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Freitag, 10.02.2012
Steinzeit-Spaghetti vom Gelben Fluss
Chinesen als erste Pasta-Produzenten?

Italien ist bekannt für seine Mode, für Kunst und Architektur, für seine Strände und nicht zuletzt für seine Fußballer, die 2006 in Deutschland sogar Weltmeister wurden. Ganz besonders stolz ist man im Land zwischen Alpen und Sizilien aber auf seine Küche. Neben Pizza und Polenta – einem „arme-Leute-Gericht“, das auf Maisgries basiert – gehören dazu vor allem auch die Nudeln.

 Spaghetti
Spaghetti
© Erik Möller / rechtefrei  Spaghetti
Egal ob Spaghetti, Makkaroni oder Canneloni: Alle diese Hartweizenprodukte gelten als typisch italienisch und sind selbstverständlich auch dort erfunden worden – sollte man zumindest meinen. Dass dem offenbar doch nicht so ist, hat im Jahr 2005 ein Wissenschaftlerteam um Houyuan Lu von der chinesischen Akademie der Wissenschaften gezeigt.

Wissenschaftler-Streit beendet
Im Nordwesten Chinas stießen die Forscher am Oberlauf des Gelben Flusses auf Essensreste, die sich bei näherem Hinsehen als die ältesten bisher bekannten Nudeln der Welt entpuppten. Wie Radiocarbon-Datierungen ergaben, sind die 50 Zentimeter langen und drei Millimeter dicken Steinzeit-Spaghettis aus der Ausgrabungsstätte Lajia rund 4.000 Jahre alt.

„Vor der Entdeckung der Nudeln in Lajia stammten die ältesten schriftlichen Belege aus einem Buch, das während der Östlichen Han Dynastie irgendwann zwischen 25 und 220 nach Christus geschrieben wurde. Trotzdem blieb es umstritten, ob Chinesen, Italiener oder Araber als erste die Nudeln erfunden haben“, sagt Lu, der am Institut für Geologie und Geophysik in Peking forscht.

Diese Debatte scheinen die Geowissenschaftler und Archäologen nun beendet zu haben. „Unsere Funde zeigen, dass Nudeln als erstes in China produziert wurden“, so Lu weiter. Aufgespürt hatten die Wissenschaftler die prähistorische Pasta in einem Steinguttopf, der kopfüber unter einer drei Meter dicken Sedimentschicht begraben war. Als sie vorsichtig den Behälter hochhoben, fanden sie darunter die Nudelüberreste auf einem kleinen Tonhügel thronend.

„Es war diese einzigartige Kombination von Umständen, die für ein Vakuum oder luftleeren Raum zwischen der Spitze des Sedimentkegels und dem Boden der Schale sorgte und damit die Nudeln konservierte“, erklärt der Co-Autor der Studie Kam-biu Liu von der Louisiana State University im Interview mit der BBC.

Fotos vor dem Zerfall
Nur der Reaktionsschnelligkeit von Houyuan Lu ist es zu verdanken, dass die Steinzeit-Nudeln überhaupt für die Öffentlichkeit und die Wissenschaft festgehalten werden konnten: Denn nach dem Lüften des Topfes schoss der Forscher sofort einige Bilder von der sensationellen Entdeckung. Anschließend zerfielen die Nudeln an der Luft noch vor seinen Augen zu Staub.

Wie die Wissenschaftler bei Untersuchungen der Überreste herausfanden, bestanden die Ur-Nudeln, die an die in China noch immer gebräuchlichen La-Mian-Nudeln erinnerten, nicht aus Hartweizen wie die heutigen, sondern aus Mehl von Kolben- und Rispenhirse.

Das „Pompeji“ Chinas
Das Forscherteam geht zudem davon aus, dass zwei schnell aufeinanderfolgende Naturkatastrophen – ein verheerendes Erdbeben und eine ebenso zerstörerische Flutwelle - die Siedlung in Lajia zerstörten. Die Menschen im „Pompeji Chinas“ wurden von den Naturereignissen quasi beim Mittagessen überrascht und konnten sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen. Darauf deuten unter anderem einige in abnormen Stellungen entdeckte menschliche Skelette in Lajia hin.

Doch trotz all dieser Erkenntnisse sind längst noch nicht alle Rätsel um die Steinzeit-Pasta gelöst. Warum waren die Nudeln mehr als 50 Zentimeter lang? Wie wurden sie zubereitet? Handelt es sich dabei um Hausmannskost oder ein Festtagsessen? Auf diese Fragen müssen die Wissenschaftler um Houyuan Lu erst noch Antworten finden.

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