Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 18.03.2010
„Schlaf nicht. Es gibt Schlangen.“
Ein Urwaldvolk kippt gängige Sprachtheorien

 Daniel Everett bei den Piraha
Daniel Everett bei den Piraha
© Daniel Everett / ILSTU  Daniel Everett bei den Piraha
Als Daniel Everett in den 1970er Jahren in den Amazonas-Urwald zieht, ahnt er nicht, dass er Jahre später eine der wichtigsten Sprach-Theorien unserer Zeit in Frage stellen wird. Everett, studierter Linguist, geht damals schließlich als Missionar nach Südamerika. Doch genau diese Arbeit wird ihn nicht nur von Gott abbringen, sondern auch zu einem der umstrittensten Sprachforscher unserer Zeit machen.

Knapp dem Tod entronnen
Denn Everett und seine Frau landen bei den Piraha - sprich: Pi-da-han - einem winzigen Volk brasilianischer Ureinwohner am Maici-Fluss im Herzen …. (oder so, genauere Ortsangabe), nicht mehr als 350 Menschen, die ein Gebiet von rund 300.000 Hektar bewohnen.

Seinen Auftrag im Blick beginnt Everett sofort, die Sprache der Piraha zu lernen. Sein Ziel: Eine Übersetzung der Bibel in die Sprache der Piraha. Mehr als einmal entgehen er und seine Familie mit mittlerweile drei Kindern in nächster Zeit nur knapp dem Tod. Durch Malaria – oder durch Angriffe der Piraha, die ihn zu Beginn kaum in ihrer Mitte dulden.

Kein „Danke“, kein „Entschuldigung“
Bei seinen Studien stellt Everett fest, dass die Sprache des Urwaldvolkes ganz anders aufgebaut ist als viele bekannte Sprachen. Zudem scheint sie weniger reich zu sein, sowohl, was die Lautäußerungen betrifft, als auch die Komplexität der gesprochenen Informationen. Das Piraha ist eine tonale Sprache wie das Chinesische – unterschiedliche Betonungen eines Lauts führen zu unterschiedlichen Bedeutungen. Doch das Piraha besteht nur aus drei Vokalen und acht Konsonanten.

Junge Piraha-Frau mit Kindern 
Junge Piraha-Frau mit Kindern
© Daniel Everett / ILSTU  Junge Piraha-Frau mit Kindern
Die Piraha selbst kennen keine Begrüßungs- oder Dankesworte, sie entschuldigen sich nicht und haben keine Namen für Farben und Zahlen. Mengenangaben gehen nicht über „eins“, „zwei“ und „viele“ hinaus, zwischen Singular und Plural wird nicht unterschieden. Und die beschriebene Vergangenheit der Pirahas reicht nicht weiter zurück, als sich der Erzählende in seinem Leben erinnern kann. Geschichte existiert bei den Piraha nicht - auch keine erzählte und von Generation zu Generation weitergegebene.

Der Gute-Nacht-Gruß der Piraha ist kein „Schlaf gut“ oder „Gute Nacht“. Die schlichte Variante, so schildert es Everett in seinen Erinnerungen, ist ein einfaches „Ich gehe jetzt.“ Näher stehenden Freunden oder der Familie jedoch sagt man: „Schlaf nicht. Es gibt Schlangen.“ Zum einen, weil bei den Piraha die Meinung vorherrsche, so Everett, weniger zu schlafen, stärke den Körper, zum anderen, weil im Dschungel stets Gefahren lauerten, auf die es achtzugeben gelte.

Fehlende Nebensätze
Daniel Everett begreift, dass die Piraha nicht nur in einer komplett anderen Sprachwelt, sondern in einer anderen Realität leben. Vergangenheit spielt für sie keine Rolle, nur das eben Erlebte und jetzt Stattfindende ist so wichtig, dass es sich lohnt, es jemandem mitzuteilen.

Auch der Satzbau der Pirahas ist bemerkenswert: Es gibt keine Nebensätze. „Der Hund jagt die Katze, die die Maus fraß.“, würden die Piraha etwa so ausdrücken. „Die Katze frisst die Maus. Der Hund jagt die Katze.“

Auf Kollisionskurs mit Noam Chomsky
Und dieser Fakt der fehlenden Nebensätze und seine Interpretation schließlich werden zum Stein des Anstoßes für einen Streit unter Sprachforschern, der bis heute andauert. Denn Nebensätze werden erst durch so genannte Rekursion möglich, die Wiederholung einer Struktur als Teil von sich selbst und die Bezugnahme darauf.

Eben jene Rekursion ist die Grundannahme einer Sprachtheorie, die in den 1950er Jahren von Noam Chomsky, einem amerikanischen Linguisten, aufgestellt wurde. Chomsky, der bis heute am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, arbeitet, geht davon aus, dass es eine universelle Grammatik gibt. Demnach folgen alle menschlichen Sprachen gemeinsamen grammatischen Prinzipien, die allen Menschen angeboren sind. Zu diesen gehört laut Chomsky auch die Rekursion.

Da Rekursion aber laut Everett bei den Piraha nicht existiert, das Urvolk aber eine eigene Sprache spricht, wäre damit die These von Chomsky eigentlich widerlegt.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Sprachen
Artikel zum Thema
Der Kommunikations-Code
Die Vielfalt der Sprachen
„Schlaf nicht. Es gibt Schlangen.“
Ein Urwaldvolk kippt gängige Sprachtheorien
Ei oder Henne?
Sprache und Denken
Archiv der Weltsprachen
Online-Kompendium zum Sprachen-Vergleich
Sprachentod
Wie Sprachen verschwinden
Arche Noah für Todgeweihte
Wie man bedrohte Sprachen retten will
In den Kinderschuhen
Neue Sprachen
Den Ägyptern ewigen Dank
Von der Sprache zur Schrift
Top-Diaschauen
Hypatia von Alexandria
2012 und die Maya
Erdbeben
Schatzkammer Ozean
Verlierer Mensch?
Aktuelle Dossiers
Die Wetter-Zurücksage
Wie die Vergangenheit hilft, die zukünftige Reaktion des Klimasystems vorherzusagen
Wunderwelt Ozean
Zehn Jahre Volkszählung im Meer - „Census of Marine Life“
Strom aus der Salzkraft
Osmose-Kraftwerke: von der Vision zur Wirklichkeit
Vancouver 2010
Wie sauber sind die Winterspiele?
Honigbienen: Superhirn im Überlebenskampf
Wie Parasiten, Krankheit und Gift die Fähigkeiten der sozialen Insekten beeinträchtigen
Apophis: Asteroid auf Erdkurs
Einschlag oder knapp daneben? 2029 entscheidet
Vormenschen
Zu Besuch bei Ardi, Lucy & Co
Smarte Etiketten
Auf dem Weg zum “Internet der Dinge”
Der Kommunikations-Code
Die Vielfalt der Sprachen
Klima: Letzte Chance Kopenhagen
Der 15. Weltklimagipfel: Klimaschutz wohin?