Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Das Übel an der Wurzel packen...
Gentherapie gegen Aids?

Lange Zeit hat die Aidsforschung vor allem nach immer neuen Möglichkeiten gesucht, die Protein- und Enzymfunktionen des HI-Virus zu stören und damit seine Vermehrung zu verhindern. Doch mit den Fortschritten in der Gentechnik könnte es nun möglich werden, das Übel an der Wurzel zu packen - direkt die Virus-Gene anzugreifen, die für die Bildung der Proteine und Enzyme verantwortlich sind.

Die bisher laufenden Forschungen zur Gentherapie beschränken sich meist auf die Heilung von vererbten Gendefekten durch eine "Reparatur" des menschlichen Genoms. Doch der gleiche Mechanismus könnte vielleicht auch genutzt werden, um den "erworbenen Gendefekt HIV" zu heilen. Dazu müsste die DNA von HIV-befallenen Zellen vom eingeschleusten Viruserbgut befreit, die virale DNA sozusagen "herausrepariert" werden.

Auf der Suche nach einer Gentherapie gegen Aids konzentrieren die Forscher ihre Suche auf drei mögliche Strategien:
der therapeutischen, bei der das Virus-Genom in den befallenen Zellen zerstört wird, der protektiven, bei der die gesunden Zellen so verändert werden, dass sie nicht mehr vom HI-Virus befallen werden können, und schließlich der unterstützenden, bei der das Immunsystem so gestärkt wird, dass es aus eigener Kraft HIV-infizierte Zellen angreifen und zerstören kann.

In den USA sind seit 1995 zwölf Studien genehmigt worden, die unterschiedliche therapeutische Strategien untersuchen. In einigen soll die Körperzelle selbst spezielle Moleküle produzieren, die Virus-RNA erkennt und sie zerschneidet, noch bevor sie in DNA übersetzt und in den Zellkern eingeschleust werden kann. Forscher der Universität von Michigan wollen dagegen Gene in die Zellen einschleusen, die die Produktion von mutierten Virus-Proteinen steuern.

Diese als "transdominante Mutantenproteine" bezeichneten Fehlkonstruktionen werden zwar in neue Viren eingebaut, blockieren dann aber die Vermehrung. Erste Tests, bei denen HIV-positiven Probanden infizierte T-Helferzellen entnommen, mit den entsprechenden Genen versehen und wieder in die Blutbahn gespritzt wurden, zeigten, dass die so behandelten Zellen erheblich länger überlebten, als unbehandelte Helferzellen.

Wieder andere Forschergruppen verfolgen eher die unterstützende Strategie, bei der entweder die T-Killerzellen gestärkt oder aber gegen die Infektion durch das HI-Virus geschützt werden sollen. Bei beiden Ansätzen werden den behandelten Personen zunächst die betreffenden Immunzellen entnommen und durch den Einbau eines neuen Gens verändert. Um möglichst viele von diesen gentechnisch veränderten Zellen zu erhalten, werden sie anschließend geklont und dem Patienten durch eine Infusion wieder injiziert.

Bisher ist diese auch als "adoptive cell therapy" bekannte Technik jedoch nicht sehr erfolgreich: In klinischen Tests wurden die frisch injizierten Zellen sofort vom Körper als "fremd" erkannt und zerstört. Zwar hat unlängst ein Pharmaunternehmen verkündet, man habe nun einen neuen Transfer-Vektor gefunden, der keine Abstoßungsreaktion hervorrufe, doch umfangreichere Test sind bisher damit nicht gelaufen. Das Problem, wie die veränderte Erbinformation am besten in die Zellen des Patienten kommt, konnte bisher für keinen der gentherapeutischen Ansätze befriedigend gelöst werden.

Weder die in-vitro-Veränderung von Zellen mit anschließendem Klonen und Rückinfusion, noch die gängige Methode, bei der ein unschädlich gemachtes Virus das veränderte Gen in die Zell-DNA einbauen soll, sind bisher effektiv genug. Und selbst wenn der Transfer gelingen sollte, bleibt die Ungewissheit über mögliche Spätfolgen eines solchen Eingriffs in das Erbgut. Hinzu kommt, dass diese Art der gentherapeutischen Behandlung extrem teuer ist und damit wohl kaum massentauglich sein dürfte.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Facts
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
AIDS
Auf der Suche nach der Wunderwaffe
UNAIDS: Aids wütet wie nie zuvor
Drei Millionen Tote in diesem Jahr
Immer mehr HIV-Infizierte in Deutschland
Robert Koch-Institut: Jährlich 700 Aidstote
Waffe gegen ein Virus gesucht...
Das Problem der richtigen Ansatzstelle
Prinzip: Blockieren wo es nur geht
Die Ansatzstellen der gängigen Aids-Medikamente
Die Übersetzung verhindern
Reverse Transkriptase Inhibitoren
Die Protein-Schere stumpf machen...
Protease-Inhibitoren
Die Selbstmord-Strategie
Apoptose-Induktion bei HIV-befallenen Zellen
Das Übel an der Wurzel packen...
Gentherapie gegen Aids?
Stochern im Nebel....
Impfstoffforschung mit Hindernissen
Erster Versuch: die klassische Variante
Schutzimpfung mit abgeschwächten oder abgetöteten Erregern
Zweiter Versuch: Bruchstücke statt ganzer Viren
Protein und Peptid-Impfstoffe
Dritter Versuch: Schafe im Wolfspelz
Andere Impfstoffe als Träger
Der vierte Versuch: Die Do-it-Yourself Methode
Plasmide als DNA-Überträger
Sind DNA-Impfstoffe die Lösung?
Erste Erfolge, aber auch erste Enttäuschungen
Eine Seuche breitet sich aus...
Die Chronik der Ereignisse
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen