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Montag, 05.12.2016
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Dioxin-Desaster in Italien

Das Seveso-Unglück

Dass schwerwiegende Chemieunfälle nicht nur in Entwicklungsländern mit ihren oft unzureichenden Sicherheits- und Umweltschutzauflagen möglich sind, hatte schon vor Bhopal das Seveso-Unglück gezeigt. Dieses ereignete sich im Herzen Europas, in der italienischen Region Lombardei.

Seveso heute

Seveso heute

Menschliches Versagen


Unweit von Mailand wurde in den 1970er Jahren im Städtchen Meda in der chemischen Fabrik Icmesa Trichlorphenol (TCP) produziert. Dieses TCP benötigen Chemiker um Hexachlorophen herzustellen, das noch heute als Desinfektionsmittel oder in Wasch- und Reinigungsmitteln zum Einsatz kommt. Früher war es beispielsweise in Deutschland aber auch in vielen anderen Ländern in Kosmetika enthalten.

Am 10. Juli 1976, um 12.37 Uhr mittags, kam es aufgrund eines menschlichen Bedienungsfehlers in einem Behälter der Anlage zu einer gefährlichen Überhitzung und ähnlich wie in Bhopal zu einer starken Druckerhöhung. Das Problem: Steigt die Temperatur im Kessel zu sehr an, entstehen bei der TCP-Produktion große Mengen an Dioxin.

TCDD

TCDD

Hochgiftiges TCDD


Genau dies war denn auch im Reaktionskessel 101 der Fall, aus dem nach dem Öffnen eines Sicherheitsventils bis zu drei Kilogramm 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) in die Luft geblasen wurden. Doch TCDD hat es in sich. Es gilt als eines der stärksten Gifte überhaupt. Schon ein Millionstel Gramm reicht völlig aus, um Nagetiere wie Ratten oder Meerschweinchen zu töten. Beim Menschen hat es unter anderem eine krebsauslösende Wirkung.

Die entstandene Gaswolke breitete sich blitzschnell aus und verseuchte nicht nur Wiesen, Bäume und Ackerflächen rund um das Fabrikgelände, sondern trieb mit dem Wind auch in Orte wie Meda oder Seveso hinein. „Es war fast surreal. All diese Pflanzen, diese Bäume ließen ihre Blätter hängen, als ob sie ihren Lebensmut verloren hätten. Nach dem Unfall sahen wir eine Schafherde - vielleicht 50, 60 Tiere, die alle furchtbar aufgebläht waren, die Tiere haben Gras gefressen und die Säure verbrannte ihnen die Kehle“, beschreibt ein Augenzeuge in einer Sendung des Deutschlandfunks die Folgen.

Kinder am schlimmsten betroffen


Todesopfer gab es anders als in Bhopal zwar nicht, über 200 Bewohner der Gegend – fast ausschließlich Kinder - erkrankten aber an einer gefährlichen „Chlorakne“ mit den typischen chronischen Hautveränderungen. Wie verschiedene Studien mittlerweile festgestellt haben, häufen sich seit dem Unglück zudem bestimmte Krebsformen, aber auch Hautgeschwüre in der Bevölkerung.

Ähnlich wie in Bhopal war auch in Seveso eine Verkettung verschiedener Umstände schuld an der Giftkatastrophe. „Der Unfall ist passiert durch schlampige Arbeit an dem Tag, stimmt. Aber eingefädelt wurde er lange Jahre voraus durch krasse Managementfehler. [..] Erst beim Chaos nach dem Unfall habe ich gemerkt, dass die Verantwortlichen überhaupt keine Informationen eingeholt hatten bei der Entscheidung, eine Anlage für Trichlorphenol zu bauen. Man wusste nichts über die Gefahren oder man wollte es nicht wissen“, erklärte Jörg Sambeth - zum Zeitpunkt des Unfalls als Chefchemiker für Icmesa verantwortlich - 2006 im Interview mit der „taz“.

Eine verluderte Fabrik


„Diese Fabrik war absolut verludert. Und zwar nicht nur auf technischer Seite, sondern auch bei der Behandlung des Personals. Schlecht bezahlt, miese Stimmung, dreckige Arbeitsbedingungen.“
Dieter Lohmann
Stand: 12.11.2010
 
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