"Agora" ihre Geschichte.">
Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Von Kegeln und Gleichungen zum Sonnensystem
Hypatia als Mathematikerin und Astronomin

Wir schreiben das Jahr 390 nach Christus. Hypatia, mittlerweile aus Europa zurückgekehrt, arbeitet und forscht inzwischen gemeinsam mit ihrem Vater. Theon schreibt an einem „Kommentar“, einer Neuausgabe von Euklids „Elementen“, einem der Meilensteine der modernen Mathematik und Naturwissenschaft. In ihm hat der 280 vor Christus gestorbene Mathematiker nicht nur das Wissen über Arithmetik und Geometrie seiner Zeit zusammengefasst, er nutzt auch erstmals das Prinzip von Hypothesen, Beweisen und Definitionen.

Einer der ältesten erhaltenen Fragmente von Euklids Geometrie, gefunden in Ägypten 
Einer der ältesten erhaltenen Fragmente von Euklids Geometrie, gefunden in Ägypten
© historisch  Einer der ältesten erhaltenen Fragmente von Euklids Geometrie, gefunden in Ägypten
Hypatias Mathematik: Euklid, Gleichungen und Kegelschnitte
Theon und Hypatia überarbeiten den Text und stellen ihn neu zusammen. Vor Erfindung des Buchdrucks ist dies einzige Möglichkeit, wissenschaftliche Schriften weiterzugeben. Die meisten Werke antiker Mathematiker sind nur dank dieser „Kommentare“ überhaupt erhalten. Hypatia schreibt vermutlich Kommentare zu den 13 Bänden der „Arithmetik“ des Diaphantus, einem Lehrwerk, in dem es unter anderem um Lösungswege für Gleichungen geht und das bis heute als eines der bedeutendsten der Antike gilt.

Außerdem soll Hypatia auch einen Kommentar zur Abhandlung „Konica“ über Kegelschnitte des Apollonius von Perga verfasst haben, sowie einen astronomischen Kanon, der entweder auf ein Werk des Ptolemäus zurück geht oder aber eine Zusammenstellung astronomischer Tabellen ist. Ihre Werke sind heute größtenteils nicht mehr erhalten oder nicht eindeutig zuzuordnen. Informationen über ihre Schriften beruhen daher vor allem auf Zeugnissen von Zeitgenossen.

 Aristarchus' Berechnungen der Größen von Erde, Sonne und Mond in einer Abschrift des 10. Jh.
Aristarchus' Berechnungen der Größen von Erde, Sonne und Mond in einer Abschrift des 10. Jh.
© Library of Congress Vatican Exhibit  Aristarchus' Berechnungen der Größen von Erde, Sonne und Mond in einer Abschrift des 10. Jh.
Was steht im Zentrum des Kosmos?
Klar scheint aber, dass Hypatia sich schon sehr früh mit den elementaren Fragen des Sonnensystems und der Bewegung der Planeten beschäftigt. „Als Hypatia lebte, blickte man bereits auf die Früchte jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit zurück. Die Bewegung der Planeten war von Ptolemäus und Hipparchos dokumentiert worden, und es gab präzise Instrumente, die die Überprüfung ihrer Theorien erlaubten. Zum ersten Mal kamen diese beiden Faktoren zusammen“, erklärt Antonio Mampaso, Astronom am Observatorium der Kanaren in Teide und wissenschaftlicher Berater des Films „Agora“.

Der griechische Astronom Aristarch von Samos war im 3. vorchristlichen Jahrhundert vermutlich der erste, der nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Universums sah. Sein Zeitgenosse Archimedes schreibt über ihn: „Seine Hypothesen sind, dass die Fixsterne und die Sonne unbeweglich sind, dass die Erde sich um die Sonne auf der Umfangslinie eines Kreises bewegt, wobei sich die Sonne in der Mitte dieser Umlaufbahn befindet […]."

Ein Astrolabium aus Toledo, vermutlich aus dem Jahr 1067. 
Ein Astrolabium aus Toledo, vermutlich aus dem Jahr 1067.
© Luis García/ CC-by-sa 3.0  Ein Astrolabium aus Toledo, vermutlich aus dem Jahr 1067.
Astrolabium und Heliozentrik
Doch zur Zeit Hypatias ist diese Vorstellung über den Aufbau des Kosmos bereits wieder vergessen, es dominiert die Sicht des Ptolemäus, nach dem sich alles um die Erde dreht. Dieses geozentrische Weltbild kommt dem sich ausbreitenden Christentum natürlich sehr entgegen: Was sonst sollte Gott ins Zentrum gestellt haben, wenn nicht den Wohnort seiner Krone der Schöpfung?

Doch Hypatia gibt sich damit nicht zufrieden. Sie studiert die Planetenbewegungen mit Hilfe eines neuen astronomischen Instruments, das sie möglicherweise sogar miterfunden hat, dem Astrolabium. Erst mit ihm wird es möglich, genaue Winkelmessungen am Himmel durchzuführen und damit die Positionen von Sternen und Planeten präziser als bisher zu bestimmen. Und die Gelehrte kommt damit zu Ergebnissen, die sich einfach nicht mit dem gängigen geozentrischen Weltbild erklären lassen. Lange vor Kopernikus und Galileo steht für sie daher bald fest: Nicht die Erde liegt im Zentrum der Planetenbahnen, sondern die Sonne.

„Diese Entdeckung brachte nicht nur die Astronomie voran, sie war in ihren gesellschaftlichen Aspekten revolutionär, weil kosmologische und wissenschaftliche Theorien fest verwurzelt waren und die soziale und religiöse Ordnung der Gesellschaft stark beeinflussten“, erklärt Mampaso. Doch bis sich dieses Weltbild durchsetzte, sollte es noch mehr als 1.200 Jahre dauern.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Hypatia von Alexandria
Reise durchs Sonnensystem
2012 und die Maya
Steinzeit-Astronomie
Himmelslichter
Planeten
Die Welt des Pi
Facts
Hypatia und ihre Welt
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Hypatia: Tod für die Wissenschaft
Die berühmteste Gelehrte des antiken Alexandria wird wiederentdeckt
„Nabel der Gelehrsamkeit“
Das antike Alexandria und die junge Hypatia
Von Kegeln und Gleichungen zum Sonnensystem
Hypatia als Mathematikerin und Astronomin
Eine Frau im Philosophentalar
Hypatia lehrt am Museion
Flammen über der Bibliothek
Alexandria unter christlicher Herrschaft
Krieg im „Dienste Gottes“
Die Eskalation der Konflikte
Zwischen den Fronten
Ende der Schonzeit für Hypatia und das Museion
Der Mord
Hypatias Tod und das Ende einer Ära
Vom vergessenen Opfer zum verklärten Symbol
Das Bild von Hypatia nach ihrem Tod
Hypatia als Filmheldin
Der Kinofilm „Agora – Die Säulen des Himmels“
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen