Scinexx-Logo
Scinexx mobil
Mobil
Jetzt neu: Nutzen Sie unser Smartphone optimiertes Angebot.
Erfahren Sie mehr
Scinexx auf Facebook
Werden Sie Scinexx-Fan und kommentieren Sie unsere Artikel auf Facebook!
Scinexx auf Facebook
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Weitere Titel bei Amazon
Unser Partner
Logo Bild der Wissenschaft
Wissen erleben
Science Center
Naturkundemuseen
Sternwarten
Planetarien
Zoos
Nationalparks
Naturparks
Geoparks
Besucherbergwerke
Botanische Gärten
Schülerlabore
Lernwelten
Lernwelten

Erleben, Lernen, Wissen
Antworten auf viele Fragen zu Alltagsphänomenen, kniffelige Quizze, spannende Tipps für Entdeckernaturen und vieles mehr...

Der fatale Transfer
Genübertragung aus Resistenz-Reservoiren

Durchschnittlich 1,5 Kilogramm Bakterien tragen wir zu jedem beliebigen Zeitpunkt mit uns herum, ihre Zellzahl übersteigt die unseres Körpers bei weitem. Die meisten dieser „Untermieter“ sind für uns harmlos. Doch sie können zu einer tickenden Zeitbombe werden – wenn auch sie Antibiotika-Resistenzen entwickeln.

Milchsäurebakterien 
Milchsäurebakterien
© USDA
„Es ist wichtig sich darüber klar zu werden, dass bei jeder Behandlung nicht nur die krankheitsauslösenden Keime, sondern auch die gesamte normale Flora dem Antibiotikum ausgesetzt wird“, erklärt der finnische Bakterienexperte Pentti Huovinen. Folglich wirkt auch bei ihnen die Selektion und fördert das Überleben resistenter Individuen. „Diese fungieren dann als Reservoir für die Resistenz. Solange man nicht spezifisch danach sucht, bleibt dieses Reservoir unbemerkt.“

Gentransfer über Artgrenzen hinweg
Problematisch wird es erst, wenn diese Bakterien eine weitere ihrer Eigenheiten ausspielen: Sie können sehr leicht untereinander und auch über Artgrenzen hinweg Gene austauschen und damit auch Resistenzen auf gefährliche Krankheitserreger übertragen. Am häufigsten geschieht dieser so genannte horizontale Gentransfer durch die Konjugation, bei der sich zwei Zellen zusammenlagern und über eine Plasmabrücke ein ringförmiges DNA-Stück, das so genannte Plasmid, transferieren. Liegt das Resistenzgen auf diesem Plasmid, hat damit auch dieses die Zelle und möglicherweise die Bakterienart gewechselt.

 Viele Resistenzgene liegen nicht auf dem Bakterienchromosom, sondern auf den leicht austauschbaren Plasmiden
Viele Resistenzgene liegen nicht auf dem Bakterienchromosom, sondern auf den leicht austauschbaren Plasmiden
© Magnus Manske / CC-by.sa 3.0  Viele Resistenzgene liegen nicht auf dem Bakterienchromosom, sondern auf den leicht austauschbaren Plasmiden
Dan Anderson, medizinischer Mikrobiologe der Universität von Uppsala, berichtet in einem Fachartikel von einer Studie an Patienten mit Magengeschwüren, die eine Woche lang Antibiotika gegen Helicobacter pylori erhielten. „Auch die Enterokokken, die ein Teil der normalen Mikroflora des Darms sind, entwickelten dabei hohe Resistenzniveaus“, erklärt er. „Das Wichtige daran: Diese resistenten Enterokokken blieben bis zu drei Jahre nach der Behandlung noch im Darm der Patienten nachweisbar.“ Kommen sie innerhalb dieser Zeit mit eingedrungenen Krankheitserregern in Berührung, können diese sich durch Gentransfer die Resistenz aneignen.

Auf dem Weg zur Multiresistenz
Tragen die Erreger bereits eine Resistenz in sich, sind sie danach unter Umständen gleich gegen zwei Mittel immun – und damit auf bestem Wege, sich zum multiresistenten Stamm zu entwickeln. Besonders gute Chancen dazu haben die Bakterien überall dort, wo viele kranke und intensiv mit Antibiotika behandelte Menschen auf engstem Raum zusammentreffen – wie beispielsweise auf den Intensivstationen der Krankenhäuser oder in Pflegestationen. Nach Schätzungen der CDC sind heute bereits rund 70 Prozent der in amerikanischen Krankenhäusern erworbenen infektiösen Keime resistent gegen mindestens einen Wirkstoff, die meisten von ihnen gleich gegen mehrere.

Resistenzen in Wasser, Boden und Nahrung
Ein reichhaltiges Reservoir an Resistenzen finden Krankheitserreger mittlerweile jedoch nicht nur im Menschen, sondern auch in Wasser, Böden und Tieren. Eine der Hauptursachen dafür ist der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft. In der EU seit 2006 verboten, werden in anderen Ländern antimikrobielle Mittel noch immer als so genannte Mastbeschleuniger in der Tierzucht eingesetzt. Sie sollen dafür sorgen, dass die Tiere schneller wachsen und früher schlachtreif sind. In den USA gehen 60 Prozent der gesamten jährlichen Antibiotikaproduktion auf das Konto solcher nicht-therapeutischer Nutzungen.

