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Freitag, 10.02.2012
Von Tauben, Affen und Termiten
Händigkeit im Tierreich

Der Mensch ist bei weitem nicht das einzige Lebewesen, das für bestimmte Aktionen eine Hand, ein Auge oder einen Fuß bevorzugt. Ganz im Gegenteil. Das Phänomen der Händigkeit zieht sich quer durch das Tierreich – allerdings in ganz unterschiedlicher Weise. So sind die Krähen auf einer Inselgruppe vor der australischen Küste ausgeprägte „Rechtsbeißer“. Die Vögel zupfen sich Blätter mithilfe ihres Schnabels so zurecht, dass daraus ein Werkzeug für das Stochern nach Insekten wird. Dabei hält, wie Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Nature“ berichteten, der überwiegende Teil der Krähen das Blatt rechts an den Kopf und knabbert es dann in die gewünschte Form.

Viele Papageienarten sind dagegen Linksfüßer. Nahrung ergreifen sie grundsätzlich mit links und auch beim Klettern ist es dieser Fuß, der die Hauptarbeit leistet. Die rechte Seite dient dagegen vorwiegend als Standbein. Warum das so ist, weiß bisher niemand so genau.

Hühnerküken sind rechtsäugig 
Hühnerküken sind rechtsäugig
© GFDL  Hühnerküken sind rechtsäugig
Vögel: Vererbt ja, Händigkeitsgen nein
Für die Ursachen einer anderen Präferenz, die „Rechtsäugigkeit“ vieler Vögel, darunter Tauben und Hühnern, gibt es dagegen bereits erste Hypothesen: Diese so genannte visuelle Asymmetrie entsteht nach Ansicht von Onur Güntürkün, Professor für Biopsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, dadurch, dass der Kopf der Küken im Ei so gedreht liegt, dass das rechte Auge näher an der Eischale liegt, das linke aber vom Körper verdeckt wird. Dadurch erhält das rechte Auge mehr Licht und damit optische Reize, die die Entwicklung des Sehsinns auf dieser Seite stimulieren

„Wenn sie nun hingehen und fragen würden würde, ist dies eine Asymmetrie des Gehirns? Dann wäre meine Antwort: ja“, erklärt Güntürkün in einem Interview mit dem Deutschlandradio. „Fragen Sie: Ist sie vererbbar, wäre meine Antwort ebenfalls: ja.“ Aber, so betont der Forscher, ausschlaggebend dafür ist eben kein Gen im visuellen System selbst, sondern die indirekte Wirkung der Gene, die die Position des Kükens im Ei bestimmen. Letztlich ist die Äugigkeit der Tauben und Hühner damit quasi ein „Nebenprodukt“ eines ganz anderen Prozesses.

Säugetiere: Präferenz nur individuell
Könnte das für die menschliche Händigkeit möglicherweise auch gelten? Oder gibt es hier doch eine direkte genetische Wurzel? Eine Antwort auf diese Fragen erhoffen sich Wissenschaftler unter anderem bei einem Blick auf die Säugetiere, der Tiergruppe, zu der auch wir gehören.

Interessanterweise ist bei diesen die Verteilung der Händigkeit deutlich weniger ungleich: Zwar haben Hunde, Katzen, Pferde und auch Elefanten meist eine bevorzugte Seite, das Verhältnis von rechts und links hält sich dabei aber in Bezug auf die gesamte Art in etwa die Waage. Auch bei Rhesusaffen und anderen afrikanischen Affenarten findet sich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Links- und Rechtshändern. Anders dagegen die Lemuren und Neuweltaffen, sie bevorzugen tendenziell eher die linke Seite. Eine so ausgeprägte und für die gesamte Art geltende Einseitigkeit wie bei uns Menschen ist bei den Säugetieren jedoch bisher nicht entdeckt worden.

 Schimpanse
Schimpanse
© Thomas Lersch/GNU FDL  Schimpanse
Schimpansen: Arbeitsteilung je nach Tätigkeit?
Doch es gibt ja noch die Menschenaffen, unseren nächsten Verwandten. Vielleicht sind sie uns ja auch in dieser Hinsicht bereits ähnlich? Die Antwort darauf ist leider ein entschiedenes „Jein“. Die Schimpansen im Yerkes Primatenforschungszentrum in Atlanta beispielsweise sind zwar vorwiegend Rechtshänder, der Anteil der „Lefties“ liegt aber bei gut einem Drittel. Der Primatenforscher William Hopkins testete dies unter anderem in Situationen, in denen die Affen zwar beide Hände benötigen, diese aber jeweils unterschiedliche Aufgaben hatten. In einem Fressversuch bekamen die Schimpansen beispielsweise ein mit Erdnussbutter gefülltes Stück Plastikrohr gereicht. Die Linkshänder unter ihnen griffen typischerweise mit der rechten Hand das Rohr und nutzen die aktivere Linke, um die süße Belohnung nach und nach heraus zu pulen, die Rechtshänder machten es genau umgekehrt.

Bei wildlebenden Schimpansen scheint der Anteil der Linkshänder sogar noch höher zu sein – zumindest für bestimmte Aufgaben, wie die Forscher um Hopkins in einem Nationalpark in Tansania feststellten. In ihrer vier Jahre dauernden Studie beobachteten sie, dass die meisten Tiere für das „Angeln“ nach Termiten die linke Hand benutzten. „Im Gegensatz zu bisherigen Annahmen zeigen wilde Schimpansen auf Populationsebene beim Werkzeuggebrauch eine Linkshändigkeit“, erklärt Hopkins. Die Berichte anderer Forscher, die Schimpansen beim vorwiegend rechtshändigen Nüsseknacken beobachtet haben, scheinen dem jedoch zu widersprechen. Ob es sich hier vielleicht sogar um eine Art „Arbeitsteilung“ handelt, nach dem Motto: links für die feinen Arbeiten und rechts fürs Grobe, wird diskutiert, ist aber bisher nicht bewiesen.

Klar aber ist in jedem Fall, dass der Mensch mit seiner extremen Bevorzugung der rechten Hand im Tierreich relativ alleine steht. Nur Homo sapiens hat auf Populationsebene ein Verhältnis von 9:1 für die Präferenz einer Seite. Aber warum? Und wo ist diese Asymmetrie verankert?

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