihren Vater bloß nicht durch zu lautes Spielen zu stören. Forschung und Patientengespräche des Psychoanalytikers fallen für heute aus.

Sigmund Freud, etwa um 1905

Sigmund Freud, etwa um 1905

Alles nur der Ödipus-Komplex


Obwohl immer wieder unter den quälenden Kopfschmerzen leidend, ist Freud von seiner Migräne mit Aura auch fasziniert. Für ihn ist angesichts der vielfältigen, nicht immer greifbaren Manifestationen besonders während der Aura klar: Diese Krankheit, die er sowohl „scheußlich“ als auch „prächtig“ nennt, muss seelische Wurzeln haben. Im Licht seiner Theorien interpretiert er sie als ein Ventil für unbewusste Konflikte. Der Ödipuskomplex, die unterschwelligen Gefühle des Sohnes für die Mutter, so spekuliert er, könnten die geistigen, aber auch die körperlichen Manifestationen der Migräne verursachen. Seine eigene Migräne versucht Freud daher durch Selbstanalyse zu behandeln – ohne Erfolg.

Selbstbestrafung für Schuldgefühle?


Dennoch bleibt er bei seiner Meinung eines psychologischen Auslösers: „Manche Menschen wären gewiss der Krankheit entgangen, wenn das Leben sie nicht in diese oder jene Lage gebracht hätte.“ Mit dieser Einschätzung liegt Freud absolut im Trend. Auch sein Kollege Engel sieht noch im Jahr 1954 massive Schuldgefühle als Ursache des Leidens. Die chronischen Kopfschmerzen, so folgert er, seien eine Art unterbewusster Selbstbestrafung zur Abgeltung dieser Schuldgefühle.

Die Analyse-Couch - hier gehört die Migräne nur im Ausnahmefall hin

Heute ist das Bild zwar nicht mehr ganz so Neurose-lastig, doch die Vorstellung der Migräne als psychosomatische, stressbedingte Erkrankung ist immer noch weit verbreitet. „Migräne ist eine biologisch basierte Krankheit mit der gleichen Wertigkeit wie andere medizinische Störungen wie Bluthochdruck, Angina, Asthma oder Epilepsie“, erklärt Fred Sheftell, Leiter des New England Center for Headache. „Unglücklicherweise haben sich in Bezug auf diese Krankheit viele Mythen erhalten. Die destruktivsten darunter sind ‚Es ist alles nur in deinem Kopf‘‘ und ‚Stress ist die Hauptursache‘.“

Nicht Ursache, aber Triggerfaktor


Doch genau dies stimmt so nicht. Wahr ist, dass bestimmte Faktoren, darunter auch Stress, bestimmte Nahrungsmittel oder Lebensweisen einen akuten Migräneanfall auslösen können. Doch diese so genannten Triggerfaktoren sind nicht die Ursache der Migräne, darin sind sich Neurologen heute einig. Sie sind zudem individuell unterschiedlich, lassen sich aber bei rund 76 Prozent der Migräniker feststellen, wie eine Studie des Headache Center of Atlanta an 1.750 Patienten im Jahr 2009 ergab.

Von den vier bis neun pro Patient genannten Auslösern rangierte Stress dabei tatsächlich mit 80 Prozent auf Rang eins. Ein erhöhter Stress löst allerdings nur selten direkt eine Attacke aus, klassisch ist eher die Wochenend- oder Urlaubsmigräne, die durch nachlassenden Stress und einen veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus ausgelöst wird. Auf Rang zwei bei Frauen liegt der Hormonspiegel und dadurch bedingte zyklusabhängige Migräneanfälle.

Schokolade ist doch kein Trigger-Faktor

Schokolade ist doch kein Trigger-Faktor

Starbucks, Rotwein oder Schokolade?


Für die Betroffenen ist manchmal geradezu detektivischer Spürsinn gefragt, um die in ihrem Fall wirksamen Faktoren herauszufinden. Besonders häufig unter den potenziell „gefährlichen“ Lebensmitteln sind Kaffee, Käse und Rotwein. „Ich verfolgte meinen vor zehn Jahren plötzlich beginnenden Schub von Migräneattacken zurück auf die Eröffnung der ersten Starbucks-Filiale in Dallas. Ich ging ab dann täglich dorthin“, berichtet Vicki Amick im Migräne-Blog der New York Times. „Und auch auf eine Reise nach Italien, nach der ich mir angewöhnt hatte, abends zum Essen ein Glas Rotwein zu trinken.“

Für Schokolade, die auch seit langem als Trigger-Kandidat gilt, gibt es inzwischen allerdings einen Freispruch. Hier haben Forscher nachgewiesen, dass der Heißhunger auf Süßes unmittelbar vor einer Attacke nicht der Auslöser, sondern bereits ein Symptom der Migräne ist.

Doch nicht immer lassen sich potenziell auslösende Situationen vermeiden – und nicht immer hilft der völlige Verzicht, wie eine Studie 2010 ergab. Demnach kann das völlige Meiden von Migräne-Triggern die Empfindlichkeit für bisher „harmlose“ Faktoren steigern und so nur neue Auslöser schaffen. Offenbar besitzen Migräniker eine insgesamt gesteigerte Sensibilität für Umweltreize, deren Intensität und Ausprägung flexibel ist.
Nadja Podbregar
Stand: 04.03.2011
 
Printer IconShare Icon