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Samstag, 20.10.2018
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Die Kolonisation Tibets

Kulturelle und ökonomische Übernahme

Obwohl China an seinem Anspruch auf Tibet nie einen Zweifel hat aufkommen lassen, gibt es wohl kein besseres Symbol für die Kolonisation des weit entlegenen autonomen Gebiets als die 2005 in Betrieb genommene Lhasa-Bahn, die Tibet mit dem chinesischen Kernland verbindet.

Eroberung auf dem Schienenweg


Die Lhasa-Bahn zwischen Golmud und Lhasa

Die Lhasa-Bahn zwischen Golmud und Lhasa

China schwärmt von einer baulichen Meisterleistung, handelt es sich bei der 1.125 Kilometer langen, von Golmud in der Provinz Qinghai in Nordo-Tibet nach Lhasa führenden Bahnstrecke doch um die höchste der Welt. Ihr höchster Punkt liegt auf 5.072 Metern Höhe und damit über 250 Meter höher als die peruanische Andenbahn.

Doch so begeistert wie die Chinesen zeigen sich die Tibeter nicht. Eine „kulturelle Invasion auf dem Schienenweg“ beklagt der tibetische Künstler und Freiheitsaktivist Tenzin Tsundue. Durch die Bahnstrecke werde Tibet auch kulturell vereinnahmt, und zwar vornehmlich durch eine „nur am Konsum orientierte Kultur, deren extremste Auswüchse Karaoke-Bars, Alkoholismus, Prostitution und Drogenhandel darstellen.“

Politik gegen Religion


Dieser Entwicklung vorausgegangen sind fast 50 Jahre, in denen China weitaus weniger Wert auf die weltliche, als vielmehr auf die politische Vereinnahmung Tibets und die Unterdrückung des tibetischen Buddhismus legte.

Das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) veröffentlicht regelmäßig Berichte über die Lage der Menschenrechte in Tibet. Auch in seinem aktuellen Bericht für das Jahr 2007 beklagt das TCHRD erneut zunehmende Reglementierungen der tibetischen Mönche, die dadurch an der Ausübung ihrer Religion gehindert werden. Zudem sei es zu Verhaftungen und Folterungen von Tibetern gekommen. In den Tibetischen Mönchen sehe die chinesische Regierung eine besondere Gefahr, in den buddhistischen Klöstern einen Hort von Dissidenten. Rund 70 Prozent aller 119 bekannten politischen Gefangenen im Tibet aus dem vergangenen Jahr seien Mönche und Nonnen.

Wiederaufleben der Kulturrevolution?


Das TCHRD zieht sogar Vergleiche zur Zeit der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976, da zahlreiche religiöse Monumente zerstört wurden wie zur damaligen Zeit.

Umerziehungsmaßnahmen, bei denen die Tibeter ihrem tibetischen Glauben abschwören und auf die Parteilinie der KP Chinas gebracht werden sollen, stehen noch immer auf der Tagesordnung. Laut dem Tibetischen Zentrum für Menschenrechte gehöre dazu beispielsweise die Tätigkeit chinesischer Arbeitsteams, die die Arbeit von tibetischen Nonnen und Mönchen in den Klöstern überwachen. So gilt es, ein politisches Gelöbnis zu unterzeichnen, in dem sich Mönche und Nonnen gegen die Unabhängigkeit Tibets aussprechen und die chinesische Regierung anerkennen. Verweigern sich die Mönche und Nonnen, droht ihnen Haft und die Ausweisung aus dem Kloster.

Frauen- und Männerklöstern wurden ihre religiöse Schriften und Statuen genommen, viele davon seien auf internationalen Märkten verkauft worden, so das TCHRD. Klöster wurden zerstört oder umgewidmet. Derzeit heiße es seitens der chinesischen Regierung, dass 1.787 Klöster und Tempel mit etwa 46.000 darin wohnenden Mönchen und Nonnen wieder aufgebaut worden seien – ob dies tatsächlich stimme, ließe sich allerdings nicht nachweisen. Die religiösen Institutionen würden zudem von durch China ernannten „Demokratischen Verwaltungskomitees“ überwacht, die die religiöse Freiheit der Mönche und Nonnen enorm einschränkten.

Wirtschaftliche Nachteile


Zur kulturellen Kolonisation, wie die Tibeter die Einnahme ihrer Religion durch die chinesische Regierung bezeichnen, kommt heute zunehmend die ökonomische „Eroberung“ Tibets.

Künstler Tenzin Tsundue gibt zu, dass die Lhasa-Bahn durchaus positive Effekte für Tibet hätte mit sich bringen können – wenn die Tibeter selbst an den Entscheidungen beteiligt worden wären. Das sei jedoch nicht geschehen, vielmehr seien Hunderte Bauern entlang der Bahnstrecke enteignet worden, die Weideländer wurden rücksichtslos zerstört.

Die größte Gefahr sehen viele Tibeter jedoch in der Möglichkeit, dass chinesische Wanderarbeiter nun auf schnellem Wege nach Tibet kommen können, um hier ihr wirtschaftliches Glück zu suchen.

Angst vor Überfremdung


In den 90er Jahren war ein Umsiedelungsprojekt der chinesischen Regierung gestoppt worden – rund 80.000 Chinesen sollten damals in Nord-Tibet angesiedelt werden, ein Beitrag zur Entwicklungspolitik Chinas, das seinen bisher kaum erschlossenen Westen auch wirtschaftlich nutzen will.

Nun jedoch sehen viele Tibeter der Überfremdung durch Chinesen Tür und Tor geöffnet. Offizielle demographische Daten aus der Autonomen Region Tibet zu bekommen sei enorm schwierig, so Tibet-Experte Andreas Gruschke vom Institut für Orientalistik der Universität Halle/Saale. Einer chinesische nStatistik zufolge sei der Anteil der Chinesen zwischen 1964 und 1990 um 121,2 Prozent auf 81.200 gewachsen. Diese Daten hält Gruschke jedoch für nicht realistisch. Momentan geht er von einem zwei- bis dreifachen Anteil von Chinesen gegenüber den Tibetern aus, zumindest in der Hauptstadt Lhasa.

Die gezielte Ansiedlung von Chinesen im Tibet sei auch nicht das eigentliche Problem, vielmehr seien es die chinesischen Wanderarbeiter und illegalen Zuwanderer, die nirgendwo registriert seien, aber massive sozio-politische Probleme verursachen könnten.

Stand: 30.08.2008
 
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