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Freitag, 10.02.2012
Gehen ist nicht gleich gehen
Fortbewegung der Vormenschen im Vergleich

So unterschiedlich die verschiedenen Australopithecinen-Arten auch waren, der aufrechte Gang war ihnen allen gemein. Doch sogar der präsentierte sich gar nicht so einheitlich wie man eigentlich erwarten könnte. Dies haben im Jahr 2006 Wissenschaftler um Gary Schwartz von der Arizona State Universität und Dan Gebo von der Northern Illinois Universität gezeigt. Danach gab es im Gehapparat überraschenderweise deutliche anatomische Unterschiede zwischen den einzelnen Vormenschenarten. Sie belegen, dass die Bipedie entgegen allgemeiner Annahmen keine stabile Eigenschaft war, die - einmal entwickelt - unverändert weitergetragen wurde.

In ihrer Studie untersuchten die Forscher insbesondere die Knöchelgelenke von verschiedenen Vormenschen aus Ost- und Südafrika. Dazu zählten unter anderem Australopithecus afarensis und Paranthropus, jene Gattung von Vormenschen, die manche Forscher auch als „robuste Australopithecinen“ bezeichnen.

 Mächtiges Gebiss - Paranthropus boisei
Mächtiges Gebiss - Paranthropus boisei
© Durova / GFDL  Mächtiges Gebiss - Paranthropus boisei
X-Beine bei robusten Australopithecinen
„Während wir eine Menge über die Veränderungen von Zähnen und Gesichtsstrukturen im Laufe der Zeit wissen, dachten wir immer die Knöchel hätten sich kaum, wenn überhaupt verändert, nachdem die Zweibeinigkeit einmal entwickelt worden war“, so der Forscher. „Jetzt wissen wir, dass es durchaus unterschiedliche Arten des aufrechten Ganges gab.“

So diagnostizierten Schwartz und Gebo bei den robusten Australopithecinen eine Art früher X-Bein-Stellung. „Wir stellten fest, dass die Knöchel der robusten Australopithecinen Charakteristiken aufwiesen, die ihren Gang beeinträchtigt haben müssen“, erklärt Schwartz. „Wenn man sich anschaut, wie das Schienbein am Knöchel ansetzt, sieht man, dass das Schienbein deutlich nach innen geneigt gewesen sein muss.“

Australopithecus afarensis dagegen besaß mobilere und damit viel instabilere Fußgelenke als beispielsweise der moderne Mensch und musste sich daher auf seine Fußmuskeln verlassen, um seine Gelenke beim Laufen zu stabilisieren. Die Muskelansatzstellen an den Knochen waren bei ihnen groß, verglichen mit denen des Homo sapiens.

Nur einmal statt mehrmals
„Die frühen Australopithecinen, wie Lucy, stecken noch im evolutionären Prozess, ihre Füße an eine Fortbewegung auf dem Boden anstatt auf den Bäumen anzupassen“, so Gebo. „Obwohl sie schon gut auf zwei Füßen laufen konnten, konnten die frühen Australopithecinen ihre Fußgelenke nicht einrasten lassen, wie moderne Menschen es tun. Ihr Gang erschien zwar dem unseren ähnlich, aber Muskelermüdung war vermutlich ein Problem und machte Wandern über große Distanzen hinweg weniger effizient. Spätere Vorfahren des Menschen entwickelten dagegen knochige Strukturen um ihre Füße zu stabilisieren und ersetzen damit die frühere Abhängigkeit von der Muskulatur.“

Trotz dieser gravierenden Unterschiede sind sich Schwartz und Gebo relativ sicher, dass der aufrechte Gang nur einmal in der Evolution des Menschen entstand und dann modifiziert wurde. „Die mit dem aufrechten Gang verbundenen Skelettveränderungen repräsentieren eine enorme Reorganisation der Anatomie“, erklärt Schwartz. „Es ist unwahrscheinlich, dass sich das unabhängig voneinander in verschiedenen Hominidenlinien entwickelt haben kann.“

Gehen statt klug werden
Während der aufrechte Gang bei den Australopithecinen noch nicht ausgereift, aber doch fortschrittlich im Vergleich zu Affen war, sieht das beim Gehirn ganz anders aus. Lucy & Co besaßen lediglich ein Gehirnvolumen von 450 bis 800 Kubikzentimetern (cm3). Das liegt deutlich näher am Schimpansen (rund 400 cm3) als am modernen Menschen (etwa 1.400 cm3). Ein Fakt, den der 2002 verstorbene US-amerikanische Paläontologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould so kommentierte: „Die Menschheit stand zuerst auf und wurde erst später klug“.

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