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Dienstag, 26.07.2016
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Schummel mit In-vitro-„Beweisen“

Der Fall des Leipziger Belladonna-Experiments

Wenn es gelänge, die Wirksamkeit von homöopathischen Präparaten direkt an Zellen oder Geweben nachzuweisen, wäre der Vorwurf eines Placeboeffekts vom Tisch. Denn eine Zelle oder ein Muskel reagiert definitiv nur auf Reize, die tatsächlich da sind. Auf hochpotenzierte homöopathische Präparate, die kein Wirkstoffmolekül mehr enthalten, dürften sie daher auch nicht reagieren. Doch im Februar 2004 erschien im Journal „Biologische Medizin“ der Artikel einer Forschungsgruppe, die genau das – eine „In-vitro-Testung von homöopathischen Verdünnungen“ - mit positivem Ergebnis durchgeführt haben wollte.

Die giftigen schwarzen Beeren der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna).

Die giftigen schwarzen Beeren der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna).

Hochpotenzen hemmen Muskelkontraktionen


Professor Karen Nieber, Professor Wolfgang Süß und Franziska Schmidt, Pharmazeuten an der Universität Leipzig, berichteten darin von einem Versuch an isolierten Muskelpräparaten des Rattendünndarms. Eingespannt in eine in Nährlösung getauchte Halterung, reagiert dieser normalerweise mit Kontraktionen, wenn er mit dem Botenstoff Acetylcholin (ACh) stimuliert wird. Nieber und Co. gaben nun jeweils vor dem Stimulans das homöopathische Präparat Belladonna in unterschiedlichen Dosierungen von D6 bis D100 hinzu und maßen, wie sich die Kontraktionsstärke des Darms änderte.

}„Mit der homöopathischen Belladonna-Verdünnung wurden die Kontraktionen der Präparate deutlich verringert, ablesbar an den auf dem Bildschirm erscheinenden Kurven“, vermeldete die Pressestelle der Universität das Ergebnis. „Damit war der Wirkungsnachweis des Homöopathikums erbracht. Auch nach mehrmaliger Wiederholung der Versuche ergab sich immer das gleiche Resultat.“ Gewonnen aus dem Extrakt der Tollkirsche, enthält Belladonna in sehr niedrigen Konzentrationen noch geringste Mengen von Atropin, einem lähmend wirkenden Pflanzengift. Doch als besonders effektiv erwiesen sich in den Versuchen ausgerechnet die Hochpotenzen D60 und D100, Verdünnungen, die nachweislich keine Atropinmoleküle mehr enthalten können.

Kontraktionsstärke bei verschiedenen Belladonna-Verdünnungen

Diese Ergebnisse der Leipziger Wissenschaftler sorgten für reichlich Furore, bedeutete das doch nichts weniger, als dass hier gleich mehrere naturwissenschaftliche Grundannahmen offensichtlich außer Kraft gesetzt sein mussten. Für Homöopathen war indes klar, dass hier endlich die geheimnisvolle „dynamische Kraft“ der Potenzierung nachgewiesen war. Der Forschergruppe hatte diese Sensation bereits kurz zuvor den immerhin auf 10.000 Euro dotierten Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis eingebracht.

„Nichts“ wirkt doch nicht


Doch die Freude sollte nicht lange dauern, knapp zwei Jahre später platzte die Bombe: Die Studie war Makulatur. Eine Wissenschaftlergruppe um Gerhard Bruhn, Professor für Mathematik an der TU Darmstadt, und den Mediziner Klaus Keck von der Universität Konstanz war stutzig geworden, als sie bemerkte, dass die Autoren weder Referenzmessungen ohne Belladonna durchgeführt, noch ihre Originaldaten mitveröffentlicht hatten – vermutlich wohlweislich. Denn ein solches Verfahren hätte enthüllt, dass die Kontraktionen auch unter normalen, unbehandelten Bedingungen starken Schwankungen unterliegen. Damit liegen „Grundrauschen“ und Signal zu eng beieinander um signifikante Auswertungen zu erlauben.

Bei weiterer Prüfung zeigte sich, dass eine nicht veröffentlichte Diplomarbeit der gleichen Arbeitsgruppe die Messungen bereits widerlegt hatte und die Autoren zudem gezielt Datenselektion betrieben hatten, indem sie nur die „passenden“ Messergebnisse in ihre Auswertung aufnahmen. Nach mehrfachem Nachhaken schaltete sich nun auch die Ständige Kommission der Universität Leipzig zur Untersuchung von Vorwürfen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens ein.

Im Dezember 2005 schließlich informierte die Universitätspressestelle offiziell, „dass Frau Nieber aufgrund der Diskussionen in den letzten Monaten, der Auswertung unabhängiger Fachgutachten und nach einer nochmaligen Prüfung aller Daten Fehler bei der Gestaltung der Versuchsdurchführung und der Auswertung eingeräumt hat. Das betreffe vor allem das Fehlen von notwendigen Kontrollversuchen und das Nichteinbeziehen aller erhobenen Daten in die statistische Auswertung bei einigen Messreihen.“ Nieber gab daraufhin auch ihren Anteil am Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis zurück.
Nadja Podbregar
Stand 26.03.2010