„Antibiotika finden sich bei uns in Rindern, Schweinen und Geflügel“, erklärt der amerikanische Bakteriologe Kenneth Todar. „Die gleichen Antibiotika fließen dann in die öffentlichen Wasserversorgungssysteme, wenn Sickerwasser aus Ställen und von Weiden Grundwasser und Flüsse kontaminiert. Das ist dann gleich ein doppelter Treffer: Wir nehmen Antibiotika in unserer Nahrung und im Trinkwaser auf und sorgen gleichzeitig selbst für die Ausbreitung von Resistenzen.“

Dies ist umso alarmierender, als dass erst vor kurzem eine Studie amerikanischer Forscher belegt hat, dass gerade niedrige Dosen von Antibiotika auf Bakterien der Arten Escherichia coli und Staphyolococcus aureus mutationsfördernd wirken. Die von den Mitteln freigesetzten starken Oxidantien lösten DNA-Veränderungen aus, die im Laborversuch zu neuen Resistenzen gegen andere Antibiotika führten.

Staphylococcus aureus findet sich auch bei Tieren, bei Kühen löst er Euterentzündungen aus. 
Staphylococcus aureus findet sich auch bei Tieren, bei Kühen löst er Euterentzündungen aus.
© USDA  Staphylococcus aureus findet sich auch bei Tieren, bei Kühen löst er Euterentzündungen aus.
Gensprung von Tier zu Mensch
Chinesische Bakteriologen haben zudem herausgefunden, dass Resistenzgene auch direkt zwischen tierischen und menschliche Bakterienpopulationen ausgetauscht werden können. In ihrer im Mai 2010 im „Journal of Medical Microbiology“ veröffentlichten Studie hatten sie Fäkalien von Menschen und von zur Fleischproduktion gehaltenen Tieren auf ein Gen des Darmkeims Escherichia coli hin analysiert. Das gegen das Antibiotikum Gentamicin immunisierende Gen fand sich bei 80 Prozent der Proben sowohl der Tiere als auch der Menschen.

„Diese Resistenzgene springen wahrscheinlich über die Nahrungskette, durch direkten Kontakt mit den Tieren oder durch kontaminiertes Wasser auf den Darm des Menschen über“, erklärt Pak-Leung Ho von der Universität Hongkong. Manifestiert sich diese Resistenz zukünftig nicht nur in E.coli, sondern auch in gefährlicheren, bereits mehrfach resistenten Keimen, wird dies zur echten Bedrohung. Denn das in der Veterinärmedizin sehr beliebte Gentamicin wird in der Humanmedizin heute vor allem als Notfallantibiotikum eingesetzt – als letzte Hoffnung, wenn andere Mittel versagen. Es gilt beispielsweise als Mittel der Wahl bei schweren Krankenhausinfektionen und gegen multiresistente Tuberkulosebakterien.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Multiresistente Keime
Gefährliche Erreger
Bakterien
Artikel zum Thema
„Super-Keime“ auf dem Vormarsch
Droht das Ende der Antibiotika?
Eine neue Ära
Der Siegeszug der Antibiotika
Tod trotz Antibiotika
Der Fall Bridi da Costa
Nur eine Frage der Selektion…
Die Ursachen der Resistenz
Der fatale Transfer
Genübertragung aus Resistenz-Reservoiren
Die Resistenztricks der Keime
Kampf um Zellwand und Proteine
Vancomycin: ein Abgesang
Ein vermeintlich sicheres Antibiotikum wird wirkungslos
Erreger überrollen Notfallmittel
ESBL-Stämme auf dem Vormarsch
„Superbug“ NDM-1
Resistenzgen aus Indien könnte Antibiotika den Todesstoß versetzen
Kampf den Keimen
Wie lässt sich die Ausbreitung multiresistenter Keime aufhalten?
Top-Diaschauen
Tiefseegräben
Desertec
Roter Orbit
Riesenschlangen
Chimären
Aktuelle Dossiers
Die Molekül-Sortierer
Neue Formen des Recyclings für den Rohstoff-Bedarf von morgen
Schimpansen - der Film und die Realität
Ein Blick auf Forschung und Forscher hinter dem Disney-Naturfilm
Warten auf das solare Maximum
Die Aktivität unserer Sonne und ihre Kapriolen
HPV: Impfung gegen Krebs
Was bringt die Schutzimpfung gegen das Humane Papillomavirus?
Grüne Gentechnik
Von den Kartoffeln der Inkas zum Gen-Soja
Vögel, die auf Städte fliegen
Wie passen sich Amsel, Meise und Co. an das urbane Leben an?
Die große Flut
Forscher enträtseln die Urzeit-Katastrophe am Mittelmeer
Stadt, Land, Leere
Der demografische Wandel und die Folgen
Nanopartikel
Die unsichtbaren Helfer und ihre Schattenseiten
Mehr als nur Fisch…
Die Rolle von Hering und Co. im Ökosystem Ozean - und die Folgen der Fischerei