Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Gefangen im Selbst
Autismus und Asperger-Syndrom

„Matt war schon immer anders als andere Kinder, von Geburt an. Er war sprunghaft, schlief nicht und war extrem penibel. Er reihte sein Spielzeug auf und machte Dinge in endlosen Wiederholungen“, erzählt Diane Savage, Mutter eines heute 16-jährigen autistischen Savants. Sie beschreibt damit einige der typischen Symptome autistischen Verhaltens.

Matt Savage: vom autistischen Kind zum Jazz-Star, hier bei einem Konzert im Jahr 2005 
Matt Savage: vom autistischen Kind zum Jazz-Star, hier bei einem Konzert im Jahr 2005
© Charles Haynes/CC-by-sa 2.5  Matt Savage: vom autistischen Kind zum Jazz-Star, hier bei einem Konzert im Jahr 2005
Matt hatte, wie viele andere Autisten, schon als Kind zwanghafte Rituale, aß nur bestimmte Dinge und bewegte sich „seltsam“. „Unser Sohn spielte nicht mit anderen Kindern, er rannte vor jeder interaktiven Erfahrung davon“, so Diane Savage. „Jeder Ausflug endete in einem Anfall.“ Der Junge reagierte auf jede Überfrachtung mit Sinneseindrücken mit Panik und Rückzug und wehrte sich gegen jede Berührung. Matts Kinderarzt erkannte schnell, um was es sich handelte und diagnostizierte bei ihm eine Störung aus dem autistischen Spektrum.

Noch vor gut 60 Jahren allerdings wäre Matt Savage einfach als zurückgeblieben oder verrückt eingestuft worden und möglicherweise sogar in einem Heim gelandet. Denn erst 1940 erkannten zwei Forscher, der Kinderpsychiater Leo Kanner in Baltimore und der Kinderarzt Hans Asperger in Wien, durch eine halbe Erdkugel getrennt und trotzdem fast zeitgleich, diese Entwicklungsstörung als ein eigenes Syndrom. Sie tauften es „Autismus“ vom griechischen Begriff „autos“ für „selbst“ abgeleitet und charakterisierten die von ihnen untersuchten Kinder als gefangen in eigenen Welten, unfähig zum Kontakt mit der Außenwelt.

Ein Syndrom – viele Ausprägungen?
Kanner wertete den Autismus als Unterart der kindlichen Schizophrenie und bezog sich dabei vor allem auf Fälle mit schwerer geistiger Behinderung. Asperger dagegen sah das Phänomen eher als ein Kontinuum, eine Bandbreite autistischer Formen, die von durchaus aufgeweckten, intelligenten Menschen mit Schwierigkeiten in der Interaktion mit der Außenwelt bis hin zu völlig in sich eingeschlossenen, mental zurückgebliebenen Personen reichte.

Das austistische Spektrum 
Das austistische Spektrum
© Ioannes Baptista/GFDL  Das austistische Spektrum
Heute hat sich Aspergers Sichtweise in der medizinischen Welt weitestgehend durchgesetzt, viele Experten sprechen von Störungen des Autismus-Spektrums oder einer „Autistischen Entwicklungsstörung“ (PDD). Allerdings unterscheiden die offiziellen Diagnoseschlüssel trotzdem zwischen frühkindlichem Autismus, auch „Kanner-Syndrom“ genannt, und dem Asperger Syndrom, weil es doch einige Unterschiede gibt.

So zeigen Kinder mit „Kanner-Autismus“ schon mit zehn bis zwölf Monaten erste Auffälligkeiten, sprechen meist wenig oder gar nicht und sind oft geistig behindert. Das Asperger-Syndrom manifestiert sich dagegen meist erst ab dem dritten Lebensjahr und ist oft von Störungen im Bewegungsablauf begleitet. Asperger-Kinder sind normal-, teilweise sogar hochintelligent und sprechen früh und viel, mit oft pedantischer Wortwahl.

Vom Asperger-Kind zum Jazz-Star
Auch Matt Savage, den die Ärzte eher als Asperger-Typ einstuften, war fasziniert von Wörtern und las schon mit 18 Monaten zwanghaft alles, was in seiner Reichweite war. Für seine Eltern war dies die entscheidende Chance, mit ihm in Verbindung zu treten und seine Entwicklung zu fördern. „Wenn etwas auf dem Papier geschrieben stand, brachte ihn seine Persönlichkeit dazu es zu lesen. Er konnte einfach nicht anders, er musste es lesen“, erzählt Matts Mutter. Mit sechs Jahren brachte sich Matt selbst das Klavierspielen bei und entdeckte damit eine für ihn völlig neue Welt und enthüllte seine außergewöhnliche musikalische Begabung.

Aus dem früher vor jedem lauten Geräusch zurückschreckenden, in zwanghaften Ritualen gefangenen Kind ist heute ein 16-jähriger Jazzmusiker mit eigener Band geworden, der als der „Mozart des Jazz“ gefeiert wird, auf allen renommierten Jazzfestivals in den USA und Kanada auftritt und mittlerweile sechs CDs aufgenommen hat. Selbst Interview-Situationen meistert er inzwischen – eine noch vor wenigen Jahren absolut undenkbare Interaktion mit der Außenwelt.

„Über die Jahre hinweg bin ich einer Reihe von Menschen mit Savant-Fähigkeiten begegnet, darunter auch einigen sehr erstaunlichen“, erklärt Savant-Experte Darold Treffert in seinem Portrait des Jungen. „Aber ab und zu explodiert ein neues Raketentalent und überschüttet uns mit einer einzigartigen spektakulären Fähigkeit in einer ohnehin schon außergewöhnlichen Situation. Matt Savage ist ein solches Raketentalent.“

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Savant-Syndrom
Berühmte Linkshänder
Neurocomputer
Gehirnforschung
Facts
Savant-Portraits
Bekannte Menschen mit Inselbegabungen kurz vorgestellt
Artikel zum Thema
Das Rätsel der Savants
Auf Spurensuche bei „Rain Mans“ Geschwistern
Fenster in die Innenwelt
Ein Autist wird Ausnahmekünstler
Vom „Negro Tom“ zum „Savant Syndrom“
Die Entdeckung eines Phänomens
Gefangen im Selbst
Autismus und Asperger-Syndrom
Der echte „Rain Man“
Kim Peek - nicht alle Savants sind Autisten
Rechtes und linkes Hirn
Wo im Gehirn sitzen die Inselbegabungen?
Das Rätsel der „erworbenen“ Inselbegabungen
Daniel Tammet: Mathegenie durch Epilepsie
Steckt ein „Rain Man“ in uns allen?
Auf der Suche nach den Auslösern des Savant-Syndroms
Gibt es das „Savant-Gen“?
Die genetische Basis von Autismus und Inselbegabungen
Das „Geek“-Syndrom
Rätselhafte Autismus-Epidemie im Silicon Valley
und mehr...
Zum Weiterlesen
Links und Literatur zum Thema
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen