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Mittwoch, 08.02.2012
Archiv der Weltsprachen
Online-Kompendium zum Sprachen-Vergleich

Weltweit gibt es etwa 5.000 bis 7.000 Sprachen. Wie viele es genau sind, weiß man nicht, denn noch sind nicht alle existierenden Sprachen auch wirklich entdecktStändig entstehen zudem neue, während gleichzeitig andere aussterben. Nur etwa ein Prozent aller Sprachen, die 60 größten weltweit, werden von rund 75 Prozent der Menschen gesprochen. Der Rest hat nach den Erkenntnissen von Sprachwissenschaftlern jeweils weniger als zehn Millionen Sprecher.

Verbreitung von Geschlechtern 
Verbreitung von Geschlechtern
© WALS  Verbreitung von Geschlechtern
Um einen Überblick über die Arbeit von tausenden Einzelsprachforschern zu geben und auch den kleinen Sprachen Präsenz zu verleihen, hat eine Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Jahr 2005 ein monumentales Werk herausgegeben – den „Weltatlas der Sprachstrukturen“ (World Atlas of language structures, WASL). Mittlerweile ist die Arbeit in einer zweiten Auflage erschienen, in einem Online-Kompendium, das ständig aktualisiert und erweitert wird.

Von der Anzahl der Fälle bis zur Zukunftsform
Rund 2.600 Sprachen sind derzeit in dem Atlas vertreten, 6.800 Quellen wurden dafür von einem 50-köpfigen Autorenteam unter der Leitung von Professor Martin Haspelmath, David Gil und Professor Bernard Comrie ausgewertet.

Bisher werden 142 verschiedene Strukturvariablen der Sprache in dem Kompendium erläutert, zum Beispiel die Anzahl der Konsonanten (zwischen sechs und 122), das Vorhandensein von seltenen Lauten wie ö und ü, Genus-Kategorien, die Pluralbildung, die Anzahl der Fälle, Zukunfts- und Vergangenheitsformen von Verben, Anzahl von Geschlechtern, Passivkonstruktionen, Reihenfolge und Wortstellung innerhalb von Sätzen, Zahlwörter, Farbadjektive, Schriftsysteme usw..

So haben die Wissenschaftler beispielsweise 245 Sprachen auf die Anzahl der Geschlechter untersucht. Ergebnis: 145 davon besitzen gar keine unterschiedlichen Geschlechter, 26 haben drei und 24 fünf Geschlechter oder sogar mehr. Auch die Verwendung des Wortes für „Tee“ haben die Linguisten erforscht. Denn in fast allen der in diesem Fall 230 untersuchten Sprachen verwendet man entweder das aus dem Min-Nan-Chinesisch stammende „te“ (81) oder das chinesische „cha“ (109) - und die daraus abgeleiteten Formen, zum Beispiel „tea“ im Englischen, „thé“ im Französischen oder „chaj“ im Russischen. Lediglich in 40 Sprachen werden ganz eigene Begriffe dafür benutzt, die nicht auf die beiden chinesischen Formen zurückgehen.

Räumliche Zusammenhänge
Was die Autoren als überraschend werten: Deutlicher als zuvor angenommen treten geographische Zusammenhänge hervor. Die räumliche Nachbarschaft von Sprachen spielt offensichtliche eine stärkere Rolle bei deren Entwicklung, als bisher vermutet. Ein Beispiel: Sprachen mit ö und ü kommen praktisch nur im nördlichen Eurasien vor (von Paris bis Peking), aber nicht südlich des Himalaya.

 Stellung von Substantiv und Adjektiv
Stellung von Substantiv und Adjektiv
© WALS  Stellung von Substantiv und Adjektiv
Auch die Grammatik wird nach den Ergebnissen der Forscher von benachbarten Sprachen deutlich beeinflusst. Sprachen mit Wortstellung Substantiv-Genitiv („die Nase des Kindes“) existieren in Afrika, Europa, Südostasien und Mittelamerika, während sonst die Wortstellung Genitiv-Substantiv („des Kindes Nase“) überwiegt. Die Reihenfolge Substantiv-Adjektiv „Hund gelber“ kommt doppelt so häufig vor wie „gelber Hund“ und findet sich vorwiegend auf der südlichen Halbkugel.

Nachbarschaft geht vor Verwandtschaft
Der enorme geographische Einfluss ist für die Wissenschaftler erstaunlich, denn bisher ging man davon aus, dass vor allem die Verwandtschaft von Sprachen, das heißt deren gemeinsame Herkunft aus einer Ur-Sprache eine Rolle spielt.

So zeigt etwa das Hindi in Indien, das mit den germanischen, romanischen und slawischen Sprachen in Europa verwandt ist frappierende Ähnlichkeiten mit dem nicht verwandten Tamil und anderen Sprachen der dravidischen Sprachfamilie in Südindien. Und das Finnische gleicht seinen nicht verwandten Nachbarsprachen Schwedisch und Russisch viel mehr als seinen entfernten Verwandten in Sibirien.

Nach welchen Mechanismen grammatische Strukturen entlehnt und übernommen werden, ist noch nicht hinreichend geklärt. Die vergleichende Sprachforschung sieht hier noch zahlreiche offene Fragen. Das Kompendium der Leipziger Wissenschaftler ist dafür aber eine gute Ausgangsbasis.

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