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Freitag, 10.02.2012
Der katastrophale Dammbruch
Wassereinbruch ins Schwarze Meer löst steinzeitliche Sintflut aus

 Blick auf den Bosporus
Blick auf den Bosporus
© NASA  Blick auf den Bosporus
Keine der aktuellen Theorien kann die nahezu globale Verbreitung der Sintflutmythen erklären, aber zumindest für den biblisch-sumerischen Geschichtenkomplex wird heute vor allem eine Erklärung favorisiert. In ihr spielen das Schwarze Meer und der Bosporus die – unrühmlichen – Hauptrollen.

Dammbruch am Bosporus
1997 veröffentlichten die Geoforscher William Ryan und Walter Piman vom amerikanischen Lamont-Doherty Earth Observatory eine gewagte These: Bis vor rund 8.000 Jahren war das Schwarze Meer ein Süßwassersee, dessen Wasserspiegel 50 bis 150 Meter unterhalb des Mittelmeeres lag. Ein natürlicher Damm blockierte zu dieser Zeit die Bosporus-Meerenge und damit den Wasseraustausch zwischen See und Meer. Doch durch eine warme Klimaperiode und das Abschmelzen der Gletscher nach der Eiszeit stieg der Meeresspiegel des Mittelmeers allmählich immer weiter an – so lange, bis der Bosporusdamm die Wassermassen nicht mehr halten konnte und brach. In einem gewaltigen Wasserfall stürzte das Meer in den sehr viel tiefer gelegenen See und überschwemmte seine flachen Ufer. Innerhalb weniger Jahre stieg das Wasser des Schwarzen Meeres um einige hundert Meter an und begrub zahlreiche steinzeitliche Siedlungen unter sich.

Soweit die Theorie. Kaum war sie veröffentlicht, griffen Medien die Geschichte begierig auf: War die Sintflutursache endlich gefunden? In der wissenschaftlichen Gemeinschaft allerdings wurde weiter diskutiert und geforscht. Weitere Belege mussten her. Unklar war beispielsweise, ob der Wassereinbruch wirklich plötzlich und dramatisch vonstatten ging, oder doch nur allmählich und damit nicht unbedingt katastrophal.

Modell des Schwarzen Meeres 
Modell des Schwarzen Meeres
© Mark Sidall  Modell des Schwarzen Meeres
60.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde
2004 nahm sich der Ozeanograph Mark Sidall von der Universität Bern der Sache an. Er konstruierte ein Computermodell der Region, wie sie vor rund 10.000 Jahren ausgesehen haben soll. Dann fütterte er das Modell mit Daten zum Meeresspiegelanstieg, zur Weite des Bosporus nach dem Bruch, zur Strömungsgeschwindigkeit des Wassers und vielen weiteren mehr. Seiner Kalkulation nach könnten bei einem Dammbruch mehr als 60.00 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in das Schwarze Meer geströmt sein – mehr als das 20fache der Niagarafälle.

Ein solcher Wasserfall würde so heftig auf die Ebene unterhalb des Dammes prallen, dass ein tiefer Graben entstanden sein müsste. Und tatsächlich: Genau so ein Graben existiert heute tatsächlich. „Ryan zeigte mir eine Karte der türkischen Marine mit diesem Graben und ich sagte: ‚Wow – das ist genau das, was mein Modell sagt!‘“, erzählte Sidall 2004 in einem Nature-Artikel. Auch einige bisher rätselhafte Unterwasserformationen ließen sich nun erklären: Sie waren durch die Turbulenzen des einströmenden Wassers entstanden.

Noch sind längst nicht alle Wissenschaftler davon überzeugt, dass die Schwarzmeerflut wirklich der Ursprung für die Sintflutgeschichten gewesen sein könnte. Bisher gilt sie jedoch von allen Alternativen als die wahrscheinlichste. Auch wenn das Steigen des Wassers nicht 150 Tage gedauert hat, wie in der Bibel beschrieben, wie auch Sidall einräumt: Selbst bei 60.000 Kubikmeter pro Sekunde hätte es 33 Jahre gebraucht, um die Wasserspiegel im Schwarzen Meer und im Mittelmeer anzugleichen. Allerdings wäre ein Anstieg von 150 Metern selbst auf diesen Zeitraum gestreckt immer noch ausreichend dramatisch, um als Sintflut in die Geschichte einzugehen.

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