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Freitag, 10.02.2012
Tollkühne Russen in sinkenden Kisten
Auf Tauchgang im Baikalsee

Artur Tschilingarow ist einer der bekanntesten Wissenschaftler Russlands. Das liegt nicht nur daran, dass er im Alter von 70 Jahren immer noch als Biologe und Polarforscher tätig ist. Tschilingarow war an der russischen Nordpol-Expedition Jahre 2007 beteiligt und ist einer von nur sechs Wissenschaftlern, die in einem U-Boot unter den Nordpol und bis auf eine Tiefe von mehr als 4.500 Metern abtauchten. Hier pflanzte Tschilingarow die russische Flagge auf den Meeresgrund, den Nordpol als „Teil der russischen Landmasse“ reklamierend.

Ein Patriot auf Tauchmission
Die Unterstützung des Kremls hat Tschilingarow nach so viel Patriotismusdemnach, und nach dem Tauchgang am Nordpol soll nun der Baikalsee für weitere Rekorde sorgen. Mit etwa 1.640 Metern Tiefe hat der Baikal dazu auch Potenzial, denn er reicht damit bereits in Tiefen, die eigentlich der ozeanischen Tiefsee zuzuordnen sind. Alles was mehr als 1.000 Meter unter der Meeresoberfläche liegt, zählen Wissenschaftler dazu. Wie tief der Baikalsee wirklich ist, ist nicht sicher. Bisher beruhten die Schätzungen auf purer Mathematik, so Tschilingarow.

 Eines der beiden Mir-U-Boote
Eines der beiden Mir-U-Boote
© GFDL  Eines der beiden Mir-U-Boote
Im August vergangenen Jahres wollte Tschilingarow deshalb am Baikalsee einen erneuten Test machen und gleichzeitig einen Tauchrekord aufstellen. Mit zwei kleinen Tauchgeräten, den Mini-U-Booten Mir-1 und Mir-2, die schon Regisseur James Cameron zum Abfilmen der echten Titanic nutzte, ließen er und seine Kollegen sich auf den Grund des Baikals hinabsinken. Drei Personen haben pro U-Boot Platz, rund 60 Tauchgänge absolvierten die Wissenschaftler.

Fast ein Rekord
Schließlich meldete die russische Presse-Agentur ITAR-Tas Ende Juli 2008 den Vollzug: Die Taucher hätten eine Tiefe von 1,680 Metern erreicht. Doch kurz darauf die Korrektur. Tatsächlich waren die U-Boote nur bis in 1.590 Meter Tiefe vorgestoßen und dort über fünf Kilometer am Boden entlang geschwommen.

Grund zu feiern hatten die Russen trotzdem. Denn von ihrer Tauchfahrt brachten sie bisher einmalige Daten über den kaum erforschten Grund des Sees mit. Damit wollen die Forscher mehr über die Wirkungsmechanismen im Baikalsee erfahren, wie Tier- und Pflanzenwelt im tiefsten See der Erde zusammenhängen und welche speziellen limnischen Bedingungen die außergewöhnliche Artenvielfalt im Baikal ermöglichen.

Suche nach dem Zarengold
Das 5,2 Millionen teure Tauchprojekt im Baikalsee geht diesen Sommer ins zweite und vorerst letzte Jahr. Bis September sind etwa 100 Tauchgänge geplant. Ein neuer Rekordversuch ist auch darunter. Doch die Russische Akademie der Wissenschaften will die Spezialisten nun auch auf eine besondere Mission schicken.

Die beiden Mini-U-Boote sollen im Baikal nach dem Zarengold fahnden, dass Admiral Alexander Kolchak einst in Sibirien verlor, als er, kurz nach der Oktoberrevolution, mit den Weißgardisten seiner Weißen Armee vor den Bolschewiki gen Osten floh. Rund 1.600 Tonnen schwer und mehrere Milliarden Euro wert soll der Schatz sein – wenn er denn je gefunden wird.

Erfroren oder Bahn-Unglück?
Wie das Zarengold in den Baikal gelangte, dazu gibt es mehrere Versionen. Eine besagt, dass die sich zurückziehenden Truppen Admiral Kolchaks auf dem Eis von der extremen Kälte des Winters 1919/20 überrascht wurden. Bei -60 Grad starben die meisten der Weißgardisten vor Kälte. Als das Eis im Frühjahr abtaute, sanken tote Menschen, Pferde, Ausrüstung und eben auch das Zarengold in die Tiefen des Baikals hinunter.

Eine andere Version geht davon aus, dass das Gold per Eisenbahn auf der Bahnstrecke am Baikal transportiert wurde und einige der Waggons bei einem Unfall in den Baikal stürzten. Eisenbahnräder haben die beiden U-Boote Mir-1 und Mir-2 schon gefunden. Doch Skeptiker glauben nicht daran, dass sie etwas mit dem Schatz zu tun haben, ja, nicht einmal, dass das Gold überhaupt im Baikal liegt.

Medwedjew und Putin im Baikalsee?
Expeditionsleiter Tschilingarow jedoch wies darauf hin, dass die diesjährigen Tauchgänge keinesfalls nur dem Gold gelten. Die Expedition habe in erster Linie ein wissenschaftliches Interesse an Flora, Fauna und Geologie des Baikals. „Wir wollen den Baikal-See studieren und beobachten, um ihn zu erhalten“, so Tschilingarow.

Der Expeditionsleiter hat sich für dieses Jahr noch etwas Besonderes einfallen lassen. Da die Baikal-Expedition zum Teil auch von der Präsidenten-Partei „Einiges Russland“ finanziert wird, hat der Wissenschaftler kurzerhand auch den russischen Präsidenten Dmittrij Medwedjew und Ministerpräsident Wladimir Putin eingeladen. Wenn alles klappt, wie es sich Tschilingarow vorstellt, werden Medwedjew und Putin bald den Grund des Baikalsees zu sehen bekommen.

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