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Mittwoch, 22.02.2012
Gibt es ein „Klimakartell“?
CRU-Hack bringt die Peer Review ins Zwielicht

Dass zwischen Klimaforschern und Klimaskeptikern teilweise mit harten Bandagen gekämpft wird, ist nicht wirklich neu. Entsprechend wenig verwunderlich ist es daher, dass auch Phil Jones und seine Kollegen die „Gegenseite“ in ihren E-Mails mit wenig freundlichen Ausdrücken bedenken. Weitaus brisanter ist jedoch, was die gehackten E-Mails über den Umgang mit Veröffentlichungen im Rahmen der Peer-Review zu enthüllen scheinen.

Grundpfeiler Peer Review
Die Peer-Review ist das bei Fachzeitschriften übliche Verfahren, zur Veröffentlichung eingereichte wissenschaftliche Artikel auf ihre Relevanz und Qualität hin zu begutachten. Normalerweise wählt dabei der Redakteur oder Herausgeber der Zeitschrift einen oder mehrere geeignete Gutachter aus, in der Regel Forscher des gleichen Fachs. Oft bleibt der „Peer“ anonym, um diesen vor Kritik oder Repressalien zu schützen, sollte sein Gutachten negativ ausfallen.

 Peer Review ist einer der Grundpfeiler der modernen Wissenschaft
Peer Review ist einer der Grundpfeiler der modernen Wissenschaft
© NIH  Peer Review ist einer der Grundpfeiler der modernen Wissenschaft
Auch Phil Jones gehört jahrelang zu den Wissenschaftlern, die eingereichte Manuskripte zur Review annehmen. Fallen sie in seinen Augen durch, dann hält er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, was zunächst nichts Ungewöhnliches oder Fragwürdiges ist: „Das ist ein Einblick darin, wie Forscher wirklich interagieren“, erklärt Gavin Schmidt vom Goddard Institute for Space Studies (GISS) der NASA und einer der Autoren des Klimaforscher-Blogs „RealClimate“. „Die Konflikte zeigen, dass die Gemeinschaft weit davon entfernt ist, der Monolith zu sein, wie man sich das manchmal vorstellt.“

Angreifbar macht sich Jones allerdings dann, wenn er, wie die E-Mails enthüllen, ausgerechnet solche Artikel abschmettert, die die Arbeiten der Climate Research Unit (CRU) der Universität von East Anglia und damit auch Jones‘ Forschung in Frage stellen und kritisieren. „Ich habe kürzlich zwei Paper von Leuten abgelehnt, die sagen, CRU habe in Bezug auf Sibirien Fehler gemacht. Ich habe in den Reviews richtig auf den Putz gehauen, hoffentlich erfolgreich. Wenn eines von denen erscheint, wäre ich überrascht“, schreibt er im März 2004 an seinen Kollegen Michael Mann an der Pennsylvania State University.

In einer anderen E-Mail kündigt er an, notfalls dafür zu sorgen, dass der zuständige Redakteur des Fachmagazins „Journal of Climate Research“ gehen muss, sollte der Artikel erscheinen. „Ich werde dem Journal schreiben und ihnen sagen, dass ich mit ihnen nichts mehr zu tun haben will, bis sie diesen lästigen Editor losgeworden sind…“

Systematische Unterdrückung missliebiger Artikel?
Als diese Mails durch den CRU-Hack öffentlich werden, ist die Empörung groß. Jones und seinen Kollegen wird vorgeworfen, die Ergebnisse von „kritischen“ Forschern systematisch zu unterdrücken. Von einem „Kartell“ ist gar die Rede, das die Peer Review missbraucht, um die eigenen Ansichten gegen andere durchzusetzen.

IPCC-Bericht von 2007 
IPCC-Bericht von 2007
© IPCC
Noch schlimmer wird es, als eine weitere Mail von Jones bekannt wird, die er 2004 in seiner Eigenschaft als einer der Autoren des IPCC-Berichts an Michael Mann geschrieben hat: „Ich kann mir keine dieser Publikationen im nächsten IPCC-Bericht vorstellen. Kevin [Trenberth] und ich werden sie irgendwie heraushalten – und wenn wir neu definieren müssen, was Peer-Review-Literatur ist.“

Für die Klimawandel-Skeptiker ist spätestens jetzt alles klar: Es gibt eine Verschwörung und auch das IPCC steckt mit drin. „Das ist furchtbar. Das ist genau, was jeder befürchtet hat“, erklärt Pat Michaels, einer der Klimaforscher, die in den Mails schlecht wegkommen. „Über die Jahre ist es für jeden, der nicht den Klimawandel als ‚Ende der Welt‘ sieht, immer schwieriger geworden, Artikel zu veröffentlichen. Das ist keine fragwürdige Praxis, das ist schlicht unethisch.“

Konflikte statt Kartell
Die meisten anderen Wissenschaftler sehen dies allerdings anders. Für sie sind raue Töne bei Gutachten und im Umgang mit Fachkollegen nichts Ungewöhnliches. „Die meisten Forscher haben wohl schon einmal boshafte Gutachterkommentare erlebt“, erklärt auch Stefan Rahmstorf, Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Potsdam. „Doch die Vorstellung eines ‚Kartells‘ halte ich für gänzlich unrealistisch. Dafür ist die Wissenschaft zu frei und pluralistisch, es gibt zahlreiche, unabhängig operierende Fachzeitschriften – auch solche, in denen die eingereichten Manuskripte sofort online zur offenen Diskussion gestellt werden.“

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