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Freitag, 10.02.2012
„Nabel der Gelehrsamkeit“
Das antike Alexandria und die junge Hypatia

 Eines der antiken Weltwunder: Der Leuchtturm von Pharos am Hafen von Alexandria
Eines der antiken Weltwunder: Der Leuchtturm von Pharos am Hafen von Alexandria
© Emad Victor Shenouda/ gemeinfrei  Eines der antiken Weltwunder: Der Leuchtturm von Pharos am Hafen von Alexandria
Alexandria im Jahr 365 nach Christus. Die an der ägyptischen Mittelmeerküste liegende Metropole ist eines der wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Zentren des griechisch-römischen Altertums. Gegründet 331 vor Christus von Alexander dem Großen, steht sie jetzt, wie der Rest Ägyptens unter römischer Herrschaft. Seit Kaiser Konstantin I. ist das Christentum zwar offizielle Staatsreligion, doch noch schert dies hier kaum jemanden. Christen, Juden und Anhänger griechisch-römischer Kulte leben nebeneinander und miteinander. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, vergleichbar mit heutigen Großstädten wie London oder New York. Rund eine halbe Million Menschen leben hier.

Zentrum der antiken Gelehrsamkeit
„In der Antike reisten die Menschen nicht so viel wie heute. Die überwiegende Mehrheit von ihnen entfernte sich nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort. Alexandria, dessen Bewohner von überall herkamen war deshalb einer der kosmopolitischsten Orte des Erdballs“, erklärt der britische Historiker Justin Pollard. Alexandria ist weithin berühmt für die große Vielfalt ihrer Bürger, ihren einzigartigen Leuchtturm und den lebendigen Hafen und Markt. Doch vor allem ist Alexandria ein Ort des Wissens und der Kultur.

In der Bibliothek von Alexandria (neuzeitlicher Stich) 
In der Bibliothek von Alexandria (neuzeitlicher Stich)
© historisch  In der Bibliothek von Alexandria (neuzeitlicher Stich)
Das Museion von Alexandria, gegründet etwa 300 vor Christus von Ptolemaios dem Ersten, ist eine Forschungsstätte der Superlative: in ihrer Bibliothek finden sich 700.000 Schriftrollen, so viele wie nirgendwo sonst, in ihren Hallen forschen, debattieren und unterrichten Gelehrte, die zu den hervorragendsten ihrer Zeit gehören. Der große Mathematiker Euklid lehrte hier, ebenso der Philosoph Eratosthenes und der Astronom und Mathematiker Apollonius von Perga.

Gelehrtentochter…
Jetzt, im Jahr 365, leitet der Philosoph und Mathematiker Theon die Bibliothek und die Gelehrtenschule. Doch er unterrichtet nicht nur seine Schüler im Museion, zu Hause teilt er sein Wissen auch mit seiner zehnjährigen Tochter Hypatia - entgegen den Sitten der Zeit und den Ansichten des großen Philosophen Aristoteles. Denn dieser hält Frauen für von Natur aus intellektuell minderbegabt und dem Manne unterlegen. Nicht so Theon. Als Anhänger der platonischen Denkweise ist er der Ansicht, dass Frauen sehr wohl einen den Männern ebenbürtigen Intellekt besitzen. Er sorgt dafür, dass die wissbegierige Hypatia eine vollwertige Ausbildung erhält, unterrichtet sie sogar später zusammen mit seinen Schülern im Museion.

 Das Gemälde
Das Gemälde "Die Schule von Athen" von Raffaello Sanzio (1511)
© historisch  Das Gemälde
…auf Bildungsreise
Und seine Tochter erweist sich sogar als außergewöhnlich begabt. Schnell lernt sie die Grundlagen von Mathematik und Philosophie und entwickelt einen so großen Wissensdurst, dass ihr Vater allein ihn nicht mehr stillen kann. Als Leiter des Museions gehört Theon nicht nur zur wohlhabenden Oberschicht von Alexandria, er verfügt auch über gute Kontakte nach Athen, dem zweiten Zentrum der Gelehrsamkeit. Hypatia erhält die Chance, dort ihre Ausbildung zu vervollkommnen – als eine der wenigen Frauen des Altertums.

Und sie nutzt diese Chance: Mehrere Jahre besucht Hypatia Schulen in Athen und Italien und konzentriert sich vor allem auf die Fächer Mathematik, Astronomie und Philosophie. Der Sage nach soll sie an der Gelehrtenschule von Athen sogar den Lorbeerkranz erhalten haben, die höchste Auszeichnung für intellektuelle Fähigkeiten, die die Schule zu vergeben hat. Immerhin reicht ihr Ruf noch Jahrhunderte später aus, um 1511 von Raffaello Sanzio in seinem Bild „Die Schule von Athen“ als eine der gut 20 Geistesgrößen der Antike verewigt zu werden.

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