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Freitag, 10.02.2012
Flucht und Krieg
Konfliktpotenzial durch Ressourcenknappheit

Einige Regionen haben zwar genügend Wasser, sind dafür aber vom steigenden Meeresspiegel und zunehmenden Stürmen bedroht, wie die Menschen in den Küstengebieten Bangladeschs, aber auch auf vielen kleineren Inseln. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Sir Nicholas Stern errechnete 2007, dass schon bei einem Meeresspiegelanstieg von „nur“ 20 bis 80 Zentimetern bis zum Jahr 2100 zwischen 20 und 300 Milionen Menschen ihre Heimat verlieren könnten.

 Die Bewohner der Carteret-Insel wurden evakuiert, weil ihr  Atoll vom Untergang bedroht ist.
Die Bewohner der Carteret-Insel wurden evakuiert, weil ihr Atoll vom Untergang bedroht ist.
© NASA GSFC  Die Bewohner der Carteret-Insel wurden evakuiert, weil ihr  Atoll vom Untergang bedroht ist.
Carteret: Eine Insel wird evakuiert
Was dies bedeuten könnte, zeigte sich am 24.November 2005: An diesem Tag entschied sich die Regierung von Paupa Neuguinea dafür, die rund tausend Bewohner der Carteret-Inseln im Südpazifik komplett zu evakuieren. Der Grund: Ihr hufeisenförmiges Eiland drohte in den Fluten des Pazifik zu versinken. Wiederholt waren Stürme und Überschwemmungen über das flache Atoll gefegt und hatten die Böden und Süßwasserquellen versalzen und den Pflanzenanbau nahezu unmöglich gemacht.

Dass der Untergang einer solchen Insel eine realistische Möglichkeit war, hatte sich bereits 1999 gezeigt, als zwei – allerdings unbewohnte – Inseln des Kiribati-Inselreichs im Meer versanken. Noch ist zwar strittig, ob im Falle Carteret allein der Meeresspiegelanstieg der Auslöser für die Überflutungen und die notwendig werdende Evakuierung gewesen ist, doch die knapp tausend ihrer Heimat beraubten Insulaner gelten heute vielfach als die ersten Klimaflüchtlinge.

Bald 50 Millionen Umweltflüchtlinge?
Ein Einzelfall sind sie damit jedoch schon lange nicht mehr. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern der Universität Hamburg sind bereits heute mehr als 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor den direkten oder indirekten Auswirkungen des Klimawandels. Das entspricht mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit. Zwar ist der Begriff des „Klimaflüchtlings“ bisher umstritten, da nicht immer genau festgestellt werden kann, ob wirklich Klimafolgen allein die Menschen zur Migration bewegen, dennoch scheinen sich die Experten zumindest dahingehend einig, dass Umweltflüchtlinge künftig mehr werden. Und ein Großteil der auslösenden Umweltveränderungen wird klimabedingt sein.

Flüchtlingslager in Bangladesch 
Flüchtlingslager in Bangladesch
© UNHCR  Flüchtlingslager in Bangladesch
Schon heute sind nach Schätzungen von Forschern der Universität der Vereinten Nationen (UNU) zwei Milliarden Menschen und damit ein Drittel der gesamten Menschheit potenzielle Opfer der Desertifikation. Ohne Gegenmaßnahmen könnten in den nächsten zehn Jahren mehr als 50 Millionen Menschen heimatlos und zu Umweltflüchtlingen werden, so eine 2007 veröffentlichte Studie. Die Anzahl dieser Flüchtlinge überträfe die gesamte Bevölkerung von Südafrika oder Südkorea – und sie wären erst der Beginn. Die meisten von ihnen werden durch die fortschreitende Desertifikation ihre Lebensgrundlage verlieren und daher ihre Heimat verlassen müssen. Was solche Flüchtlingsströme für die Ursprungsländer, aber auch für die Zielgebiete bedeutet, weiß heute noch niemand so genau.

Krieg durch Klimawandel?
Allerdings befürchten viele Wissenschaftler, aber auch Politiker, schwerwiegende soziale wie wirtschaftliche Probleme. Eine Studie der britischen Intitiative „International Alert“ sorgte Ende 2007 für Aufsehen. In ihr stellten Wissenschaftler die These auf, dass fast vier Milliarden Menschen von gewalttätigen Konflikten als Folge des Klimawandels bedroht seien. Für 46 Staaten prognostizierten sie ein hohes Risiko bewaffneter Auseinandersetzungen, verursacht durch wirtschaftliche, soziale oder politische Probleme, in weiteren 56 Ländern seien politische Konflikte, ausgelöst durch den Klimawandel, wahrscheinlich. Als Schlüsselproblem sehen die Forscher dabei die durch den Klimawandel hervorgerufene Ressourcenknappheit, sei es in Bezug auf Trinkwasser, Nahrung oder Energierohstoffe.

Dass solche Prognosen kein reines Horror-Szenario sind, bestätigt auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). In seinem Gutachten vom November 2007 bezeichnet der Beirat den Klimawandel als „neue sicherheitspolitische Herausforderung.“ Viele Gesellschaften seien mit der nötigen Anpassung an den Klimawandel überfordert und „daraus könnten Gewalt und Destabilisierung erwachsen, die die nationale und internationale Sicherheit in einem bisher unbekannten Ausmaß bedrohen.“ Die regionalen Brennpunkte sieht die WBGU-Studie in Nordafrika, in der Sahelzone und im südlichen Afrika, in Zentralasien, Indien, Pakistan und Bangladesch, in China, in der Karibik und im Golf von Mexiko sowie in der Andenregion und in Amazonien.

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